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Karriere-Guide: Wieso uns Authentizität im Job nur begrenzt weiterbringt

Authentizität, Selbstbewusstsein und Ehrlichkeit sind in vielen Bereichen das A und O. Aber gilt das auch für den Job? Im Gespräch mit NEON erklärt Kommunikationstrainerin Meike Runschke, was uns im Beruf wirklich weiterbringt.  

Protokoll von Lisa Muckelberg

Frau mit Tablet in der Hand

In unserem Survival-Guide erfahrt ihr, welche Taktik im Job am besten funktioniert (Symbolbild)

Getty Images

Im Bewerbungsgespräch achte ich genau auf jedes Wort, das ich sage. Dadurch bin ich noch verkrampfter als eh schon. Lohnt sich die Sorgfalt?

Nö. Worte machen nur etwa sieben Prozent des vermittelten Eindrucks aus, der Rest sind die Stimme und die Körpersprache. Du kannst also ziemlich viel Blödsinn erzählen und trotzdem souverän wirken. Achte auf den Händedruck und halte den Augenkontakt. Für die Stimme gilt: Ruhig sprechen, nicht zu leise, und Pausen machen. Denk kurz vor dem Gespräch an drei Dinge, über die du dich heute gefreut hast. Dann entspannen sich Körper und Gesicht, und du wirkst locker und freundlich.

In der Konferenz hatte ich eine gute Idee, die aber keiner so richtig gehört hat. Später hat mein Kollege fast das Gleiche gesagt, und alle waren begeistert. Was hab ich falsch gemacht?

Da geht es vor allem um Sichtbarkeit, aber auch um Timing. Hör in der Runde aktiv zu und stell Nachfragen. Warte ab, bis jeder seinen Redebedarf gestillt hat. Dann verknüpf deine Idee mit den Dingen, die vorher gesagt wurden, so gewinnt sie an Glaubwürdigkeit. Außerdem hören alle gerne zu, wenn du ihre Worte wiederholst. Also: "Wenn ich Sie richtig verstanden habe, geht es um Folgendes, dazu geht mir dies und jenes durch den Kopf, darf ich da etwas empfehlen?"

Wie mogle ich mich unvorbereitet durch die Konferenz?

Hör ganz genau zu. Wenn du etwas gefragt wirst, fällt dir im besten Fall etwas ein, was du vorher aufgeschnappt hast. Ansonsten: zurückfragen. "Inwiefern?" geht immer. Und wenn alles nichts nützt, zögert man die Antwort heraus: "Wie lange sind Sie heute im Büro? Dann komme ich später vorbei, und wir klären das." Auf keinen Fall schnell auf dem Handy etwas nachschauen, das wirkt abwesend.

Wenn mir der Chef oder ein Kollege ein Kompliment macht, spiele ich es meistens runter. Schlimm?

Ja. Lass das! Wenn du gute Arbeit geleistet hast, steh dazu. Also: Bedanken und freuen! Das gilt übrigens auch für Kritik. Erst mal "Danke, dass du mir das sagst" und dann nachfragen: "Was genau meinst du? Auf welchen Teil beziehst du dich?"

Meine Kollegin verkauft sich total gut, leistet aber gar nicht so viel. Lasse ich sie auffliegen?

Souveränes Auftreten bei mangelnder Kompetenz – das ist nicht einfach. Das grenzt schon an Führungsqualitäten. Also, nicht gleich verurteilen, sondern lieber davon lernen. Vielleicht machst du dir ja auch zu viel Arbeit?

Ich habe Erfolg, denke aber oft: Oh Gott, gleich fliegt auf, dass ich gar nichts kann. Ist das normal?

Ja, das ist das Hochstaplersyndrom. Du sagst sicher oft Sätze wie: "Ich war nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort." Dabei musst du dir klar machen: Ja, die Gelegenheit ergab sich vielleicht, aber du hast sie genutzt! Aber wenn du auf Dauer merkst, es gibt da etwas anderes, was du viel besser kannst, dann lohnt es sich vielleicht, das zu deinem Beruf zu machen.

Mein Chef bietet mir eine Stelle mit mehr Verantwortung an. Ich zögere noch. Hätte ich direkt Ja schreien müssen?

Nein, das ist eine Typfrage, und kein Unternehmen braucht nur Leute, die sich ohne Bedenken alles zutrauen. Das Angebot kannst du aber ruhig annehmen. Dein Chef hat sich ja etwas dabei gedacht.

Eine Kollegin hat vor anderen mein Projekt kritisiert. Soll ich mich wehren?

Ja, unbedingt, bloß wie? In solchen Momenten werden Reflexe aktiviert: Angriff, Verteidigung oder Flucht. Am besten lässt du dich zu keinem davon verleiten, sondern fragst zurück: "Was genau stört dich?" So redest du dich nicht um Kopf und Kragen, denn alles, was du dann sagst, kann sie wieder gegen dich verwenden.

Stattdessen ergründest du interessiert ihre Kritik. Vielleicht stellt sich heraus, dass ihr die Ziele des Projekts unterschiedlich verstanden habt. Wenn du aber merkst, dass es ihr um etwas Persönliches geht, bitte sie darum, es unter vier Augen zu klären.

In der Gehaltsverhandlung habe ich mich schnell zufriedengegeben. Verdiene ich weniger, ist der Erwartungsdruck nicht so hoch. Oder?

Jein. In der Probezeit gucken Arbeitgeber genau, ob sich das Übernehmen wirklich lohnt, gerade wenn der Bewerber forsch und "teuer" aufgetreten ist. Aber grundsätzlich sollte man sich natürlich nicht selbst kleinmachen. Bereite dich gut auf das Gespräch vor: Überlege, wie du mögliche Einwände deiner Chefin entkräften kannst. Mach dir klar, welche Stärken du hast, welchen Mehrwert du lieferst. Im Gespräch selbst empfiehlt sich dann wie in allen Verhandlungen: Stahl in Watte. Sei hart in der Sache, aber weich zu den Menschen.

Meike Runschke war lange Personalerin bei Jung von Matt. Mittlerweile arbeitet sie als Kommunikationstrainerin.

Dieser Artikel ist erstmals in der NEON-Ausgabe 12/2017 erschienen.

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