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Medienkolumne: Mit Townhall-Effekten ins Superwahljahr

Um Logik und das Austauschen von Fakten geht es schon längst nicht mehr: Wenn Politiker im in Fernseh-Talkshows Rede und Antwort stehen, müssen sie Authentizität beweisen. Dafür braucht es Betroffene im Publikum und Einspielfilme, die zum Gimmick verkommen.

Von Bernd Gäbler

Wer als Politiker in unserer Medienrepublik bestehen will, wird neuerdings in den "Polit-Talks" getestet. Die klassische Talkshow war gestern. Einfach nur über Politik reden, Fakten austauschen, Argumente vortragen geht heute nicht mehr. Da könnte ja die Illusion gedeihen, im Fernsehen würde es um Logik und Stringenz gehen. Derzeit lauten die zentralen Kategorien des Fernsehens: echt oder gespielt, authentisch oder simuliert. Denn auf die Person kommt es an, nicht auf die politische Konzeption. Zwei Einrichtungen gehören deswegen inzwischen fest zum Mobiliar des neuen Fernseh-Talks: der Betroffene und der Einspielfilm.

Der "Betroffene" als heimlicher TV-Star

Anne Will hat für Betroffene extra ein Sofa eingerichtet oder holt sie direkt aus dem Publikum an ein spezielles Pult, sie bleiben mit der Basis verbunden. RTL hat sogar das eigene Hauptstadtstudio, in dem die Bundeskanzlerin solo zu Gast war, flugs zu einer aus dem US-Wahlkampf bekannten "Townhall" umdeklariert. So wurde aus dem Publikum mal flugs eine Versammlung von Betroffenen. Der Betroffene dient im Fernsehen als Repräsentant der realen Welt da draußen. Denn angeblich versteht der Politiker davon nichts, weil er in einer abgehobenen Käseglocke lebt, die keine menschliche Unmittelbarkeit mehr kennt.

Nun wird er mit einem Betroffenen konfrontiert. Der muss nicht eloquent sein, aber seinen eigenen "Fall" zügig darlegen können. Die nun entstehende asymmetrische Interaktion ist einkalkuliert. Wie wird der Politiker reagieren? Kann er sich in die Lebenssituation hinein versetzen? Wirkt er arrogant oder zugewandt? Trumpft er rhetorisch auf oder fragt er interessiert nach? Biedert er sich an oder gibt er sich jovial?

In der RTL-"Townhall" fragte Angela Merkel viel nach, erkundigte sich, empfahl einem Arbeitslosen, auf jeden Fall eine ordentliche Ausbildung zu machen und einer Lehman-Geschädigten, einen Prozess zu führen. Bei den Fakten war sie auf der Höhe, sie konnte sich als großer Kummerkasten der Nation profilieren. Als sie dann noch ganz menschlich von ihren Einkäufen in der "Kaufhalle, wie man früher sagte" und den selbst gemachten Rouladen plauderte, wirkte sie wie eine übergroße Mutter Beimer für alle. Das Mehr an Volk im Studio führte aber nicht zu mehr Demokratie, sondern zu weniger Politik.

Am liebsten arbeitslose Zeitarbeiter

In der Parade der Betroffenen sind die Arbeitslosen zu den heimlichen TV-Stars geworden. Am liebsten führt das Fernsehen arbeitslose Zeitarbeiter oder alleinerziehende Kassiererinnen ins Feld. "Ich habe da zwei, drei Ideen, was Rostock angeht…", so kümmerte sich Frank-Walter Steinmeier bei "Anne Will" um Wilfried Löbel aus Bad Doberan. Der suchte einen Job. Da wurde der Politiker zum Helfer. Statt über ALG II und Agenda 2010 zu streiten, steht plötzlich der Einzelfall im Zentrum.

Als Ausweis besonderer Glaubwürdigkeit führte der Kanzlerkandidat der SPD dann noch an, dass er durch Bruder und Cousine Kurzarbeit sogar aus der eigenen Familie kenne. Da hätte der "Baron aus Bayern", wie die SPD neuerdings den Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg gerne nennt, vermutlich alt ausgesehen.

Die Bundeskanzlerin aber ließ sich bei "Maybrit Illner" auf solch individuelle Nothilfe nicht ein. Sogar im Angesicht des arbeitslosen Zeitarbeiters Eberhard Hädrich verteidigte sie den strategischen Sinn der Zeitarbeit als Brücke in den regulären Arbeitsmarkt. Dann bekam sie es noch mit Stefan Schweer zu tun, einem Vater, der sich über zu hohe Sozialabgaben für kinderreiche Familien beklagte. Er ließ sich nicht so leicht abschütteln, aber nachdem die Kanzlerin Faktensicherheit bewiesen hatte, führte sie ihn elegant in die Sackgasse einer seminaristischen Spezialdebatte und stellte ihn dort still. Der Betroffene machte so unfreiwillig deutlich, wen er medial repräsentieren soll: den passiven Zuschauer. Stets wird er als Opfer inszeniert, nie bei der Eigenverantwortung als aktiver Bürger gepackt.

Der Einspielfilm als Gimmick

Frank Plasberg war der erste, der im Talk-Gewerbe aus dem flotten Einspielfilmchen eine kleine Kunstform machte. Oft hat er diese Beiträge sinnvoll eingesetzt. Am besten kommen sie zur Geltung, wenn sie Fakten nachvollziehbar aufbereiten oder anwesende Politiker mit früheren Positionen oder Aussagen konfrontieren. Seit er sie vom Stehpult aus per Knopfdruck einsetzen kann, lässt Plasberg sich aber häufig zu einem allzu spielerischen Einsatz der Filmchen verführen, der den Talk-Ablauf allzu oft unterbricht. So dient der Einspielfilm vor allem als Element der Beschleunigung.

Neuerdings geht es noch weiter: Die Einspielfilm-Macher verstehen sich nicht mehr als Erklärer, sondern als Provokateure oder Comic-Produzenten, die Frank-Walter Steinmeier schon mal als Supermann durch die Lüfte fliegen lassen. Der Zuschauer kann anschauen, wie Moderator und Gast kurz gemeinsam fernsehen - und, wichtiger, wie der Gast auf das Gesehene reagiert.

Für den Politiker empfiehlt sich, das mit einem gelassenen Lächeln zu quittiert, selbst wenn sie im Film per Straßenumfrage die eigene Unbeliebtheit attestiert bekomme oder "Experten" bezeugen, dass sie alles falsch machen. Frank-Walter Steinmeier wurde bei "Anne Will" per Animation als Witzfigur vorgeführt, reagiert darauf aber schmallippig uncool; während Angela Merkel bei "Maybrit Illner" die per Video vorgeführten Abweichler aller Art, von Friedrich Merz bis hin zum gerade aus der CDU ausgetretenen ehemaligen Ministerpräsidenten Werner Münch, gelassen niederlächelte. Das gelang, weil es um längst unwichtig gewordene Randfiguren ging. Aus dem Einspielfilm, einem einst sinnvollen Instrument zur Erinnerung und Politisierung ist inzwischen ein sinnfreier Gimmick geworden.

Bis zur Bundestagswahl

Bis zur Bundestagswahl werden die Talk-Runden nicht weniger werden und die "Townhallisierung" des Polit-Talks schreitet voran. Am Ende wird es wieder mindestens ein Duell geben. Also werden wir auch noch Heerscharen von Betroffenen und Massen "witziger" Einspielfitzelchen über uns ergehen lassen müssen. Arbeitslosen kann man da nur zuraten, sich für Talkshows casten zu lassen - vielleicht winkt ja ein Arbeitsplatz!