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Ein Songwriter erzählt: "Viervierteltakt, Dur, auf die Fresse" – so geht Schlager

Simple Texte, nervige Melodien: Schlagermusik hat einen schlechten Ruf. Aber ist es wirklich so einfach? Und wie schreibt man einen Schlager? Wir haben mit einem Mann gesprochen, der schon für Helene Fischer geschrieben hat.

Von Roland Lindenblatt und Jakob Pontius

Schlager am Strand - NEON ist dabei!

Sebastian Rätzel ist Musiker und Songwriter für Popmusik und Schlager. 2017 hat er unter anderen am  Schlager "Nur mit dir" von Helene Fischer mitgeschrieben. Im Frühjahr 2019 möchte er sein erstes eigenes Album veröffentlichen – natürlich Popschlager.

Im Interview erzählt er anhand von Beispielen, wie man einen Schlager schreibt - und was das überhaupt ist.

So geht Schlager: Ein Songwriter erzählt

Sebastian, was genau ist eigentlich ein Schlager?

Sebastian Rätzel: Ein deutschsprachiges Lied mit einfacher, eingängiger Melodie und schlichtem Text. Die Fans müssen mitsingen können, es braucht also einen Ohrwurm-Refrain.

Aber das gilt auch für den Pop.

Die Grenzen zum Pop sind fließend. Was beim Schlager nicht fehlen darf, ist der durchgängige Beat. Das nennt sich "4-on-the-floor": Auf jeden einzelnen Schlag des 4/4-Takts kommt eine Kick-Drum. Damit die Leute immer schön auf eins, zwei, drei und vier mitklatschen, wie man das aus dem Fernsehgarten kennt. Das hilft dem Publikum in Deutschland, den Takt zu halten.

Wie unterscheidet sich der Schlager sonst vom Pop?

Schlagermelodien sind gerade. Helene Fischer singt "A-TEM-LOS", also jede Silbe auf einen Beat, und nicht "ATEM-LOS", mit einer Silbe neben dem Takt. Dann wäre es Pop. Umgekehrt funktioniert das genauso, wenn man einen Popsong verschlagert: Statt "Ein Hoch auf U-huns" müsste es in einem Schlager einfach heißen: "Ein Hoch auf Uns" – Punkt. Keine Spielereien.

Also durchgängiger Beat und gerade Melodien – und schon ist es Schlager?

Nicht ganz. Schlagersänger artikulieren auch sehr deutlich und verschlucken keine Endungen.

Songwriter Sebastian Rätzel

Sebastian Rätzel veröffentlicht im Frühjahr 2019 sein erstes eigenes Album – natürlich Popschlager. Darauf will er nicht nur über Liebe singen, sondern auch über sozialkritische Themen wie Kinderarmut und Einsamkeit im Alter.

Und inhaltlich?

Schlager erzählen ganz konkrete Geschichten, zu 90 Prozent geht es um Liebe und Herzschmerz. Egal, was das Thema ist: Man muss genau beschreiben, was passiert, darf den Leuten nicht zu viel Interpretationsspielraum lassen. Im Pop gibt es tolle Metaphern und wenig konkrete Handlung. Schlager sind da viel einfacher und direkter in den Formulierungen.

Aber Ausdrücke wie "brennende Herzen" sind doch nicht wörtlich gemeint, oder?

Natürlich nicht. Aber wenn man mit Bildern arbeitet, dann können sie sehr blumig sein. Ich habe zum Beispiel Sachen geschrieben wie "Du bist der Kompass meiner Seele". Das ist eine typische Schlagerformulierung.

Wie schreibst du einen Schlager?

Zuerst höre ich mir einige Titel des jeweiligen Künstlers an, um herauszufinden, welche Sprache er nutzt. Es gibt schöne Schlagerworte wie "Feuer" oder eben das "brennende Herz". Die werden gerne genommen. Aber es gibt auch Künstler, die mittlerweile komplett darauf verzichten. Danach überlege ich mir die Akkorde. Das sind dann die gängigen, die man auch in der Popmusik verwendet.

Welche denn?

Das kommt auf die Tonart an. Vor allem nicht zu viele.

Worauf musst Du noch achten?

Alle großen Uptempo-Hits sind Viervierteltakt, Dur, immer auf die Fresse. Aber von jeder Regel gibt es natürlich auch eine Ausnahme.

Wie gehst du danach konkret vor?

Ich persönlich fange mit dem Refrain an. Der ist am Ende das, was wirklich zählt im Schlager. Ich versuche also, eine catchige Melodie zu finden, die schön aufgeht. Man sagt, es muss ein bisschen die Sonne aufgehen beim Refrain. Den Rest baue ich drum herum.

Hast du ein Lied für uns, an dem du die typischen Eigenschaften eines Schlagers erklären kannst?

