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Interview

Ulmen und Yardim über Freundschaft: "Es hilft, wenn einem die selben Dinge peinlich sind"

Ein Gespräch über Freundschaft: In ihrer Fernsehserie „Jerks“ spielen die Kindheitskumpel Christian Ulmen und Fahri Yardim sich selbst.

Interview: Lena Steeg

Freundschaft: Christian Ulmen und Fahri Yardim spielen "Jerks"

Freundschaft: In ihrer Fernsehserie „Jerks“ spielen die Kindheitskumpel Christian Ulmen und Fahri Yardim sich selbst. 

Wie sieht eine Begrüssung zwischen euch aus, wenn ihr euch lange nicht gesehen habt?

Yardim: Ein förmlicher Zungenkuss. Ulmen: Das ist jetzt metaphorisch gemeint vom . Ein Außenstehender sieht, dass wir uns in den Arm nehmen. Aber es ist tatsächlich ein Zungenkuss.

Y: Ein Zungenkuss der Brustbehaarung.

U: Ein seelischer Zungenkuss.

Habt ihr Kosenamen füreinander?

U: Fahri hat ja schon einen fantastischen Namen, den ich allerdings eindeutschen musste, damit er mir leichter über die Lippen kommt. Ich nenne ihn Fahrich, wie Erich.

Y: Ich sage zu ihm.


Wie viel Kontakt habt ihr in einer normalen Woche?

Y: Wir schreiben uns täglich.

U: Ich schicke oft Bilder von mir und meiner Familie. Aber unser Kontakt beschränkt sich stark auf die Whatsapp-Ebene. Wir sind keine großen Telefonierer. Außer Fahrich geht’s nicht gut, dann ruft er an.

Ihr habt euch als kennengelernt, richtig?

Y: Im Judo-Kurs in . Ich war acht Jahre alt, Christian zwölf. Körperlich lagen wir natürlich weit auseinander in dieser Zeit. Christians Penis zum Beispiel war schon viel weiter entwickelt.

Mittlerweile habt ihr euch da angenähert?

Y: Ich habe ihn sogar überholt.

U: Das ist jetzt ein bisschen kokett von Fahrich. Aber man muss schon sagen, dass er damals bereits recht jugendlich war und trotz seines Alters sehr weit im Denken. Dazu empfand ich ihn als wahnsinnig vorlaut und frech. Das hat mir sofort imponiert.

Trotzdem habt ihr euch aus den Augen verloren.

U: Wir waren so ein, zwei Jahre sehr eng, bauten gemeinsam Vogelhäuschen und bepflanzten Flussufer im "Panda Club“ des WWF. Dann brach der Kontakt irgendwann ab, und wir trafen uns erst wieder, als wir beide schon Filme drehten.

Y: Dazwischen gab es nicht nur eine Phase der Entfremdung, sondern sogar eine des Sich-gegenseitig-echtblöd-Findens. Auch dafür, dass man nicht mehr befreundet war. Das kennt wahrscheinlich jeder. Man hat diese nostalgische Erinnerung, in der man immer noch mit dem anderen verbunden ist, aber findet trotzdem nicht recht zueinander.

U: Dass wir uns überhaupt verloren hatten, lag auch an mangelnder Sozialkompetenz. Ich bin sehr schlecht im Kontaktepflegen. Wenn ich zum Beispiel einen freien Tag habe, ist das Letzte, das mir einfällt, einen Freund anzurufen.


Y: Das ist wirklich traurig.

U: Ja, das ist traurig, aber ich verbringe eben sehr gerne Zeit mit mir selbst. Daran sind schon viele Freundschaften zerbrochen.

Y: Unsere dagegen lebt tatsächlich auch von dieser Freiheit. Wir können uns lassen. Auch mal alleine.


Funktioniert das vielleicht nur deshalb, weil es dieses alte Band der Kindheitsfreundschaft gibt?

U: Ach, das glaube ich nicht. Mir fällt sofort eine Handvoll Kinderfreunde ein, die ich heute wahnsinnig doof finde. Ich denke eher, dass dieses Band dauernd überprüft und neu geknüpft werden muss. Alles andere ist mir zu esoterisch.

