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NEON-Reihe "Papa, lass uns reden": Warum ich meinen Vater gehen ließ, obwohl es bis heute schmerzt

Irgendwann würde er in sein Heimatland zurückkehren, sagte der Vater unserer Autorin immer. Dann tat er es wirklich. Ein Brief über die Leerstelle, die er damit hinterlassen hat. Teil 2 unserer Serie "Papa, lass uns reden!"

Papa lass uns reden

Aicha Reh, 32, Hamburg

Lieber Papa, "Je ne sais pas." Ich weiß es nicht. Ich mag diesen Satz nicht, Papa. War das eigentlich der erste Satz, den ich auf Französisch konnte? Es war auf jeden Fall der erste, an den ich mich erinnere und an die Angst, die er in mir hervorrief. Manchmal sagtest du so nebenbei, irgendwann würdest du wieder zurückkehren nach Algerien, in das Land deiner Eltern. Dann habe ich mich panisch an deine starke Papa-Brust geworfen und in deine vielen schwarzen Brusthaare gemurmelt: "Wann denn?" "Uhhh je ne sais pas", hast du geantwortet und lachend mit der Hand gewunken, als läge dieser Zeitpunkt weit weg.

Ich habe euch als Paar immer sehr gemocht, dich und Mama. Du, der wirre Lockenkopf aus Algerien, Mama, die schöne, konsequente Deutsche. Ewig Brücken schlagend, immer um Kompromisse ringend. Was seit 2015 in Deutschland passiert, war bei uns seit 35 Jahren Alltag am Küchentisch. Ich finde, ihr habt das gut gemacht mit euch und uns vier Kindern. Du hast mir die Fußballregeln beigebracht und Beten. Camus und den Koran. Du hast dich mit mir gefetzt, als ich mit 13 bauchfrei auf die Dorfkirmes wollte, und dein Weihnachtsgeld gespart, um mir Karten für die Backstreet Boys zu kaufen. Du hast für mich gesungen, mich getragen, mit mir gelernt. Du hast mir Gottvertrauen geschenkt und Gucci-Slipper. Wir haben zusammen gelacht wie Ernie und Bert in der "Sesamstraße". Das ging gut mit uns beiden. Die meisten anderen haben deinen Humor nicht verstanden.

Aicha und ihr Papa

Unsere Redakteurin Aicha mit ihrem Vater


"Ich kann mich gar nicht für dich freuen, Papa"

Auch deswegen hast du immer wieder gesagt, dass du in dein Land willst. Wir haben das nie so richtig geglaubt. Bis du vor zwei Jahren mit einem One-Way-Flugticket in der Hand vor uns standest. Mich hat deine Entscheidung zu gehen wie ein Granatsplitter mitten ins Herz getroffen. Ich kann mich gar nicht für dich freuen, Papa. Ich will mit Fäusten auf dich eintrommeln, will dir zuschreien, dass du zu uns gehörst und dass man seine Familie nicht alleine lässt.

Aber ich bin jetzt erwachsen und nicke und schlucke und lege meinen Kopf leicht in den Nacken, weil ich hoffe, dass die Tränen dann einfach zurücklaufen ins Auge. Papa, ich verstehe, dass dein Land dir wichtig ist. Dass dort die Sonne scheint, dich die Luft streichelt und du deine Sprache sprechen kannst. Du kannst dort deinen Gebetsteppich aufschlagen, wo du möchtest, während hier immer noch diskutiert wird, ob der Islam zu Deutschland gehört.

"Du bist ein Mann aus einer anderen Welt"

Im Herbst letzten Jahres musstest du plötzlich am Herz operiert werden. Nach der OP hier in Deutschland hast du mich angeguckt und gesagt: "Weißt du, ich hab ja nur dieses eine Leben … ", und ich habe den jungen Mann gesehen, der vor 35 Jahren mit 17 nach Deutschland kam und Heimweh hatte. Ich habe einen Mann gesehen, der heute dieses Heimweh stillt, da er glaubt, nicht mehr viel Zeit zu haben.

In diesem Moment war ich nicht Tochter und du nicht Vater, und plötzlich war es ganz klar: Du bist nicht nur mein Papa, sondern auch ein Mann aus einer anderen Welt. Mit Wünschen und Träumen, die mir fern sind und die ich trotzdem akzeptieren muss.

Als meine Schwester dich im letzten Jahr besuchte, hab ich sie sofort gefragt: "Und? Wie geht’s ihm?" "Gut geht’s ihm", hat sie gesagt und: "Die Menschen dort lachen über seine Witze … " Weißt du was, Papa, da hab ich mich so gefreut, tu n’en sais rien. Das weißt du gar nicht.

Immer deine A*

Heimat im Herzen – Werpeloh forever?! Ein"Provinz"-Besuch