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Von wegen Landflucht: Wenn es im Dorf nicht mal mehr einen Geldautomaten gibt

In letzter Zeit wird überall die große "Landflucht" der jungen Menschen heraufbeschworen. Eine schöne Idee – die aber an ganz praktischen Dingen scheitert. In meinem Heimatdorf bekommt man nicht mal mehr Bargeld.

Ein junges Mädchen auf dem Land

Auf dem Land ist es wunderbar – aber um junge Leute dorthin zu locken, braucht es die Politik

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Mein Dorf war viele, viele Jahre für mich das Zentrum der Welt. Ich habe es geliebt und konnte Freunde, die mitten in der Stadt lebten, nie verstehen. Allein, weil man dort im Sommer nicht barfuß laufen konnte. Zumindest nicht über so blitzsaubere, sonnenwarme Gehwegsteine wie bei uns.

In meinem Dorf gab es zwei Gaststätten, zwei kleine Supermärkte, zwei Banken, zwei Bäcker, zwei Metzger, eine Post, einen Friseur und eine . Eine Kirche, einen Kindergarten und eine Grundschule. Einen Hausarzt und einen Zahnarzt. Das alles für etwa 1400 Einwohner. Mein Dorf heißt Nettlingen und liegt mitten in Niedersachsen. Es war alles da. Man konnte dort ganz wunderbar leben.

Doch das war einmal

Vor ein paar Wochen schloss die letzte der beiden Banken. Die Supermärkte sind längst nicht mehr da, die Bäcker ebenfalls zu und die Post sowieso. Die Tankstelle gibt es noch, immerhin. Denn: Wer wirklich etwas braucht, kommt nicht mehr drumherum, mit dem Auto loszufahren. Jetzt sogar, um sich Bargeld zu besorgen – denn die örtliche Volksbank ließ nach ihrer Schließung nicht einmal einen da.

Kürzlich forderte Charlotte Roche in einer Kolumne in der "Süddeutschen Zeitung", dass mehr Leute aufs Land ziehen sollten. Auch wir bei NEON haben schon vom Landleben geschwärmt. Denn es ist wunderschön: Allein der Sternenhimmel in der Nacht lässt mich bei jedem Heimatbesuch aufseufzen; ich finde es super, jedem Vorbeigehenden auf der Straße ein Lächeln und ein "Hallo!" zu widmen und ihn so als Menschen anzuerkennen – und nicht, wie in der Stadt, als Kulisse auf zwei Beinen zu ignorieren. Es gibt Häuser mit großen, grünen Grundstücken, Haustiere, frische Eier von den eigenen Hühnern im Garten. Das alles ist fantastisch.

Aber die propagierte " ", auf die potenziell sicher viele junge Menschen Lust hätten, wird trotzdem vorerst nicht passieren. Weil von Seiten der Politik rein gar nichts getan wird, um den Menschen in den Dörfern das Gefühl zu geben, nicht zurückgelassen zu werden.

Auf dem Land fühlt man sich vergessen

Es gibt ein Gesetz, laut dem niemand weiter als 1000 Meter zum nächsten Postbriefkasten laufen muss. Wer aber in meinem Dorf an Bargeld kommen will, braucht ein . 7,5 Kilometer sind es bis zur nächsten Bankfiliale mit Geldautomaten.

Ganz klar heißt das: Wer kein Auto besitzt oder aus diversen Gründen nicht fahren kann, hat ein sehr handfestes Problem.

Ich habe bei der Pressestelle der örtlichen Volksbank nachgefragt, wie man die eigene gesellschaftliche Verantwortung sieht. "Ländliche Regionen sind aktuell durch Schließungen von Einrichtungen und  Geschäften des täglichen Bedarfs betroffen", weiß die Pressesprecherin der Volksbank Hildesheimer Börde natürlich. Bei uns gäbe es die nächste Bank immerhin "in wenigen Kilometern Entfernung – andere Regionen stehen da deutlich schlechter da. Wettbewerber haben sich bereits vor vielen Jahren aus der Region zurückgezogen."

Das ist richtig und fair. Die konkurrierende Sparkasse schloss schon vor mehreren Jahren. Privatbanken verirren sich ohnehin kaum jemals aufs Land. Aber die Tatsache, dass es anderswo noch schlechter aussehe – das ist schwer als Argument zu akzeptieren.

