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Bonnaroo-Festival: "Schüsse" auf Konzert von Eminem: Warum die Aufregung darüber großer Quatsch ist

Bei einem Konzert im Rahmen des Bonnaroo-Festivals in den USA hat Eminem für einen kurzen Schockmoment gesorgt. Der Grund: Soundeffekte, die nach Schüssen klangen. Viele Fans sind deshalb sauer und enttäuscht. Zu Unrecht.

Eminem

Im Kreuzfeuer der Kritik: Eminem beim Bonaroo-Festival in Manchester

Picture Alliance

Eminem hat im Rahmen seines Auftritts beim Bonnaroo-Festival im US-Bundesstaat Tennessee für Aufregung gesorgt. Grund dafür waren Soundeffekte am Ende des Songs "Kill You", die nach Pistolenschüssen klangen. Dazu wurden Videos von schreienden Menschen in Panik gezeigt. Offenbar fühlten sich einige Besucher davon so nachhaltig verstört, dass in den sozialen Medien nun massiv Kritik am US-Rapper geübt wird.

Einige Twitter-User geben an, das Konzert vorzeitig verlassen haben. Andere verweisen auf die "Geschmacklosigkeit", nur Monate nach dem Anschlag auf dem Country Music Festival in Las Vegas im vergangenen Jahr derartige Effekte in sein Set einzubauen. Damals hatte ein Attentäter von einem Hotelfenster aus in die Menge geschossen und 59 Menschen getötet.

Eminem: Über den Geschmack lässt sich streiten

Viele Fans zeigen sich sauer und enttäuscht, wünschen sich eine öffentliche Entschuldigung von Eminem. Einerseits dürften sie auf ein derartiges Statement des 45-Jährigen lange warten können, andererseits ist die Forderung an sich auch großer Quatsch.

Zwar lässt sich über den Geschmack solcher Einlagen streiten, seit Konzertveranstaltungen in der Vergangenheit bereits zum Schauplatz fürchterlicher Anschläge geworden sind - siehe nicht nur Las Vegas, sondern zum Beispiel auch den Gig von Ariana Grande in Manchester.

Trotzdem ist Eminem der denkbar schlechteste Adressat, von dem politische Korrektheit zu erwarten wäre. Seit den frühen Tagen seiner nunmehr knapp 20-jährigen Weltkarriere war "Slim Shady" kein Tabu zu groß, um es nicht zu brechen. Dabei waren die Schockeffekte nie bloß Pose, sondern elementare Ausdrucksform, um seine Kunstfigur (die manchmal mit der wahren Persönlichkeit verschwamm) zu erzählen.

Ein bisschen aus der Zeit gefallen

Mit seinem entsprechend radikalen Werk wurde Eminem zum erfolgreichsten Rapper der Welt und in den frühen Nullerjahren zu einem der einflussreichsten Musiker überhaupt. Weil niemand die künstlerischen Grenzen mutiger ausgelotet und manchmal auch ganz bewusst überschritten hat.

Diese kompromisslose Haltung wirkt im aktuellen Klima politischer Überkorrektheit ein bisschen aus der Zeit gefallen. Trotzdem oder gerade deshalb sollten wir dringend davon absehen, sie Eminem vorzuwerfen. Es ist schlimm genug, dass die frühen Eminem-Alben in ihrer Radikalität heute vielleicht so nicht mehr möglich wären, denn: Je sensibler die Stimmung, desto wichtiger die Wahrung der künstlerischen Freiheit. Und die Zensur lauert immer gleich hinter der nächsten Ecke.

Deshalb sollten wir die "Schüsse" auf Eminems Konzert als Scherz verbuchen. Wenn auch, zugegebenermaßen, als ziemlich schlechten.