HOME

"Zahlen lügen nicht": Das sind doch alles Assis: Warum wir in Deutschland so Hip-Hop-feindlich sind

Hip Hop polarisiert in Deutschland wie kaum eine andere Musikrichtung bzw. Kultur. Trotzdem hat er sich zu einem der wichtigsten Genres gemausert – und findet dennoch im Mainstream kaum statt. Woran liegt das?

Die Rapper Fler, Rin, Bausa, Gzuz, Raf Camora und Nimo aus Deutschland auf einem Bild.

Fler (l.), Gzuz, Rin, Bausa, Raf Camora und Nimo haben allesamt auf Youtube Millionen Aufrufe. In den Mainstream-Medien in Deutschland finden sie aber nur selten statt. Woran liegt das? 

"Ich geh' raus mit meinen Jungs heute, Baby" tönt es aus den Boxen des Kleinwagens. Hinterm Steuer sitzt Felix. 21 Jahre alt. Student. Seine Finger bewegt er zum Takt der . "Das ist Rin, diggi", sagt er. "Der hat irgendwie was." Dann dreht er noch ein Stück lauter. Als ob er damit sagen will: Je lauter die Musik, desto mehr bin ich damit verbunden. 

Der Rapper, der über die Boxen des zu hören ist, laufe gerade bei ihm rauf und runter, wie Felix verrät. "Hip Hop beziehungsweise Rap versteht es einfach, mit der Musik und dem Drumherum, junge Menschen wie meine Freunde und mich zu erreichen." 

Hip Hop boomt in Deutschland – findet im Mainstream aber nicht statt

Tatsächlich boomt Hip Hop gerade – und das nicht nur bei jungen Menschen. Zahlen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) zeigen, dass das Genre im letzten Jahrzehnt enorm gewachsen ist. Zum Vergleich: 2007 betrug der Anteil von Hip-Hop am Gesamtumsatz der Musikindustrie noch 1,8 Prozent. 2016 waren es schon 9,8 Prozent. Binnen neun Jahren hat sich der Umsatzanteil also verfünffacht. Damit ist Hip Hop mittlerweile das drittgrößte Repertoire in  nach Pop und Rock.

Eine Statistik zu den Umsatzanteilen der einzelnen Genres in Deutschland.

Die Zahlen zeigen deutlich, wie sehr Hip Hop in den letzten Jahren in Deutschland an Relevanz dazugewonnen hat

Es ist wahrscheinlich, dass sich der Anteil im vergangenen Jahr noch einmal vergrößert hat: dank Künstlern wie Bausa, Nimo, 187 Straßenbande oder eben auch Rin, die allesamt mit Gold-Schallplatten (Anm. d. Red. mindestens 100.000 verkaufte Alben oder 200.000 verkaufte Singles) ausgezeichnet wurden. Einen gewaltigen Anteil daran hat vor allem Streaming. Gerade bei ist Rap seit Jahren eine der meistgehörten Musikrichtungen – auch in Deutschland. Nicht umsonst waren 2017 unter den fünf meist gestreamten Künstlern bei Spotify drei deutsche Rapper (Raf Camora, BonezMC und Kollegah).

In den Mainstream-Medien ist von diesem Aufstieg aber wenig zu hören, zu sehen oder zu lesen. Im Radio läuft trotzdem eher Mark Forster oder Ed Sheeran. In Talkshows sind trotzdem eher Helene Fischer oder Andreas Bourani zu Gast. Die meisten Feuilleton-Print-Redaktionen schreiben trotzdem zum gefühlt 99. Mal über das neue Album von Metallica oder der Toten Hosen. Woran liegt das? Steht Rap beziehungsweise Deutschrap noch immer unter Generalverdacht?

