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Farid Bang und Kollegah: Moritz Bleibtreu über den Echo-Eklat: "Deutschland versteht Hip Hop nicht"

Schauspieler Moritz Bleibtreu ist dem deutschen Hip Hop sehr verbunden. Für seine Filme arbeitet er regelmäßig auch mit Rappern zusammen. NEON erzählt er, warum er die Debatte um die Echo-Vergabe lächerlich findet.

Moritz Bleibtreu

Moritz Bleibtreu ist unter anderem mit dem Rapper Xatar befreundet

Picture Alliance

Moritz, du giltst als Rap-Fan. Hast du die Debatte um die Echo-Vergabe an Farid Bang und Kollegah verfolgt?

Ich bin Rap-Kind der allerersten Stunde. Ich hab die Debatte um den Echo verfolgt, aber dass es so aufgebauscht wird und so eine Resonanz bekommt, ist absurd. Das liegt doch alles an den Statuten! So lange man den Preis an den vergibt, der die meisten Platten verkauft, braucht man nichts sagen. Wenn da jetzt eine Jury dahinter stehen würde, die ihn bewusst auszeichnet, dann kann man das kritisieren. Aber wir reden hier über einen Industriepreis, der an den geht, der die meiste Kohle verdient. Das kann man nur belächeln eigentlich.

Glaubst du, dass Rap in Deutschland missverstanden wird?

Die Rap-Kultur ist sehr eigen, mit bestimmten Regeln und einer Geisteshaltung, die stark politisch und sozial geprägt ist. Wenn man das nicht kennt, hat man sicherlich Probleme, nachzuvollziehen, wie Rap funktioniert. Das gilt vor allem für den Battle-Rap, der verbaler Kampfsport ist. Da versucht man, sich stärker zu machen, als man ist und das auf möglichst lyrisch anspruchsvolle und humoristische Weise. Klar - das kann auch mal daneben gehen. Aber wenn man den Grundsatz nicht verstanden hat, ist es schwer, darüber zu urteilen.

Das heißt, Zeilen wie "Mein Körper, definierter als der von Auschwitzinsassen" gehören zum Rap?

Man muss solche Zeilen immer im Kontext betrachten. Ich glaube an die künstlerische Freiheit. Es muss erstmal möglich sein, das zu sagen, was man möchte. Und dann darüber zu diskutieren. Diese ganze Aufregung heute macht keinen Sinn. Ich bin aufgewachsen mit Diskussionen am Kantinentisch im Theater. Da saßen Leute mit unglaublich radikalen Meinungen zusammen. Auch in den 60ern und 70ern gab es Geisteshaltungen, die diskutiert wurden, bei denen einem heute die Haare zu Berge stehen würden. Aber damals gab es eine Streitkultur, die davon gelebt hat, dass man sich austauscht. Es ging nicht um Verbote und Dogmatisierungen. Das hatte nichts damit zu tun, Preise zurückzugeben und sich zu positionieren. Es ging um ein Gespräch und das findet aufgrund dieser sehr laut geführten Debatte nicht mehr statt. Das ist schade, denn damit verbaut man sich die Möglichkeit, künstlerisch extrem zu sein. Es muss nicht mein Geschmack sein, aber es muss möglich sein.

In Deutschland wird also viel gesagt - aber zu wenig diskutiert?

In Deutschland muss man aufgrund unserer Vergangenheit sehr vorsichtig mit dem sein, was man sagt und was man tut. Und das ist auch richtig so! Ich meine da gar nicht unbedingt die Line von Farid Bang. Aber dem entgegen steht die Rap-Kultur, die aus den USA kommt. Dort gibt es keine Bescheidenheit, weil es dort auch weniger Neid gibt. Diese Kultur lebt von Selbstüberschätzung, von Größenwahn und Laut-sein. Das sind alles Wertigkeiten, die in Deutschland seit den 20er Jahren verschwunden sind. Natürlich hat es so eine Kultur deshalb umso schwerer hier.

Aber die Jüngeren scheinen es zu verstehen: Deutsch-Rap ist mit Abstand das erfolgreichste Genre.

Das ist doch alles nichts Neues! Wir haben die wackelnden Hüften von Elvis damals zensiert, vor langhaarigen Rockern und ihrer Musik wurde gewarnt. Man muss doch schnallen, dass die Jugend ihre Ausdrucksformen hat, an denen wir irgendwann nicht mehr dran sind. Das ist ein wiederkehrendes Prinzip: Der Hip Hop ist der Rock'n'Roll unserer Zeit. Das Neue ging damals den Eltern auf den Sack, und so ist es auch heute. Das wird nicht verstanden.

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