Y: Ich glaube schon, dass es das gibt. Weil sich in dieser Zeit damals etwas geformt hat in uns, das uns bis heute ausmacht. Auch wenn man sich später immer wieder neu aufstellt und die Welt noch mal anders erobert, gibt es ein Gefühl von Heimat im anderen. Trotzdem braucht es aber natürlich einen Abgleich mit dem Heute. Man muss immer dranbleiben, immer wieder neu schauen: Wer ist das eigentlich? Welche Bedürfnisse hat der? Was macht ihn aus? Auch wenn Christian das zu esoterisch ist, glaube ich, dass sich so über die Jahre eine Seelenverwandtschaft entwickelt hat.

Bezeichnet ihr euch also als beste Freunde?

U: Ja.

Y (zeitgleich): Nein.

U: Aber klar sind wir beste Freunde.

Y: Nee, so weit würde ich nicht gehen. Da gibt’s wirklich engere.

Christian, bist Du eifersüchtig auf die anderen Freunde, die Fahri hat?

U: Das hatte ich mal überlegt. Aber Fahri hat ja diese Clique, die er als seine besten Freunde bezeichnet. Und Teil einer Clique sein, das kann ich nicht. Mit fünf Leuten abhängen, die alle ständig Bedürfnisse haben, dem einen ist übel, der andere will unbedingt einen Film gucken furchtbar. Insofern vergeht meine Eifersucht immer sofort, wenn ich mir vorstelle, mit diesem Freundeskreis Zeit zu verbringen.

Y: Ach Gott!

U: Und wenn’s ihm schlecht geht, ruft er ja eh wieder mich an.

Du sagst das immer wieder. Fahri, Ist Christian für Dich so eine Art Therapeut? Braucht Freundschaft vielleicht sogar solche Funktionalisierungen?

U: Man kann das schon so sagen: Wenn’s ihm gut geht, ist er mit der Clique unterwegs, wenn’s ihm schlecht geht, ruft er mich an.

Y: Wobei Christian in dieser Clique jederzeit willkommen wäre. Aber ich akzeptiere sein Eigenbrötlertum. Er muss kein Herdentier werden, um in meinem Herzen Platz zu finden.

U: Und deshalb ist Fahri mein bester Freund.

Y: Wir bräuchten viel mehr Zeit miteinander, um das zu sein.

U: So ein Quatsch. Für mich ist Zeit keine ausschlaggebende Komponente. Im Gegenteil. Wenn man nach Jahren des Nicht-Kontakts direkt an das letzte Treffen anknüpfen kann, wenn die Zeit keine Rolle spielt, dann ist es Freundschaft.

Y: Stimmt, aber der gemeinsame Erlebnishorizont ist schon schmaler. Freundschaften zehren ja auch davon, dass man mal gemeinsam durch etwas durchgeht. Aber ich weiß, was Christian meint. Wir funktionieren nach dem Prinzip Fahrradfahren. Wir verlernen diese Gemeinschaft miteinander nicht mehr. Unsere Freundschaft ist zeitlos.

Also keine gegenseitige Funktionalisierung?

U: Doch, total! Ich bin für Fahri eine große Projektionsfläche, sein ausgelagertes schlechtes Gewissen. Er kann sich richtig an mir abarbeiten.

Y: Er spielt jetzt auf einen kleinen Streit an, den wir neulich hatten.

U: Ich wollte eine Reinigungshilfe anstellen. Fahri fand das ganz furchtbar von mir. Er sagte, ich solle meinen Dreck gefälligst selbst wegmachen. Womit er natürlich recht hat. Generell hält er mich immer wieder davon ab, dekadent zu werden. Wenn ich kurz davor bin, die FDP zu wählen, treffe ich mich einmal mit Fahri, und schon geht es wieder.

Y: Es ist wichtig, dass man sich in einer Freundschaft immer wieder gegenseitig darauf abklopft, wo und wofür man eigentlich steht. In der Hinsicht bin ich eine wichtige Projektionsfläche für Christian.

U: Und ich für ihn! Denn tatsächlich, um die Pointe mal vorwegzunehmen, beschäftigt Fahri seit Jahren selbst eine Putzfrau, wie er mir am Tag nach dem Streit beichtete.

