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Lernt eure Stadt kennen!: Ich bleib hier! Warum wir öfter Urlaub zu Hause machen sollten

Sobald wir mal ein paar Tage frei haben, geht es los in die weite Welt. Dabei gibt es dort, wo wir leben, so viel zu entdecken, woran wir im Alltag stets blind vorbeilaufen.

Eine Frau steht auf einem Balkon und breitet die Arme aus

Deine Stadt gehört dir – du musst sie nur erobern. 

30 Tage Urlaub im Jahr, dazu noch ein paar Feiertage, das ist nicht viel – höchstens viel zu wenig. Deshalb packt uns jedes Mal dieses Kribbeln, wenn mal wieder ein langes Wochenende bevorsteht oder unser Urlaub genehmigt wurde: das Fernweh. Billigflieger-Trip in Europas Metropolen, Backpacking-Reise durch Asien oder Faulenzen in der Karibik. Hauptsache weit weg und spektakulär. 

Dieser Text plädiert für etwas ganz anderes: Bleibt doch einfach mal dort, wo ihr seid! Nicht weil es der Arbeitsplatz, die Familie oder andere Verpflichtungen erfordern, sondern einfach, um euren wohlverdienten Urlaub zu Hause zu verbringen.

Bleibt doch zu Hause!

Urlaub zu Hause – das klingt schon wie ein Oxymoron, wie ein Widerspruch in sich. Und langweilig dazu: Buxtehude statt Barcelona? Köln statt Kuba? Solingen statt San Francisco? Ja, warum eigentlich nicht! Das kann nämlich auch durchaus (ent)spannend sein.

Damit wir uns richtig verstehen: Das ist kein Plädoyer gegen das Reisen, sondern für das Daheimbleiben. Alle Argumente, die für das Welterkunden sprechen (Horizonterweiterung, fremde Menschen und Kulturen kennenlernen, Sprachen lernen), stimmen. Daneben gerät aber oft in Vergessenheit, dass man, bevor man sich auf den Weg in die weite Welt macht, erst einmal seine nächste Umgebung kennen sollte. Und daran hapert es manchmal.

Ich jedenfalls absolviere in Hamburg, wo ich seit fast sechs Jahren lebe, fast jeden Tag die gleichen Wege, ich gehe ständig in die gleichen Clubs, Bars und Cafés und treffe die gleichen Leute. Viele Stadtteile kenne ich nur vom Namen her und wenn ich im Internet nach To-Do-Listen für einen Tag in Hamburg suche, wundere ich mich immer wieder, wie wenig davon ich eigentlich selbst abgehakt habe. Weil mir im Alltag dafür die Zeit fehlt, weil das Wetter nicht mitspielt, manchmal auch, weil ich noch nicht einmal davon gehört habe.

Wir wollen die Welt kennenlernen, ohne unser Zuhause zu kennen

Dafür wäre doch ein Urlaub in der Heimat genau richtig. Man könnte endlich einmal die Berge und Täler, Flüsse und Seen seiner Region erkunden, einmal mit der S-Bahn bis zur Endstation fahren oder die Dinge tun, die man sonst nur macht, wenn man Besuch hat. Und zwar ganz entspannt, ohne Zeitdruck und ohne hohe Kosten. Nur auf die Instagram-Likes, die es für ein durchgefiltertes Foto der Golden Gate Bridge gibt, müsstet ihr wohl leider verzichten.

Dafür hätte man endlich einmal "Organisationszeit" – Zeit zum Klamotten ausmisten oder lästigen Papierkram zu erledigen. Okay, das klingt jetzt auch nicht nach etwas, das man in ein Werbeprospekt schreiben und im Reisebüro auslegen könnte. Aber immer noch besser als diese Dinge todmüde nach der Arbeit erledigen zu müssen oder sie jahrelang vor sich her zu schieben.

Lange Reisen durch die Welt erfordern so viel Planung, dass man sich im Urlaub oft von der Urlaubsorganisation erholen muss – und nach dem Urlaub erst einmal wieder vom Urlaub. Das gibt es auf Balkonien nicht: Hier lebt ihr in den Tag hinein und wenn ihr eine spontane Idee habt, dann macht ihr es einfach. Ohne für irgendetwas Tickets zu kaufen, ohne Wörterbuch, ohne Google.

Endlich Zeit für Menschen

Das Wichtigste am Urlaub aber zu Hause sind: die Menschen (wie überhaupt immer die Menschen das Wichtigste sind). Denn leider laufen in unserem geschäftigen Alltag die meisten Beziehungen nach dem Motto "Hast du morgen Zeit?" – "Nein." – "Ich auch nicht." Jeder von uns ist so furchtbar beschäftigt, dass er kaum noch Zeit dafür hat, neue Menschen mal in Ruhe wirklich kennenzulernen. Stattdessen heißt es immer nur "Wir müssten mal": uns treffen, reden, einen Kaffee trinken.

Das geht aber schlecht, wenn alle selbst in ihrer freien Zeit sofort wieder das Weite suchen. Seine freien Tage in der eigenen Stadt zu verbringen, eröffnet die Möglichkeit, endlich einmal die Leute zu treffen, für die man sonst leider viel zu wenig Zeit hat (oder Zeit nimmt). Diejenigen, mit denen man sonst nie über ein bisschen Small Talk im Vorbeigehen hinauskommt. Und zwar ohne Stress und wochenlange Terminfindung, sondern einfach mit "Sag, wann du Zeit hast, ich kann immer".

Dann mal einen schönen Urlaub!