"Wir sehen es als unsere unternehmerische Aufgabe, in regelmäßigen Abständen die Kundenfrequenzen in allen unseren Geschäftsstellen unter Einbeziehung der örtlichen Gegebenheiten zu analysieren", heißt es weiter. Und für die paar Leutchen lohnte sich der Aufwand offenbar nicht mehr. Dazu kämen außerdem  "die zunehmende Digitalisierung, die anhaltende Niedrigzinspolitik. Eine Erkenntnis unserer Erhebungen war, dass auf einen persönlichen Kontakt in der Geschäftsstelle mehr als 250 Kontakte online über die Webseite oder Banking-App stattfinden und das mit steigender Tendenz."

Ein Geldautomat muss sich lohnen

Ja, wir alle regeln Bankgeschäfte zunehmend online, das stimmt. Aber Bargeld kann man sich ja nicht daheim ausdrucken – und gerade auf dem Land kann man längst nicht überall mit Karte zahlen. Echtes Geld ist essentiell. Also warum hat man nach Schließung der Filiale nicht zumindest einen Geldautomaten dagelassen?

"Geldautomaten verlieren immer mehr an Bedeutung in ", behauptet die Volksbank. "Unsere Geldautomaten unterziehen wir deshalb einer regelmäßigen Analyse, insbesondere unter dem Aspekt der Nutzung und der Wirtschaftlichkeit. Ein Geldautomat, der keine hohe Frequenz besitzt und wenig genutzt wird, ist wirtschaftlich nicht zu vertreten. Die jährlichen Kosten für das Betreiben eines Geldautomaten belaufen sich zwischen 20.000 und 25.000 Euro. In kleineren Ortschaften rechnet sich das Betreiben eines Geldautomaten oftmals nicht mehr."

Alternative Möglichkeiten sind rar: "Wir weisen unsere Kunden auf die Möglichkeit der Bargeldversorgung im Rahmen des Einkaufs hin. In vielen Supermärkten ist diese bereits gegeben." Aber diese Möglichkeit ist natürlich hinfällig, wenn sich der nächste Supermarkt im selben Ort befindet wie der nächste Geldautomat – eben 7,5 Kilometer entfernt.

Immerhin kann man auf dem Land noch miteinander reden: "Wenn ein Notfall bei einem Kunden eintritt, suchen wir gemeinsam mit ihm nach Lösungen. Das kann dann auch schon einmal bedeuten, dass wir Geld persönlich zum Kunden nach Haus bringen. Allerdings erleben wir dies äußerst selten", berichtet die Sprecherin der Volksbank.

Letzte Rettung Nachbarschaft

Vermutlich hatte Nettlingen Glück, überhaupt so lange eine Geldversorgung direkt im Ort zu haben. In anderen Dörfern ist man schon lange gewohnt, für jede kleine Erledigung ins Auto steigen zu müssen. Oder, wenn man es irgendwann selbst nicht mehr kann, darauf zu hoffen, dass Nachbarn oder Angehörige das für einen erledigen. Das ist ja das Schöne am Leben auf dem Dorf – man hält zusammen und hilft sich. Irgendwie funktioniert das schon alles.

Doch es sollte anders laufen. Solange die Politik keine Schritte ergreift, das Leben auf dem Land auch infrastrukturell wieder lebenswert zu machen, werden sich in den Großstädten weiterhin lange Schlangen bei Wohnungsbesichtigungen bilden und sich Immobilieninvestoren an Wuchermieten eine goldene Nase verdienen. Denn wer zieht aus der Stadt in eine Region, in der er für alles permanent weit fahren muss oder auf andere angewiesen ist?

Das Potenzial des Landlebens wird einfach ignoriert. Deutschland geht es wirtschaftlich gut wie nie: Mit ein paar finanziellen Anreizen, den richtigen Investitionen, etwas Druck und im Zweifel auch mit Vorschriften könnte die Politik womöglich dafür sorgen, in den meisten Dörfern eine Einkaufsmöglichkeit, einen Arzt und - herrje! - einen Geldautomaten zu sichern.

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