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Authentizität im Leben : Warum sage ich Verabredungen zu, die mich stressen? Über die Schwierigkeit, authentisch zu sein

Sei einfach authentisch! Das ist ein Tipp, den sicher viele kennen. Aber was genau bedeutet es, authentisch zu sein? Und wie wichtig ist Authentizität im Leben? NEON hat mit einer Expertin darüber gesprochen.

Von Sara Tavakoli

Glückliches Mädchen fasst sich an die Haare

Wer authentisch ist, hört auf die eigenen Gefühle und Bedürfnisse und ist dadurch glücklicher. Eigentlich ganz einfach, oder?

Unsplash

In letzter Zeit ist mir bewusst geworden, wie häufig ich Verabredungen zusage, auf die ich eigentlich keine Lust habe. Zum Beispiel mit losen Bekannten. Es ist nicht so, dass ich mich nicht freue, sie zu sehen. Aber besonders in stressigen Phasen finde ich es einfach anstrengend, nach einem langen Tag noch darüber zu sprechen, was eigentlich in den letzten vier Monaten so passiert ist. Vor allem, wenn ich weiß, dass es nach dem Treffen wieder monatelang dauernd wird, bis man sich wiedersieht. Stattdessen würde ich den Abend lieber nutzen, um Sport zu machen, mich mit meinen engen Freunden zu treffen oder auch einfach mal, um alleine zu sein. 

Vor etwa zwei Wochen war es wieder so weit: Ich verabredete mich mit einer alten Kommilitonin, obwohl die Woche sowieso schon sehr voll war. Es war kalt und regnerisch, ich wäre am liebsten einfach nur zu Hause geblieben und ich verfluchte mich selbst dafür, dass ich mal wieder zugesagt hatte. Nach diesem Abend entschied ich: Das nächste Mal sage ich ab. Ganz einfach. Ich höre auf meine Gefühle, nehme sie ernst und sage wie es ist: Sorry, ich schaffe es zurzeit einfach nicht. Das wäre ehrlich und authentisch. Oder?

Authentisch sein heißt, auf die eigenen Gefühle zu hören

Ob das wirklich authentisch ist, habe ich mich danach gefragt. Was genau bedeutet das überhaupt – "authentisch sein"? NEON hat mit Caroline Winning dazu gesprochen. Winning arbeitet als Coach und Beraterin und gibt Seminare und Workshops, um authentischer zu leben. Sie sagt: "Authentisch sein heißt zuallererst, dass ich mich wahrnehme mich und bewusst erlebe, was ich in diesem Moment denke, fühle, körperlich spüre und brauche. Aber auch: Ich nehme all das ernst. Ich drücke meine Gefühle nicht weg, verdränge meine Bedürfnisse nicht, sondern achte und respektiere sie." Konkret würde das bedeuten, dass man den eigenen Gefühlen Ausdruck verleiht und Möglichkeiten sucht, die Bedürfnisse zu erfüllen, so Winning. In meinem Fall heißt das also: 1. Wahrnehmen, dass diese Verabredungen Stress bei mir verursachen und 2. Etwas dagegen tun, damit ich mich besser fühle.

Das bedeute allerdings nicht, in jedem Moment des Lebens all seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen, warnt Caroline Winning. Manchmal sei dies nicht möglich, in bestimmen Situationen könne es sogar zu Unbehagen bei anderen führen, wenn man tiefe Emotionen zeigt. In solchen Momenten sei es sinnvoller, die eigenen Gefühle dosiert einzusetzen. Der wesentliche Schritt sei jedoch, in sich hinein zu spüren und zu merken: "Hier geht es für mich nicht weiter. Danach folgt der Schritt der Handlung", so Winning. 

Authentizität: wichtig für die psychische und physische Gesundheit

Die eigenen Gefühle ernst zu nehmen sei nämlich ziemlich wichtig, um physisch und psychisch gesund zu bleiben, erklärt sie weiter. "Menschen, die sich selbst nicht spüren und ständig über sich hinweggehen, merken dies irgendwann meist an körperlichen Symptomen, unglücklichen Beziehungen oder unbefriedigender Arbeit." Die Ignoranz der eigenen Gefühle führe dazu, dass man sich selbst vernachlässigt, so Winning. Außerdem erlaube Authentizität, schneller zu merken, wann man einen Richtungswechsel im Leben vornehmen sollte. "Authentisch zu sein verschafft mir damit ein Selbstvertrauen und eine Selbstbestimmtheit und ist für ein erfülltes, lebendige, kraftvolles und gesundes Leben essentiell", so Caroline Winning.

Viele von euch kennen das bestimmt oder waren vielleicht schon selbst in solchen Situationen: Du bleibst mit der einen Person befreundet, obwohl sie dir ein ungutes Gefühl gibt, brauchst ewig, um dich aus einer ungesunden Beziehung zu winden oder bleibst viel zu lange in einem Job, der kaum Spaß macht. Wenn man es dann endlich schafft, die negativen Gefühle nicht nur wahrzunehmen, sondern auch etwas dagegen zu unternehmen, ist das Gefühl von Erleichterung riesengroß – und man fragt sich, warum man nicht schon viel früher auf die eigenen Bedürfnisse eingegangen ist.

"Als Kinder sind wir zutiefst authentisch"

Wenn das authentisch sein doch nur Positives mit sich bringt – warum fällt es manchmal so schwer, vollkommen authentisch zu sein? Caroline Winning beschreibt das so: "Als Kinder sind wir zutiefst authentisch – pur und völlig verbunden mit unseren Gefühlen und Bedürfnissen. Es folgt eine Phase, in der wir lernen, uns in soziale Gruppen einzufügen, die Normen der Gesellschaft zu verinnerlichen und uns anzupassen. Wir werden sozial." In einem Lernprozess, dessen Länge völlig individuell ist, müsse der Mensch die Verbindung zum inneren Wesen – fernab von Normen, Regeln und Rollen – erst wieder lernen, so Winning. Um Authentizität im Leben besser zu integrieren und authentisch zu sein, empfiehlt Winning sich folgende Fragen zu stellen:

  1. Was fühle und spüre ich?
  2. Was brauche ich in diesem Moment?
  3. Was treibt mich gerade an und wie gut tut mir das?
  4. Aus welchem Gefühl heraus handele ich – aus einem positiven oder negativen?

Und zu guter Letzt rät die Expertin: "Hör auf deinen Körper! Er sagt dir in den meisten Fällen deutlich, wann es zu viel ist. Sei achtsam, spüre in dich hinein und nimm wahr, wo es gerade schmerzt oder sich unwohl anfühlt. Meist wird der Schmerz, wenn man ihm den Raum gibt, begleitet durch ein Gefühl – vielleicht Traurigkeit oder Wut – das dir genau sagt, was du gerade brauchst: ob es Unterstützung ist, oder Zeit für dich selbst."

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