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Interview

Dermatologe erklärt: Anti-Aging, Augencremes und Co.: Was braucht meine Haut wirklich?

Die Regale in den Drogerien quillen über, jede Großmutter hat einen anderen Tipp – und am Ende fragen wir uns verunsichert, ob wir eigentlich schon vor zehn Jahren hätten anfangen müssen, Augencreme zu benutzen. NEON hat einen Dermatologen gefragt.

Gesicht einer jungen Frau

Die Auswahl an Cremes, Masken und anderen Produkten ist riesig – aber was braucht meine Haut wirklich?  

Pexels

Neulich erzählte mir eine Freundin, sie sei am einem Kosmetiker vorgestellt worden. Irgendein Kumpel einer Freundin. Nun sei sie völlig verunsichert, verrät sie mir mit leicht panischem Blick. "Wusstest du, dass man eigentlich schon mit Anfang 20 anfangen muss, Augencreme zu benutzen?" Nein, wusste ich nicht. "Sonst kriegt man richtige Mondkrater im Gesicht." Echt jetzt?

Weil man ja nicht alles, was man so hört, direkt glauben soll, machte ich mich auf die Suche nach ein paar mehr Informationen und fand sie bei Dr. Jens Tesmann, ärztlicher Leiter eines Hautzentrums in Stuttgart. Seit 2002 ist er Facharzt für Dermatologie und wenn irgendjemand weiß, was meine Haut braucht, dann er.

Das sagt der Dermatologe

NEON: Also Herr Tesmann, was braucht meine mit Mitte 20?

Jens Tesmann: "Das kann man nicht so pauschal sagen. Die Frage, die man sich dazu stellen sollte, ist: Wie lebe ich? Ich sollte viel Flüssigkeit zu mir nehmen, um die Haut gut zu erhalten. Wenn man viel draußen ist, sollte man regelmäßig Lichtschutz benutzen – und zwar auch schon mit 20 oder 30. Denn selbst bei Gebrauch von Lichtschutzfaktor steigen die Melanomraten immer noch an. Wichtig ist hierbei übrigens, dass die Creme auch einen Schutz gegen UVA enthält.

Dann sollte man sich fragen: Wie sind Sie sonst aufgestellt? Wie wird Ihre Haut sonst strapaziert? Gehen Sie jeden Abend bis fünf Uhr nachts feiern, ist klar, dass die Haut irgendwann dementsprechend aussieht."

Das heißt, den berühmten "Schönheitsschlaf" gibt es tatsächlich? 

"Ich brauche Regenerationszeit, in der ich aus dieser permanenten Beschallung und der Interaktion mit anderen Leuten rausgehe. Ich muss mich zurückziehen, erholen und ruhen. Schönheitsschlaf bedeutet nicht, dass ich tief und fest schlafe und sobald ich aufstehe geht die Action weiter. Ich sollte versuchen, entspannt in den Tag zu starten und nicht direkt von 0 auf 100 zu gehen. "

Gibt es Dinge, die definitive Haut-Killer sind? Egal in welchem Alter?

"Rauchen ist der absolute Haut-Killer, weil das Nikotin die Durchblutung der Haut reduziert. Blutgefäße ziehen sich zusammen – damit bekommt die Haut weniger Nährstoffe und weniger Sauerstoff. Und wer langfristig raucht, dem sieht man das ab 40/Mitte 40 an. Ein direkter Schaden von übermäßigem Alkoholkonsum auf die Haut ist mir nicht bekannt. Aber damit geht ja häufig die Übernächtigung einher. Und jemand der viel feiert, der ernährt sich vielleicht auch nicht immer so gut. Und das führt indirekt somit auch zu einer Schädigung der Haut."

Welchen Einfluss hat Ernährung auf die Haut?

"Eine ausgewogene Ernährung ist wichtig! Wenn ich beispielsweise mit Pickeln zu kämpfen habe, sollte ich nicht so hochkalorische Sachen essen. Also sehr zuckerhaltige Sachen oder sehr viel Fast Food. Man weiß mittlerweile aus Studien, dass das die fördert. Die starken Zuckerangebote aktivieren gewisse Botenstoffe in der Haut, die dann zu Entzündungen führen. Ich brauche eine gesunde Ernährung. Ich kann schon ab und zu mal Fast Food essen, aber ich sollte schon auch gucken, dass ich ab und zu frischen Salat, frisches Fleisch und frischen Fisch esse. Fisch sollte ich einmal die Woche essen. Eine ballaststoffhaltige Ernährung ist wichtig."