Y: Ich muss nicht das Vorbild meiner Ideale sein, um sie zu vertreten. Wäre ich so vermessen, würde ich mich nicht weiterentwickeln.

Dir ist in einer Freundschaft wichtig, dass der andere ein besserer Mensch ist als Du?

Y: Nö. Aber gerade weil ich Christian so mag, fällt es mir schwer zu sehen, dass er die gleichen Verfehlungen erleidet wie ich.

U: Während es mich hingegen tröstet, wenn Fahri und ich dieselben Fehler begehen.

Y: Das ist tatsächlich ein Unterschied in unserer Freundschaft: Er will sich entlasten, damit er sich’s gemütlich machen kann, ich will mich noch härter mit meinem Versagen konfrontieren, um zu wachsen.

Sind gemeinsame Urlaube für euch ein Thema?

U: Ja. Es ist ein Thema, mit dem wir abgeschlossen haben.

Y: Letzten Sommer wollten wir zehn Tage auf einem Hausboot miteinander verbringen. Nach drei Tagen haben wir die Reise einvernehmlich abgebrochen. Es war schlicht zu langweilig miteinander.


Trotzdem schätzt ihr euch ja sehr. Welche Fähigkeit des anderen hättet ihr gerne?

U: Fahri wirkt immer so wahnsinnig furchtlos.

Y: Eine Strategie. Ich bin eigentlich andauernd unsicher.

U: Wirklich? Das merkt man nicht. Selbst wenn du in dir die größten Kämpfe ausfichtst, strahlst du Souveränität aus. So wie Fahri wirkt, so wäre ich gerne.

Y: Ich auch.

U: Und ich mag, dass bei ihm trotz dieser Gelassenheit stets eine Art Software im Hintergrund mitläuft, die permanent checkt, ob es gerade Probleme gibt im Ablauf. Fahri ist dauernd auf einer Meta-Reflexionsebene mit der Situation beschäftigt.

Y: Das ist doch anstrengend.

U: Aber auch eine tolle Gabe.

Y: Ich dagegen stehe darauf, dass Christian, obwohl man das gar nicht annehmen würde, in manchen Momenten total loslassen kann. Er hat die Fähigkeit, sich richtig dem Augenblick hinzugeben.

Max Frisch will in einem seiner berühmten Fragebögen wissen, was man in einer Freundschaft unerlässlich findet: 1.) Wohlgefallen am andern Gesicht, 2.) Verwandtschaft in der Scham, 3.) Dass man für den andern hoffen kann, 4.) Treffpunkte in der Begeisterung.

U: Verwandtschaft in der Scham finde ich wichtig. Dass einem dieselben Dinge peinlich sind, ist wahrscheinlich eine Grundvoraussetzung.

Y: Ich mag das Füreinander-Hoffen. Das Erste dagegen, das mit dem Gesicht … nun ja, dann wären wir nicht befreundet.

Über was seid ihr sonst noch uneins?

Y: Christians Kleidungsstil habe ich bis heute nicht verstanden. Er entspricht modisch überhaupt nicht dem Menschen, der er ist.

U: Was sollte ich denn tragen?

Y: Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich sehe dich eher in Anzügen. In so Bertolt-Brecht’schen Zweiteilern. Zwanzigerjahre-Chic. Eben so, wie man sich einen Volksbühnenschauspieler vorstellt.

U: Ich trag doch oft Westen.

Y: Dadrunter puffige US-Protz-Pullis und dazu diese Che-Guevara-Mütze und unten irgendwelche Opa-Schuhe. In seiner Linie bricht sich so viel, dass man es "Kotze“ labeln müsste.

Haltet ihr euch denn selbst für einen guten Freund?

U: Egal wie hart sein Urteil über mich ist, möchte ich für Fahri immer nur das Beste, und aus diesem unbedingten Wunsch heraus würde ich behaupten: ja.

Y: Und ich bin ein guter Kumpel, weil ich gnadenlos ehrlich und dabei trotzdem liebevoll bin. Alles, was ich Christian vor den Latz knalle, ist nur deshalb erträglich, weil ich es aus tiefer Zuneigung heraus sage.

U: Sag ich ja. Beste Freunde eben.


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