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Die Kanzlerin bei Illner: Merkels Nullnummer

Solo für Merkel. Bei Maybrit Illner darf die Kanzlerin eine zähe Stunde lang versprechen, dass sie Deutschland aus der Krise führen will. Wie? Nun ja, das werden wir alle wohl erst wissen, wenn die Krise vorbei ist. Der Nachrichtenwert tendierte gegen Null.

Von Axel Vornbäumen

Horst Seehofers Hobby sei Dank. Weil der CSU-Quengelknopf in seinem Ingolstädter Heim zur eigenen Entspannung eine Modelleisenbahn aufgebaut hat, endete am späten Donnerstagabend eine ebenso freud- wie belanglose Talk-Sendung wenigstens noch mit einer halbwegs lieblichen Pointe. In seiner besonderen Modelleisenbahnerwelt, das hat Seehofer dieser Tage verraten, habe er nämlich auch der Kanzlerin einen "starken Platz" zugedacht. Das ist nett gemeint, wahrscheinlich völliger Unsinn, letztlich auch total egal. Es eignet sich aber wenigstens für die hübsche Frage, welchen Platz Merkel denn da gerne hätte? Da antwortet die Kanzlerin prompt: "Lokführer."

So viel Mutterwitz tut gut. Das Publikum lacht, und Seehofer wird sich daheim womöglich schon zu mitternächtlicher Stunde zweimal überlegen, ob er jemals solche Steilvorlagen in Richtung CDU-Vorsitzende noch mal zu schicken gedenkt.

In den Parteizentralen werden derartige Spitzen in aufziehenden Wahlkampfzeiten ja gerne notiert - und auch im Willy-Brandt-Haus, der SPD-Zentrale, wird es eher lange Gesichter gegeben haben. Vier Abende nach dem TV-Desaster des eigenen Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier bei Anne Will leistet sich Merkel bei Maybrit Illner nämlich keine groben Schnitzer. Wo Steinmeier beleidigt war, muss Merkel nur aufpassen, nicht zu gelangweilt zu wirken. Die CDU-Vorsitzende zeigt eher routiniert, dass das Leben im Wahlkampf ein langer, ruhiger Fluss von aneinander gereihten Worthülsen sein kann. Opel. Banken. Der eigene Laden. Tausendmal gehört. Wer's mag, bitte sehr. Als Zugabe gibt es noch, dass nach der Wahl die Mehrwertsteuer natürlich nicht erhöht werde.

Selbst mit dem Vorwurf, ein Chamäleon zu sein, weil sie so oft ihre Positionen wechsele, kommt sie klar: "Ich bin nicht beliebig", sagt Merkel - und Maybrit Illner, die sich mittlerweile die putzige Angewohnheit zugelegt hat, die letzten Silben in den Antworten der Kanzlerin gelegentlich mitzusprechen, macht in diesem Moment den Eindruck, als denke sie: Tja, dann nicht.

Draußen, an den Fernsehschirmen im Land, wird das Wahlvolk selig auf der Couch eingedämmert sein und damit wenigstens einigermaßen ausgeruht am Freitag an den Werkbänken der Republik den persönlichen Beitrag leisten können, Deutschland aus der Krise zu hieven.

Kunstwelt der Politikpräsentation

Drinnen, in der Kunstwelt der Politikpräsentation, kann Merkel für sich verbuchen, weit souveräner mit den in deutschen Talkshows mittlerweile notorischen Gästen aus dem realen Leben umgegangen zu sein als ihr Konkurrent Steinmeier am Sonntagabend. Maybrit Illner präsentierte der Kanzlerin zunächst einen 58-jährigen Werkzeugmacher, der eine respektable Leiharbeiterkarriere hinter sich gebracht hat. Warum es der in 13 Jahren Leiharbeit nicht geschafft hat, eine Festanstellung zu bekommen, wie Illner gespielt vorwurfsvoll fragt, das weiß die Kanzlerin auch nicht. Wie auch? Merkel ist fest entschlossen, hier das Positive zu sehen: "Für ihn war es eine Chance, eine schöne Arbeit zu machen."

Der zweite Gast ist - an Unterhaltungskriterien gemessen - eine Zumutung, ein aus dem Baden-Württembergischen stammender, zu Langatmigkeit neigender Gerechtigkeitsfanatiker, der gegen zu hohe Sozialversicherungsbeiträge für Familien klagt. Wer jetzt nicht wegzappt, tut es nimmermehr. Wer nun nicht ins Bett geht, ist selber Schuld.

Merkel nimmt es stoisch und greift erst wieder ein, als die Moderatorin ihren Gast zusammenfasst: "2500 Euro Abwrackprämie, Milliarden für die Banken und 100 Euro fürs Kind". Da empfiehlt die Kanzlerin, nicht alles in einen Topf zu werfen.

Das ist mal ein gut gemeinter Ratschlag. Maybrit Illner sollte ihn beherzigen, bevor sie ein weiters Mal das Fernsehvolk sediert.

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