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Schlüpfrige Lyrics: "Pretty Young Thing": Diese Songs von Michael Jackson klingen nach der Skandal-Doku besonders verstörend

Viele Musikfans sind nach Veröffentlichung der HBO-Doku "Leaving Neverland" der Meinung, dass die Lieder von Michael Jackson nicht mehr hörbar sind. Dabei ist die interessantere Frage: Was passiert mit uns, wenn wir sie eben doch hören?

"Leaving Neverland": Das ist der Trailer zur Doku über die Missbrauchsvorwürfe gegen Michael Jackson

Sollten wir Michael Jackson noch hören? Es ist die alte und ausgesprochen anstrengende Diskussion, die seit Veröffentlichung der Doku "Leaving Neverland" mal wieder entbrannt ist. Sie hat bereits dazu geführt, dass so mancher Radiosender die Musik des entzauberten "King of Pop" aus dem Programm genommen hat.

Dabei sollte uns längst klar sein: Die Welt ist keine heile, und Kultur wird nicht ausschließlich von guten Menschen erschaffen. Jeder Konsument sollte deshalb seine eigenen Grenzen ziehen.

Michael Jackson: So hört er sich heute an

Es ist ohnehin zweifelhaft, ob irgendjemand die expliziten Schilderungen des Kindesmissbrauchs durch Jackson nach "Leaving Neverland" noch ausblenden kann. Und daraus ergibt sich auch die interessantere Frage: Was passiert eigentlich mit uns, wenn wir seine Lieder angesichts der Enthüllungen heute eben doch hören?

Es sind vor allem zwei Erkenntnisse, die nach dem Streamen von Jacksons Diskografie im März 2019 noch bleiben: Zum einen, dass die Qualität der Produktion von Songs, die teilweise vor über 30 Jahren aufgenommen wurden, immer noch unglaublich gut ist. Die Musik ist hervorragend gealtert beziehungsweise überhaupt nicht gealtert. Sie klingt erstaunlich zeitgemäß.

Zum anderen sorgen die Texte der Lieder für mehr als nur ein mulmiges Gefühl – nach allem, was inzwischen über Jacksons Lebensstil bekannt ist. Manche Songs klingen mit ihren schlüpfrigen Lyrics angesichts der aktuellen Erkenntnisse sogar ganz besonders creepy. NEON hat sie für euch analysiert, damit ihr es nicht müsst:

P.Y.T. (Pretty Young Thing)

Zugegeben, der Song wurde nicht von MJ selbst, sondern von Quincy Jones und James Ingram geschrieben. Und das Subjekt der Begierde, das hier besungen wird, ist weiblich. Und trotzdem ist es eher schwer zu ertragen, wie Jackson hier den behutsamen Verführer gibt: "I want to love you, pretty young thing, you need some lovin', tender lovin' care" ... 

Human Nature

"I like livin' this way", singt Jackson in diesem Song vom Album "Thriller", so als wollte er sich schon 1982 rechtfertigen für spätere Vorwürfe, "I like lovin' this way". Und auch seine sparsame Erklärung im Refrain klingt wie der Vorbote des späteren Größenwahns eines Weltstars, dem man alles durchgehen ließ: "If they say / Why, why / Tell 'em that it's human nature / Why, why does he do me that way / If they say / Why, why / Tell 'em that it's human nature". Anders gesagt: Er konnte halt nicht anders.

Bad

In seinem Artikel für die "New York Times" schreibt Autor Wesley Morris unter anderem über Jacksons karrierebegleitende Metamorphose vom hübschen Mann zum entstellten Wesen: "Aber was, wenn all die Veränderung, der er sich berüchtigterweise unterzog (...), all die Kreaturen, in die er sich in seinen Videos verwandelte (Werwölfe, Zombies, ein Panther, ein Skelett) (...), was, wenn sein äußeres Ich eine Art halbbewusster Ausdruck des Monsters wurde, dass im Innern lauerte?" Jackson nannte seine Alben "Bad" oder "Dangerous", und auch wenn er mit einem Song wie diesem wohl eher street credibilty vortäuschen wollte, klingen die Lyrics aus heutiger Sicht irgendwie, nun ja, schräg: "Your butt is mine, gonna tell you right", zum Beispiel. Oder: "Gonna hurt your mind (...), because I'm bad".

I Just Can't Stop Loving You

Als Michael Jackson Mitte der 90er eine öffentliche Beziehung mit Lisa Marie Presley begann, jagte schon bald ein Fremdscham-Moment den nächsten. Es war geradezu bizarr zu verfolgen, wie er mit der Elvis-Tochter eine normale, erwachsene, heterosexuelle Beziehung inszenierte. Genau so unglaubwürdig klingen aus heutiger Sicht auch alle schmachtenden Balladen, die er offenbar nur vermeintlich für irgendwelche Frauen sang – so wie dieses stellvertretende Duett mit Siedah Garrett, der ersten Single des "Bad"-Albums.

Is It Scary

Ein gruseliges Gute-Nacht-Lied, das mit heutigem Wissensstand wohl noch weniger hörbar ist als alle anderen Jackson-Songs: "There's a ghost out in the hall / There's a goul beneath the bed / Now it's coming through the walls / Now it's coming down the stairs / Then there's screaming in the dark / Hear the beating of his heart / Can you feel it in the air / Ghosts be hiding everywhere". Oder: "Am I amusing you / Or just confusing you / Am I the beast / You visualized / And if you want to see / Eccentrialities / I'll be grotesque / Before your eyes". In diesem Sinne: "Is it scary for you, baby?"

You Are Not Alone

Man muss sich das mal vorstellen: ein Schmusesong, geschrieben von R. Kelly und gesungen von Michael Jackson. Könnte es im Jahr 2019 im Kanon der moderneren Musikgeschichte überhaupt ein geächteteres Lied geben als diese Schmuseschnulze, die schon im Erscheinungsjahr 1995 unerträglich kitschig klang? Wenn ja, wollen wir sie lieber nicht hören.

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