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Liebe und Sex: Haben selbstbewusste Frauen besseren Sex?

Die Frauen von heute seien so selbstbewusst wie nie zuvor, heißt es häufig in den Medien. Aber ­haben sie deshalb auch mehr Spaß am schönsten Sport der Welt?

Frauen seien heute selbstbewusster, als je zuvor

"Ich serviere mich auf einem Silbertablett", sagt Katharina, wenn sie mit jemandem schläft.

Im »Spiegel« stand vor wenigen Wochen in einer Titelgeschichte, dass junge Frauen beim Sex heutzutage so mutig und selbstbewusst seien wie nie. Als Beispiel diente eine Frau, die fünf- bis sechsmal die Woche mit ihrem Freund schläft und sich darüber freut, wenn er sie zu Hause nackt empfängt, geschmückt mit einem roten Geschenkband.

Es wird einem in der öffentlichen Debatte im Moment der Eindruck vermittelt, dass junge Frauen heute nun mal so sind. Stimmt das wirklich oder ist das nur der Altherrentraum ­einiger Journalisten?

Rosen im Bierkrug

Ich treffe Katharina in ihrer WG in Hamburg. Sie ist 27, attraktiv, selbstbewusst – und an Sex eher mittelmäßig interessiert. In ihrem Zimmer stehen rote Rosen, die sie sich selbst gekauft hat. Als Vase dient ein Bierkrug vom ­Münchner ­Oktoberfest. Von ihrem letzten Freund trennte sie sich vor zwei Jahren, weil er mit ihren Karriereambitionen nicht zurechtkam.

Haben selbstbewusste Frauen besseren Sex?

Junge Frauen im Bett: prüde oder hemmungslos?

Katharina wirkt wie eine Frau, die von vielen Männern begehrt wird, und doch hat sie seit ihrer Trennung keinen Sex mehr gehabt. Sie masturbiere zwei-, dreimal im Monat, um nicht die Wände hochzugehen, wie sie sagt. Was ihr dabei nie einfallen würde: den Orgasmus absichtlich hinauszuzögern, um die sexuelle Spannung länger zu genießen, sie zu steigern. Solche Umwege reizen sie nicht. Auf die Frage, was sie körperlich errege, sagt Katharina: »Ich weiß schon, welche Knöpfe man drücken muss, damit ich komme.« Katharinas funktionaler Sex.

Lieber auf den Richtigen warten

Dass sie zwei Jahre lang mit niemandem mehr geschlafen hat, begründet sie so: »Ich gebe Sex nicht so leichtfertig her, ein Mann muss sich das schon verdienen. Wenn ich mit jemandem schlafe, verschenke ich ja etwas, ich serviere mich auf einem Silbertablett.« Viele ihrer Freundinnen hätten eine ähnliche Einstellung. Das Bild dahinter: Der Mann, der immer will. Die Frau, die sich zurückhält und auf den Richtigen wartet, ehe sie sich ihm hingibt. Klingt althergebracht. Und merkwürdig aus Katharinas Mund, es passt nicht zu ihr.

Das dachte auch neulich eine ihrer Freundinnen, die sich mehr für Sex interessiert; sie empfahl Katharina, sich mehr mit ihrem Körper auseinanderzusetzen. Ihr entgehe so viel. »Diese ganze Genieße-deinen-Körper-Haltung ist mir zu esoterisch«, sagt Katharina dazu.

Wenn die Motive Fortpflanzung und Liebe wegfallen

Sex als Währung: Wenn die Motive Fortpflanzung und Liebe wegfallen, braucht sie niemanden in ihrem Bett.


Sex als eine Währung

Ich glaube, es ist in Wahrheit so: Katharina ist nicht unmodern, sondern in sexueller Hinsicht schlichtweg kein Genussmensch. Wenn die Motive Fortpflanzung und Liebe wegfallen, braucht sie niemanden in ihrem Bett. Das macht sie frei, sie kann dadurch Sex als eine Art Währung einsetzen. Auch wenn sie das selbst niemals so ausdrücken würde. Sie kann damit Beziehungen etablieren, wenn sie ernst werden, und stabilisieren, wenn sie ins Wanken geraten. Das bedeutet auch, dass sie in einer gut und lang laufenden Beziehung keinen Wert darauf legt, unbedingt jeden Tag Sex zu haben. Sobald sie verliebt ist, schläft sie durchaus mit ihrem Partner, und zwar gerne. Nur wird bei Menschen wie ihr die Häufigkeit irgendwann abnehmen, weil in letzter Konsequenz die Leidenschaft fehlt, der Spaß am eigenen Begehren. Es geht also nicht um »modern« und »veraltet«, sondern um eine Charakterfrage. Die Wahrheit ist: Katharina ist vollkommen normal. Sie ist auch eine typische Frau von heute. Nur eben anders als die Frau mit ihrem Freund im roten Geschenkband.

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Dieser Text ist in der Ausgabe 07/15 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben seit September 2013 gibt es auch digital in der NEON-App. Eine Übersicht aller »Bettgeschichten« findet ihr hier.


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