Ja, ich habe einige Titel für Maximilian Arland geschrieben. Der macht klassischen Schlager. "Verliebt in Berlin" ist ein gutes Beispiel. Klassische Schlager haben wahnsinnig lange Intros, auch hier ist das so. Die langen Intros sind dazu da, dass die Leute schon tanzen, bevor überhaupt die Strophe anfängt.

Intro, Teil 1: Maximilian Arland - "Verliebt in Berlin"

Ab der Hälfte des Intros setzt dann auch der typische 4-on-the-floor ein. Auf jedem Schlag – 1,2,3,4 – spielt die Bassdrum vom Schlagzeug. Wenn ihr eure Omas sehen könnt, die mitklatschen: Das ist 4-on-the-floor im Schlager.

Intro, Teil 2: Maximilian Arland - "Verliebt in Berlin"

Und dann?

Dann kommt die Strophe. Die ist dann meist eine Tonlage tiefer, damit noch Luft nach oben ist und der Refrain abheben kann. 

Strophe: Maximilian Arland - "Verliebt in Berlin"

Wichtig ist auch ein guter Pre-Chorus. Das ist der Übergang zwischen Strophe und Refrain. Er ist von der Tonlage etwas tiefer als der Refrain. Die Drums hört man da immer noch. Der "4-on-the-floor" darf nicht abreißen. Auch melodisch passiert im Pre-Chorus schon eine kleine Veränderung, die ankündigt: Gleich geht es los!

Pre-Chorus: Maximilian Arland - "Verliebt in Berlin"

Und dann kommt der Höhepunkt?

Ja, der strahlende Refrain. Der Song springt ein paar Töne höher. Der lässt die Sonne aufgehen mit stimmlicher Höhe. Hier können alle mitsingen.

Refrain: Maximilian Arland - "Verliebt in Berlin"

Die Strukturen sind im Schlager relativ klar. Nach dem Refrain kommt eine zweite Strophe. Dann wieder Refrain, Refrain, Refrain, auf die Fresse – und Feierabend. Manche Songs haben auch noch einen C-Part, also eine Wendung, eine Abweichung von der Strophe, eine dritte Melodie. Deswegen heißt er C-Part. Aber das ist heute selten geworden, früher war das üblicher.

Du schreibst auch Popsongs. Was ist schwieriger?

Popsongs sind etwas schwieriger zu schreiben. Weil einfach so viele Sachen tabu sind, die sofort als uncool gelten. Worte wie Glühen oder Fliegen zum Beispiel – die sind aber sehr beliebt im Schlager. Ich glaube Helene Fischer singt auf ihrem aktuellen Album ungefähr 50 Mal vom Fliegen.

Gibt es auch beim Schlager keine No-Gos?

Bestimmte Schimpfworte und Flüche funktionieren im Schlager nicht. Jugendsprache ist auch nicht erlaubt, die Sprache ist deutlich konservativer.

Viele Mallorca-Schlagerstars singen doch ausschließlich über Trinken und Sex? Ist das dann kein Schlager?

Doch, es ist schon Schlager. Beim Mallorca-Schlager geht es vor allem ums Mitgröhlen, bei anderen Schlagern geht es mehr ums Mitklatschen und Mitsingen beim Refrain. Beim Mallorca-Schlager kannst du natürlich auch geil und ficken sagen. Da muss die Sprache fast schon vulgär sein. Es ist eben ein anderes Subgenre des Schlagers.

Ein Klassiker aus Mallorca: Mickie Krause - "Mich hat ein Engel geküsst"

Welche anderen Subgenres gibt es denn noch im Schlager?

Es gibt den Popschlager: Das, was Helene Fischer macht.

Ein typischer Popschlager: Helene Fischer - "Nur mit Dir"

Dann gibt es den klassischen Schlager, den hat man früher volkstümlichen Schlager genannt. Maximilian Arland zum Beispiel macht klassischen Schlager. Oder die Amigos. Deren Songs klingen wesentlich synthetischer als Popschlager.

Was ist eigentlich mit Volksmusik?

Das ist im weitesten Sinne auch noch Schlager. Die meisten Stars kennen jüngere Leute kaum noch, aber die Sänger bringen trotzdem noch 20.000 Leute vor die Bühne.

Vertreter der Volksmusik: Kastelruther Spatzen - "Älter werden wir später"

Volksmusik klingt altbacken - was ist gerade modern in der Schlagerwelt?

Eindeutig Popschlager. Helene Fischer war da die große Vorreiterin. Wenn man sich die Lieder ihres neuen Albums ohne die Gesangs-Spur anhört, könnte man sie für Pop halten. „Nur mit dir“ zum Beispiel ist vom Text her ein klassischer Schlager, der wird bei Helene Fischer aber sehr poppig arrangiert.