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"Jesus Is King" Kanye Wests katastrophales neues Album: Was für eine Verschwendung!

Kanye West
Denkt hier wahrscheinlich gerade mal wieder an Gott (also an sich selbst): Kanye West, Tausendsassa auf Abwegen
© Saul Loeb/AFP
Kanye West hat mal wieder schon im Vorfeld ein großes Gewese um sein neues Album veranstaltet. Seit Freitag ist "Jesus Is King" nun draußen – und beweist leider, dass Kanyes Musik dem Hype längst nicht mehr standhält.

Nichts macht in der Ära Trump müder als der inflationäre Gebrauch von Superlativen, und trotzdem macht es Sinn, diesen Text mit einem anzufangen: Kanye West ist einer der wichtigsten Popkünstler der letzten 15 Jahre. Es ist wichtig, sich das vor Augen zu führen, weil sich die Katastrophe, die sein neues Album "Jesus Is King" ist, sonst nicht nachvollziehen lässt.

Kanye West hat Meilensteine gesetzt, seit er als blutjunger Produzent maßgeblich daran beteiligt war, Jay-Zs Album "The Blueprint" (2001) zum HipHop-Klassiker zu machen: Er brachte auf seinen frühen Alben die Soul-Samples zurück in den Rap, er hat auf "808 & Heartbreak" den Autotune-Siegeszug ausgelöst, und mit "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" schuf er 2010 ein genreübergreifendes Meisterwerk.

Kanye West: Sound immer noch state of the art

Kanye West ist immer noch ein begnadeter Produzent, das war er bei aller nebenberuflichen Begeisterung für Mode, Architektur oder Design immer zuvorderst, und das ist auch auf "Jesus Is King" nicht zu überhören. Sein Sound ist immer noch state of the art. Allein: Er kriegt keine ordentlichen Songs mehr hin. "Jesus Is King" ist gerade einmal 27 Minuten kurz, die elf Stücke dauern oft kaum länger als 120 Sekunden und sind bestenfalls als Fragmente zu bezeichnen. Kurz gesagt: was für eine Verschwendung!

Wie immer hat West vor der Veröffentlichung ein großes Gewese gemacht: Termine verschoben, einen seltsamen Film gemacht, bisschen bullshit in Interviews geredet – eben das klassische Kanye-Promopaket. Alles deutete deshalb auf eine Rehabilitation für das ähnlich lieblose Vorgänger-Minialbum "Ye" hin, erst recht, nachdem West eine mehrfach angekündigte Platte namens "Yandhi" verworfen hatte.

Es war getrost mit nicht weniger als einer großen Gospel-Platte zu rechnen, "Jesus Walks" auf Albumlänge, es wäre nur logisch gewesen nach dem "Sunday Service" – jenen sogenannten Gottesdiensten, die er zuletzt ständig abgehalten hatte.

Und dann das.

"Jesus Is King": die lustloseste halbe Stunde, die West jemals vorgelegt hat. Leider eine logische Weiterentwicklung nach dem wirren, unfertigen und überlangen "Life Of Pablo" sowie dem halbgaren "Ye". Beide Vorgänger konnten mit Wohlwollen noch als Betriebsunfälle aufgefasst werden, aber das hier nicht mehr. Stattdessen ist das vor ein paar Jahren noch Undenkbare passiert: Kanye West hat sein musikalisches Mojo verloren.

Tracks wie "Selah" oder "God Is" deuten zwar an, was möglich gewesen wäre, aber das macht es nur noch bitterer für Fans, die den alten Kanye seit seinem letzten schlüssigen Album – dem brutalen Black-Power-Brett "Yeezus" von 2013 – vermissen. Zudem enden die meisten Stücke dermaßen abrupt, dass es eine ähnliche Provokation darstellt wie das lieblose Artwork.

Die Fans haben keine Argumente mehr

Klar, Kanye hat einen Knall und macht, was er will, das ist Teil seines künstlerischen Charmes. Aber selbst Fans, die ihn seit Jahren verteidigen, wenn er mal wieder von Trump schwärmt oder Taylor Swift beleidigt, haben ob dieser Bankrotterklärung keine Argumente mehr, denn die Musik, die früher über alle anderen Zweifel erhaben war, hält dem Hype längst nicht mehr stand.

Kanye West war lange das Genie, das alles mühelos erscheinen ließ. Inzwischen ist er nur noch das Genie, das sich keine Mühe mehr gibt.


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