Das Problem fängt bei Fanta 4 und Fettes Brot an

"Ja!", sagt Fler. Seit Anfang der 2000er-Jahre gehört der Berliner zu den erfolgreichsten Rappern Deutschlands. Seiner Meinung nach hat das schlechte Image mehrere Gründe. "Hip Hop ist in den USA, wo es ja ursprünglich herkommt, ganz anders entstanden als hier. Das erste Mal, dass Medien über Deutschrap berichtet haben, ging es um Fettes Brot und Fanta 4." Und genau das sei das Problem, sagt Fler. "Die meisten Menschen in Deutschland glauben allen Ernstes, dass das Rap ist. Wenn dann ein Typ wie ich oder damals Aggro Berlin (Anm. d. Red. Berliner Musiklabel, bei dem unter anderem Fler, Bushido, Sido und B-Tight unter Vertrag standen) um die Ecke kommt, wird man abgestempelt, weil man laut ist und polarisiert. Dabei sind wir doch diejenigen, die diese Kultur und diese Musikform richtig repräsentieren. Wir stehen für die Werte von Hip Hop: Realness, Lifestyle und Straße."

Diese Werte habe man den Leuten erst einmal verklickern müssen, sagt der Rapper. Das Internet sei dabei entscheidend gewesen. "Jetzt sind wir nicht mehr auf die Medien angewiesen. Wir haben unsere eigenen Plattformen gegründet", sagt der 35-Jährige.

Musikexperte: "Deutschrap hat ein ganz anderes Business-Konzept entwickelt"

Dasselbe beobachtet der promovierte Musikwissenschaftler Paul Elvers von der Universität Hamburg: "Deutschrap hat ein ganz anderes Business-Konzept entwickelt", sagt er. "Nehmen wir beispielsweise die 187 Straßenbande. Die Promotion unterscheidet sich ganz stark von der eines Major Labels." Es gehe vielmehr um Authentizität als um reine Aufmerksamkeit.  

Das Konzept scheint vor allem bei jungen Menschen gut anzukommen. Unter den 20 erfolgreichsten deutschen Musikern 2017 in den sozialen Netzwerken sind zehn Rapper. Umso merkwürdiger ist es, dass Hip Hop noch immer nicht wirklich in den Medien auftaucht. 

Das hängt auch mit den Journalisten und deren eigener Jugend zusammen. "Aus mehreren Studien geht hervor, dass die Musikgeschmackentwicklung vor allem in jungen Jahren stattfindet – durch besonders intensive Erfahrung beispielsweise", sagt Elvers. "Dieser Geschmack ändert sich im späteren Alter nicht mehr so stark." Soll heißen: Was du in der Pubertät gehört hast, hörst du später auch. Es gebe immer einen sehr starken Rückbezug auf die Jugend, erklärt der Musikwissenschaftler. Das mache es aber umso schwieriger, älteren Menschen Musik der jetzigen Jugend nahzubringen.

Fler: "Zahlen lügen nicht"

Natürlich werden Kritiker jetzt wieder sagen, dass Hip Hop NUR auf einer Erfolgswelle reite. Es sei NUR gerade angesagt. 187 und Co. seien NUR ein Phänomen. NUR genau das hat man vor 14 Jahren gesagt. "Das ist alles nichts Neues", sagt Fler. "Ich bin mit meinem Debütalbum 'Neue Deutsche Welle' fast Gold gegangen. Habe 87.000 Einheiten verkauft. Wurde ich im Radio gespielt? Nein! Aber jetzt durch die sozialen Netzwerke, durch Youtube und durch Spotify und Co. sehen alle die Zahlen. Und die sprechen für sich. Zahlen lügen nicht."

Einige wenige Medienmacher haben das allerdings doch schon begriffen. Warum sonst hatte Jan Böhmermann Dendemann als Sidekick? Warum sonst ließ er Fler in seiner Sendung seine Songs performen? Warum sonst wird die Fernsehserie "4 Blocks" gefeiert, in der unter anderem die Rapper Veysel und Massiv (und demnächst auch Gzuz von der 187 Straßenbande) mitspielen? Weil es mittlerweile einige wenige, vermutlich jüngere Menschen in den Medien verstanden haben, dass Hip Hop eine der wichtigsten Musikrichtungen und Kulturen Deutschlands ist. Es ist nur eben ein Prozess, der (leider) zu spät angefangen hat und zu viel Zeit braucht.