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Vom Leben gelernt

Neues annehmen: Meine Freundschaften haben sich verändert – und das ist okay so

Unsere Autorin hat sich ordentlich den Kopf darüber zerbrochen, warum sich in den vergangenen Jahren ihre Freundschaften verändert haben. Mittlerweile weiß sie, wieso das so ist – und warum das sogar ziemlich wertvoll ist.

Von Sara Tavakoli

Die Autorin mit ihren vier besten Freundinnen sitzen auf einem Sofa und lachen in die Kamera

Seit sie in unterschiedliche Städte gezogen sind, sieht unsere Autorin (zweite von rechts) ihre vier besten Freundinnen nicht mehr so häufig wie zu Schulzeiten – dass das die Freundschaft nur noch enger macht, musste sie erst lernen.

In den vergangenen Jahren hat sich viel an meinen Freundschaften verändert: Einige, die ich vor drei Jahren fast jeden Tag gesehen habe, treffe ich heute nur noch ein paar Mal im Jahr. Bei einigen wusste ich vor zwei Jahren noch, was sie zu Abend gegessen haben, was sie letzte Nacht geträumt haben und wie jede Minute ihres Dates verlief ­– heute werden solche Informationen alle paar Wochen in einem überdurchschnittlich langen Telefonat miteinander geteilt. Und einige, die ich vor zwei Jahren noch gar nicht kannte, sind heute meine engsten Freunde.   

Mir ist es zum Teil sehr schwergefallen, diese Veränderungen zu akzeptieren. Ich habe mir selbst Vorwürfe gemacht: Melde ich mich zu selten bei einigen Freunden? Sollte ich zu jedem Geburtstag hinfahren und die dreistündige Fahrt auf mich nehmen? Hätte ich nochmal nachfragen sollen, wie das Zusammentreffen mit dem Ex-Freund war? Investiere ich generell viel zu wenig Zeit in die Freundschaft?

Die ernüchternde Antwortet lautet: Ich habe noch nicht zu jeder Frage die passende Antwort. Aber zumindest (und es war ein langer Prozess zu dieser Erkenntnis) weiß ich jetzt: Freundschaften verändern sich – und das ist überhaupt nichts Negatives.

Nicht nur Freundschaften verändern sich, sondern auch die Menschen selbst

Nur weil wir vor zwei Jahren jeden Tag miteinander verbracht haben, vor drei Jahren alle unsere Gefühle geteilt haben oder jedes Wochenende zusammen gefeiert haben, muss das jetzt nicht immer noch so sein. Denn es verändern sich nicht nur Freundschaften, sondern auch – und vor allem – wir Menschen hinter diesen Freundschaften.

Wir ziehen mit dem Partner in die erste gemeinsame Wohnung, erleben schmerzhafte Trennungen, wir ziehen weit weg in neue Städte oder zurück in alte Städte, beginnen ein zweites Studium, den ersten Vollzeit-Job, brechen das Studium ab, kündigen den Job, reisen ein halbes Jahr alleine um die Welt, haben die erste richtige Lebenskrise, bewältigen die erste richtige Lebenskrise, heiraten oder kriegen Babys.

Solche Ereignisse beeinflussen uns. Unsere Vorstellungen vom Leben, von unseren zwischenmenschlichen Beziehungen, davon, was wir möchten, was wir nicht möchten. Und sie beeinflussen auch, was wir überhaupt noch alles unter einen Hut kriegen können.

Einige Freundschaften werden trotz Distanz noch enger 

Manchmal führen die Veränderungen dazu, dass man unterschiedliche Interessen oder Bedürfnisse entwickelt, nicht mehr auf einer Wellenlänge ist und sich bewusst nicht mehr sieht. Veränderungen führen auch dazu, dass man sich in völlig unterschiedlichen Lebensabschnitten befindet: Man mag die Freundin, die geheiratet und ein Baby bekommen hat zwar noch gerne, aber so richtig viele gemeinsame Themen hat man eben nicht mehr – und dann ist es okay, wenn man sich nur noch ein Mal im Jahr trifft. Manchmal führen die Dinge, die im Leben so passieren dazu, dass man neben dem Vollzeit-Job, einer festen Partnerschaft und 37 anderen Verpflichtungen nicht mehr dazu kommt, sich jeden zweiten Tag auf einen Kaffee zu treffen, wie man es noch zu Studienzeiten gemacht hat. Und auch das ist okay und keinesfalls ein Zeichen dafür, dass sich eine Freundschaft langsam auflöst.

Dank der Veränderungen festigen sich aber auch einige Freundschaften, und man weiß sie umso mehr zu schätzen. Meine vier besten Freundinnen beispielsweise kenne ich seit über zehn Jahren. Zu Schulzeiten haben wir uns jeden Tag gesehen, nach der Schule noch telefoniert und jedes Wochenende miteinander verbracht. Nach dem Abitur hat sich das verändert: Wir sind alle in unterschiedliche Städte gezogen, waren zum Teil im Ausland und haben viele neue Menschen kennen gelernt.

Zwischenzeitlich fand ich es sehr schade, dass ich nicht immer wusste, wie es den anderen gerade geht. Aber jetzt empfinde ich unsere Freundschaft als viel enger, als sie es zu Schulzeiten noch war. Denn dass man sich nach über sieben Jahren in fünf verschiedenen Städten noch alle paar Wochen sieht, ist doch das beste Zeichen dafür, wie tief die Verbindung zueinander ist.

Nie hatte ich bessere Freunde als jetzt

Und dann ist es auch okay, wenn ich erst zwei Tage später vom Streit mit dem Partner erfahre oder auch einfach mal nicht weiß, wie das Abendessen mit den neuen Kollegen war. Selbst, wenn wir uns irgendwann nur noch ein paar Mal im Jahr sehen sollten – an der Tiefe der Freundschaft wird das nichts verändern. Davon bin ich fest überzeugt.  

In den vergangenen drei Jahren ist viel in meinem Leben und deswegen – so glaube ich zumindest – auch viel in meinen Freundschaften passiert. Einige Freundinnen und ich haben uns auseinander gelebt, andere sehe ich durch die Entfernung nicht mehr jede Woche, so wie es früher noch der Fall war. Und einige, die jetzt tagtäglich wissen, was ich esse, erlebe und träume, kannte ich vor zwei Jahren noch gar nicht. Denn auch das bringen die Veränderungen im Leben mit sich. 

Ich habe mir häufig den Kopf über diese Veränderungen zerbrochen, aber schlussendlich haben sie dazu geführt, dass ich heute die besten Freunde habe, die ich je hatte – obwohl einige dieser Freundschaften seit über zehn Jahren existieren. Und unter diesem Gesichtspunkt sind doch Veränderungen nicht nur okay, sondern sogar ziemlich gut.