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Meinung

Youtube-Veröffentlichung: Michael Jacksons Bukarest-Konzert ist ein gruseliges Dokument seiner Macht

Das Imperium von Michael Jackson schlägt zurück – und lädt bei Youtube als Antwort auf die schockierende HBO-Doku zwei Konzerte aus seiner großen Zeit hoch. Vor allem einer der beiden Filme lässt unseren Autor verstört zurück.

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Die Nachlassverwalter von Michael Jackson sorgen sich um die Marke des "King of Pop". Seit Ausstrahlung der zweiteiligen HBO-Produktion "Leaving Neverland" wird heftig über das Vermächtnis eines der größten Musikers der Geschichte gestritten. In der Doku erzählen zwei Männer, dass Jackson sie im Kindesalter missbraucht habe.

Als Konsequenz daraus ist unter anderem die alte Diskussion um die Trennung von Künstler und Werk entbrannt. Zuletzt strichen mehrere Radiosender rund um die Welt die Musik des 2009 verstorbenen Jackson aus ihrem Programm.

Zwei komplette Konzerte von Michael Jackson

Es wirkt deshalb wie eine direkte Reaktion des Jackson-Imperiums, dass auf der Youtube-Seite des Künstlers nun zwei komplette Konzerte aus seiner großen Zeit hochgeladen wurden: ein Konzert aus dem Londoner Wembley-Stadion im Rahmen der "Bad"-Tour 1988, sowie "Michael Jackson – Live in Bukarest" aus dem Jahr 1992.

Insbesondere der Gig in Rumänien ist aus heutiger Perspektive ein verstörendes Streamingerlebnis. Der Autor dieser Zeilen war nie ein Fan von Michael Jackson, hält die Verbannung dessen Werkes aber für überflüssige Zensur. Trotzdem erscheint ihm Jacksons Bukarest-Konzert wie ein verstörendes Dokument der Macht, über die der Popstar damals unübersehbar verfügte.

Es hat in der Geschichte der Popmusik wohl keinen begnadeteren Künstler gegeben, aber eben auch keinen, der im wahrsten Sinne des Wortes durch bloßes Fingerschnippen eine derartige Hysterie auslösen konnte wie Michael Jackson. Menschen, die mit seiner Musik aufgewachsen sind, werden sich daran erinnern. Ikonische Jackson-Inszenierungen der 80er und 90er Jahre haben sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt.

Mehr Beängstigung als Bewunderung

Und trotzdem rufen die Bilder aus Bukarest heute eher Beängstigung als Bewunderung hervor. Zunächst wäre es eine Untertreibung, Michael Jacksons Fans als solche zu bezeichnen. Das wird schon beim Blick in die wuschigen Gesichter kurz vor Konzertbeginn deutlich. Die Lust an der Unterwerfung ist durch den Bildschirm förmlich mit Händen zu greifen.

Als Jackson schließlich funkensprühend aus dem Bühnenboden schießt, scheint ein kollektiver Orgasmus das Lia-Manoliu-Stadion erbeben zu lassen. Dieser hält an, obwohl der damals 34-Jährige zunächst knapp zwei Minuten bloß dasteht und den Jubel an seiner Glitzerjacke abperlen lässt, bevor er zur allgemeinen Ekstase die Sonnenbrille von der sagenumwobenen Nase nimmt.

In den folgenden zwei Stunden werden gegen die stilprägenden Showsequenzen auf der Bühne in schöner Regelmäßigkeit die Bilder junger Rumänen aus dem Publikum geschnitten, die kreischen, keuchen, zittern und zappeln; die ohnmächtig aus der Menge gezogen werden; die ihr Gesicht verzerren, als wären sie von einem Dämon besessen. Die ganze Szenerie in einem Symbolbild:

Den Höhepunkt erreicht der Wahnsinn, als bei Minute 35:00 ein weiblicher Fan auf die Bühne darf, um sich eine Umarmung und ein Küsschen vom König des Pop abzuholen. Anschließend ist sie kaum von Jackson zu lösen. Erst ein rabiater Ordner schafft es, die Frau von der Bühne zu tragen. Dagegen versucht sie sich mit aller Kraft zu widersetzen und strampelt dabei wie ein Kleinkind, dass nicht ins Bett gebracht werden will. Ein absurdes Schauspiel.

Das ganze Ereignis ist nicht einmal im Ansatz mit unspektakulären Popkonzerten gegenwärtiger Prägung zu vergleichen. Mit einer hedonistischen Spaßveranstaltung hat das mindestens auf den ersten Blick nicht mehr viel zu tun. Die Jackson-Jünger wirken vielmehr wie Teilnehmer einer religiösen Grenzerfahrung – und das mit der Grenze ist durchaus wörtlich zu nehmen, wie die historische Einordnung belegt.

Eine Zäsur für Fans und Künstler

Der Auftritt fand am 1. Oktober 1992 statt, und so kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs dürfte Jackson den Fans in Rumänien vielleicht tatsächlich wie ein Erlöser vorgekommen sein. So geriet hier ein Musikevent zum Erweckungserlebnis – und auch für den Künstler zur Zäsur, war es doch sein letztes Konzert in Europa, bevor 1993 die ersten Anschuldigungen wegen Kindesmissbrauch gegen ihn erhoben wurden.

Aber vor allem ist "Michael Jackson – Live in Bukarest" ein so eindrucksvoller wie beängstigender Beleg für die Dominanz, die der Popstar auf seine Anhänger ausstrahlte. Das Management von Michael Jackson wollte mit diesem Konzertfilm an dessen Genie erinnern – und gibt unfreiwillig eine aussagekräftige Antwort auf die Frage, warum Jackson wohl all die Dinge tun konnte, von denen seine Opfer in "Leaving Neverland" erzählen.

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