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Gastbeitrag

Oasis-Star: Noel Gallagher: "Dank Bowie wurde mir klar: Ich kann alles schaffen, was ich will"

Noel Gallagher gründete zusammen mit seinem Bruder Liam Oasis. Inzwischen ist er mit seiner Band Noel Gallagher's High Flying Birds unterwegs. Das aktuelle Album heißt "Who Built The Moon?" Für NEON erklärt er, wieso David Bowie sein Leben für immer geprägt hat.

Von Noel Gallagher

Noel Gallagher

Noel Gallagher tourt inzwischen mit seiner Band Noel Gallagher's High Flying Birds

Picture Alliance

David Bowie hat mich umgehauen. Ich war 16 und hing eines Nachts in Manchester bei einem Kumpel ab. Wir rauchten Joints, der Fernseher lief im Hintergrund. Die Uhr an der Wand zeigte kurz vor vier, die Zeiger standen jedoch still. Es war vielleicht Mitternacht, als ich durch meinen Zigarettenrauch das David-Bowie-Video zum Song "Heroes" sah. Es lief in der Sendung "Five-Minute Profile" auf Channel 4, in der berühmte Musiker vorgestellt wurden. Ich rutschte ganz nach vorn an den Rand meines Sessels und machte den Ton lauter. Die Zeile "We can be heroes, just for one day" hat mich gepackt. Es war, als würde Bowie über mich singen mich, einen Niemand, der bekifft in dieser Wohnung hockt, aber davon träumt, jemand Großes zu sein. Dank Bowie wurde mir klar: Ich kann alles schaffen, was ich will.

Nicht nur der Text war toll, sondern auch die Gitarre sie klang so wie wenig später auch Oasis. In dieser Nacht habe ich verstanden, wie vielfältig Bowie war. Er hat jede Phase seines Lebens, jede Seite seiner Persönlichkeit wirklich gelebt. Er war der alienhafte Ziggy Stardust, der kühle Thin White Duke, der Typ im Nebel im "Heroes"-Video. Er hat sich bestimmt zwölfmal komplett gewandelt und war immer glaubwürdig. Wer schafft das? Wenn ich mir plötzlich ein Clownskostüm anziehen würde, wäre das lächerlich. Bei ihm hat es gepasst. Er hatte einfach keine Angst vor Veränderungen. Auch seine Musik hat sich immer weiterentwickelt, sie war nie retro. Bowie ist einer der ganz Großen, wie Picasso.

"Als ich Bowie traf, war ich total zugedröhnt"

Am Tag nach dieser Erkenntnis bin ich zu meinem Lieblingsplattenladen Sifters in der Fog Lane gegangen. Ich hatte kein Geld, wollte aber unbedingt ein Bowie-Album haben. Zum Glück konnte ich dort eine meiner alten Platten eintauschen. Seitdem begleitet mich seine Musik.

Ich bereue jeden Tag, dass ich total zugedröhnt war, als ich Bowie einmal getroffen habe. Er spielte im November 1995 im Wembley-Stadion in London, ich stand im Publikum. Jemand fragte mich, ob ich David Bowie kennenlernen wollte, und nahm mich mit hinter die Bühne. Ich weiß von dem Treffen so gut wie nichts mehr. Es gibt nur ein Bild von Bowie und mir. Ich stehe neben ihm, in T-Shirt und schwarzer Jacke, hinter uns ein Kühlschrank voller Bier. Ich muss irgendwas Witziges gesagt haben er lacht total. Wahrscheinlich habe ich mich gerade über Liam lustiggemacht. Leider habe ich David Bowie nie gesagt, wie wichtig der Song "Heroes" für mich war.

Zusammen mit Oasis habe ich den Song sogar gecovert. Er ist auf der B-Seite zur Single "D’You Know What I Mean?" drauf. Unsere Version ist aber nicht gut geworden. Alles ist schlimm daran. Bowie zu spielen, war eh eine Notlösung: Irgendwann hatten wir keine eigenen Songs mehr. Gedankenversunken spielte ich vor einem Konzert backstage "Heroes" auf der Gitarre. Lass uns doch den Song mit auf die Platte nehmen, sagte einer aus der Band. Eine schlechte Idee.

Oasis

Gemeinsam mit seinem Bruder Liam (r.) war Noel Gallagher als "Oasis" über Jahre sehr erfolgreich

Picture Alliance

"Ich bin dankbar, die gleiche Luft geatmet zu haben wie er"

Bowie inspiriert mich heute noch. Der Song "It’s A Beautiful World" wäre ohne ihn nie entstanden. Zu Hause klang der Refrain super, im Studio funktionierte er überhaupt nicht. Ich war ziemlich frustriert und gerade dabei, meine Sachen zu packen, als mein Toningenieur fragte: "Was würde David Bowie jetzt tun?" Ich hielt inne und dachte: "Das ist die beste Frage überhaupt. " Wir bestellten Hühnchen, lehnten uns in den Studiosesseln zurück und hörten uns durch Bowie-Platten. Irgendwann hatte ich den Refrain: "It’s a beautiful world, when we dance in the light." Das hätte auch von Bowie sein können. Er schaffte es, simple und gleichzeitig fucking großartige Zeilen zu schreiben. Nicht viele können das.

Vollkommen zu Recht hat Bowie 2014 bei den Brit Awards den Preis als bester männlicher Künstler gewonnen. Ich habe die Trophäe zusammen mit Kate Moss übergeben. Am nächsten Tag hing ich auf dem Sofa, als mein iPad "Pling" machte: "Lieber Noel, vielen Dank für die netten Worte gestern Abend. Schreib weiter. DB." Ich dachte: "DB, wer ist das?" Dann dämmerte es mir: Fuck, es kann doch nicht David Bowie sein?! Ich antwortete: "Kein Problem, Mann. Fang du wieder an, aufzutreten. " Wir schickten uns fünf, sechs Mails hin und her. Ich weiß nicht, ob er meine Musik mochte. Vielleicht wollte er mit "Schreib weiter" sagen: "Du bist noch nicht angekommen." Oder aber: "Mach weiter so." Ich hoffe, er meinte das Zweite. Ich bin sicher, dass wir uns gut verstanden hätten. Ich hätte gern mit ihm abgehangen.

Aber dazu kam es nicht. Am Morgen des 11. Januar 2016 kam meine Frau weinend ins Schlafzimmer: "David Bowie ist gestern gestorben. " Ich wollte es erst nicht glauben. Nach dem ersten Schock machte mich die Nachricht aber nicht traurig. Ich war eher dankbar, zur selben Zeit gelebt und die gleiche Luft geatmet zu haben wie er. Ich bin dann aufgestanden und habe unter der Dusche "Heroes" gehört.