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Analyse

Preisverleihung in Los Angeles: Die Grammys 2019 waren so weiblich, vielfältig und politisch wie noch nie

In der vergangenen Nacht sind zum 61. Mal die Grammys in Los Angeles verliehen worden. Der wichtigste Musikpreis der Welt war dabei so politisch wie noch nie. Das hatte mehrere Gründe.

Michelle Obama hielt bei den Grammys 2019 eine Rede

Michelle Obama (2. v. r.) bei den Grammys 2019 – inmitten von Lady Gaga, Jada Pinkett Smith, Alicia Keys und Jennifer Lopez (v.l.)

AP / DPA

Nur selten waren die fünf Worte "And the Grammy goes to …" so geschichtsträchtig wie in dem Moment, als bei der der 61. Grammy-Verleihung die Gewinnerin in der Kategorie bestes Rap-Album bekannt gegeben wurde: "'Invasion of Privacy' – Cardi B." Die 26-jährige Rapperin ist die erste Frau überhaupt, die in dieser Kategorie gewinnt.

Und die konnte ihr Glück kaum fassen, als sie wenig später auf der Bühne die berühmte goldene Grammophonskulptur entgegennahm. "Schatz, ich kann kaum atmen", nuschelte sie ihrem Mann Offset (selbst Rapper) zu, der mit ihr auf der Bühne stand. Sie zitterte, wusste nicht, was sie sagen soll. Man merkte ihr an, dass sie überhaupt nicht damit gerechnet hatte.

Michelle Obama: "Musik hat mir immer geholfen"

Dabei war es bei der diesjährigen Verleihung beinah ein Muss, dass mit Cardi B. eine Frau den wichtigsten Musikpreis in einem hauptsächlich männlich dominierten Genre gewinnt. Die Grammys 2019 waren nämlich so weiblich, vielfältig und politisch wie noch nie. Schon zu Beginn des Abends stand plötzlich Michelle Obama auf der Bühne – inmitten einiger der bekanntesten Frauen der Popkultur: Lady Gaga, Alicia Keys, Jennifer Lopez und Jada Pinkett Smith.

Ausgerechnet die Frau, von der sich viele Amerikaner wünschen, dass sie sich im kommenden Jahr um das Amt der US-Präsidentin bemüht. Doch in ihrer Rede kündigte Obama nicht ihre Kandidatur an, stattdessen redete sie über den gesellschaftlichen Einfluss der Musik: "Ob wir Country, Rap oder Rock mögen: Musik hilft uns dabei, uns selbst, unsere Würde und unser Leid, unsere Hoffnungen und Freude zu teilen", sagte die 55-Jährige. "Musik hat mir immer geholfen, meine Geschichte zu erzählen. Und ich weiß, das trifft für jeden hier zu".

Und obwohl die ehemalige First Lady nicht über den aktuellen Präsidenten, die gesellschaftliche Spaltung der USA oder Rassismus sprach, tat sie es indirekt schon. Zumindest sorgte der Kontext an diesem Abend dafür. Wie ist es sonst zu verstehen, dass mit Camila Cabello (Kuba), Ricky Martin (Puerto Rico) und J. Baldwin (Kolumbien) Künstler aus lateinamerikanischen Ländern die Show eröffneten? Ausgerechnet aus jenem Teil der Welt, der US-Präsident Donald Trump ein besonderer Dorn im Auge zu sein scheint. Was für ein Zeichen soll sonst gesetzt werden, wenn das Lied "This Is America" von Childish Gambino, der darin die Evolution des US-amerikanischen Rassismus anprangert, als bester Song ausgezeichnet wird? Was bedeutet es sonst, dass mit Country-Sängerin Kacy Musgrave der Preis für das beste Album ebenfalls an eine Frau geht?

Wollten die Grammys ein politisches Zeichen setzen?

Die Antwort: Offenbar will die Musikbranche ein politisches Zeichen setzen. Viel zu oft wurden die Grammys in der Vergangenheit kritisiert. Der Vorwurf: zu wenig Frauen, zu wenig Rap und zu wenig Vielfalt. Aus diesem Grund lehnten es Künstler wie Kendrick Lamar oder Childish Gambino sogar ab, bei der Verleihung aufzutreten, wie die "New York Times" berichtete. Letzterer kam gar nicht erst – und das, obwohl er vier Grammys gewann.

Rapper Drake nutzte die Dankesrede für seinen Grammy ("Best Rap Song" mit "God’s Plan"), um die Recording Academy zu kritisieren: "Schaut mal, wenn es Leute gibt, die reguläre Jobs haben, die im Regen und Schnee rauskommen und Geld ausgeben, um Tickets für deine Shows zu kaufen, brauchst du das hier nicht." Obwohl er noch nicht fertig war, wurde kurzerhand sein Mikro abgeschaltet und in die Werbung übergeleitet. Dafür gab es laut einem Sprecher der Grammys allerdings einen anderen Grund: "Während Drakes Rede gab es eine natürliche Pause. Daher nahmen die Produzenten in diesem Moment an, dass er fertig war, und schnitten dann rüber zur Werbung." 

Wirklich überzeugend klingt das nicht. Aber zumindest bleibt der Eindruck, dass die Recording Academy den Versuch gewagt hat, ein sozialkritisches Zeichen zu setzen, ohne dabei direkt mit der Tür ins Haus zu fallen. Wenn es nach Drake geht, muss in Zukunft aber noch mehr getan werden.

Grammy Awards 2019