Okay, aber wir wissen alle, dass man gerade in seinen Zwanzigern vielleicht nicht immer die acht Stunden Schlaf und jeden Tag frisches Essen bekommt. Was kann ich noch machen, um meiner Haut zu helfen?

"Ich glaube nicht, dass es mit 25 schon nötig ist, ein ganzes Arsenal an Cremes einzusetzen. Aber wenn ich viel wert darauf lege, dann werde ich das ohnehin irgendwann anfangen. Man kann als Hautarzt nicht pauschal sagen: Alle ab 25 sollten sich die Haut eincremen.

Lichtschutzfaktor ist tatsächlich sehr wichtig. Die gibt es auch beispielsweise in Tagescremes – in geringerer Menge, aber das ist immer noch besser als nichts. Außerdem würde ich darauf achten, dass ich Pflegecremes mit nutze. Das Molekül war anfangs sehr teuer, inzwischen ist es sehr viel weiter verbreitet. Hyaluronsäure ist ein Zucker, der Wasser anzieht und damit in der Haut hält. Und das ist immer eine gute Art, die Haut zu pflegen. Früher hat man andere Moisturizer genommen – zum Beispiel Harnstoff. Aber besonders im Gesicht kann das reizend wirken."

Wie stehen Sie zu Anti-Aging-Produkten? Die gibt es ja heutzutage wie Sand am Meer. Ist das wirklich sinnvoll?

"Anti-Aging-Produkte sind heutzutage gut, das muss man wirklich sagen. Und wenn ich eine sehr empfindsame Haut habe, dann fängt die vielleicht schon mit 25 oder 30 an, zu knittern. Wenn mir das wichtig ist, dann sollte ich zu diesem Zeitpunkt anfangen, sie zu pflegen. Bei anderen Leuten wird das vielleicht erst mit 35 oder 40 auffällig.

Ich finde jedoch, dass wir dringend eine gewisse Distanz dazu kriegen sollten. Jede Falte erzählt ja auch etwas und man muss nicht alles daran setzen, bis 60 ein faltenloses Gesicht durchs Leben zu tragen. Die Selbstwahrnehmung der jungen Leute geht extrem überzogen auf ihr Äußeres und viele haben das Gefühl, dass sie Persönlichkeit nur über Schönheit transportieren. Der Druck, sich ständig perfekt zu präsentieren, ist extrem hoch. Wir sollten wieder realistischer werden und nicht die Schönheit über alles stellen."

Von Anti-Aging-Produkten zu gefühlt eher pubertären Problemen: Was kann ich tun, wenn meine Haut zu Unreinheiten tendiert?

"Wie gesagt, die Ernährung spielt eine große Rolle. Ansonsten kann ein Make-Up-freier Tag der Haut helfen zu atmen und sich zu regenerieren. Außerdem kann es gut sein, mehr auf Mineralpuder zu setzen. Das verklebt nicht so sehr wie fettiges Make-Up. Die Akne mit fettigem Make-Up zu überschminken, kann dazu beitragen, dass es schlechter wird."

Was ist mit der Pille?

"Hormone können bei Akne zwar helfen, aber wir erleben häufig, dass sie sie nur verschleiern. Das heißt, eine Frau, die die Pille nimmt, hat in dieser Zeit dann vielleicht keine Akne, aber wenn sie die Hormone dann wieder absetzt, explodiert die Akne auf einmal. Daher sollte man lieber versuchen, die Akne mit anderen Medikamenten in den Griff zu bekommen, damit das später dann nicht wieder passiert.

Alle Frauen haben mehr oder weniger mit Akne zu kämpfen. Wir sind das nur nicht mehr gewöhnt, weil so viele Frauen die Pille nehmen. Aber eine starke Akne sollte immer beim Hautarzt behandelt werden."

Frau in Pool
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