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"Ich bin dann mal auf Kur": Franzbrötchen, Schietwetter, Freiheit: Warum Hamburg schon immer meine Perle war

Eine frische Brise, leichter Nieselregen, Fischbrötchen – während andere auf Kur in die Berge fahren, macht sich unsere Autorin auf den Weg nach Hamburg. Hier sind die Leute anders, findet sie, und erklärt uns, warum die Hansestadt für sie der Inbegriff von Freiheit ist. 

Von Neon-Community-Mitglied Miriam Heins

Frau in Elbtunnel

"In Hamburg überkommt mich ein Freiheitsgefühl, was mich spüren lässt, dass ich mein Zuhause schon längt gefunden habe", Hamburger Elbtunnel (Symbolbild) 

Getty Images

"Bin auf Kur", sind die letzten Worte, die ich dir auf einen Block gekritzelt auf dem Küchentisch hinterlasse. Dann ziehe ich fast lautlos unsere Wohnungstüre zu. Ich muss dringend frische Luft schnappen. Raus aus dem Dorf, in dem jeder das Morgenritual seines Nachbarn auswendig kennt, und die Leute wissen, wo die Feuerwehr hinfährt, bevor es überhaupt brennt.

Schmuddelwetter – was gibt es daran nicht zu lieben?

Die Wintersonne Bayerns habe ich längst hinter mir gelassen, als vor mir der graue Norden auftaucht. Die Wolken hängen tief und ein Blick in den Himmel verrät, dass es heute noch regnet. Als ich dein Stadtschild passiere, frage ich mich, wie man dein Schmuddelwetter nicht mögen kann.

Später steh ich an den Landungsbrücken, lasse meinen Blick über die Elbe schweben, erspähe den Hafen und bekomme ein Gefühl für die Weite der Welt, die plötzlich so mächtig erscheint. Mächtig, denke ich und schau hinüber zur Elbphilharmonie, die sich so perfekt in das Bild einfügt und dasteht, als gehörte sie schon immer dazu.

Die Luft ist anders, die Leute sind anders

Auf dem Weg zur Schanze betrachte ich die Menschen, die an mir vorüberziehen, und nehme die Zufriedenheit ihrer Gesichter wahr. Alles erscheint so viel langsamer als in Bayern. So viel gelassener. Und vielleicht ist das mein Tempo, denke ich. Als ich meinen Lieblingsladen betrete, schellt die Klingel, die über der Türe befestigt ist, und sie ist das beste Zeichen dafür, dass ich angekommen bin. 

Dann setz ich mich in die U-Bahn, steige ein paar Mal um. All das sind die Dinge, die mich an meinen Wochenendausflügen nach München so genervt haben. Hier ist es anders. Die Luft ist anders. Die Leute sind anders. Am Jungfernstieg steig ich aus. 

Regenmantel und Franzbrötchen

Ich kaufe mir ein Franzbrötchen und setze mich an die Alster. Es beginnt zu tröpfeln, aber es stört mich nicht.

Ich setze mir die Kapuze meines gelben Regenmantels auf und bin überzeugt, dass dieser Kauf die beste Investition meines Lebens war, wenngleich ich mir nicht sicher bin, ob ich damit den Mantel oder das Franzbrötchen meine. Es passt einfach alles. 

Ein  "Moin" reißt mich aus meinen Gedanken, und ich sehe den Pfandflaschensammler am Mülleimer neben mir stehen. "Moin", gebe ich freundlich zurück. "Schietwetter, was?", lacht er mir zu und geht davon. Ich stehe auf und gehe weiter. 

Und während ich durch deine Straßen laufe, überkommt mich ein Freiheitsgefühl, das spürbar werden lässt, dass ich mein Zuhause längst gefunden habe.

"Hamburg meine Perle"

"Kur wurde auf unbestimmte Zeit verlängert" tippe ich in mein Handy. Dann forme ich eine Kugel aus meiner Bäckereitüte, werfe sie aus einigen Metern Abstand in einen deiner roten Mülleimer und schmunzele in mich hinein. Ja, Hamburg meine Perle, denke ich – und versteh's.

Schwedin Sandra