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Bundestagswahl Politikwissenschaftler zu Hochrechnungen: "Am wahrscheinlichsten ist derzeit eine Ampel-Koalition"

Ampelkoalition
Wird es am Ende doch eine Ampelkoalition ohne die CDU?
© Marijan Murat / DPA
Pünktlich um 18 Uhr wurden die Wahllokale geschlossen – nun geht es an die Stimmauszählung. Wer könnte Deutschland nach 16 Jahren Merkel regieren? Welche Bündnisse sind wahrscheinlich? Politikwissenschaftler Detlef Sack mit einer Einschätzung der ersten Hochrechnungen im Live-Interview mit dem stern.

Die Wahllokale sind geschlossen und die ersten Hochrechnungen flimmern über die Bildschirme. Bis 18 Uhr konnten knapp 60,4 Millionen Bürgerinnen und Bürger über den neuen Bundestag entscheiden – und welche Partei den neuen Kanzler oder die neue Kanzlerin stellen darf. 47 Parteien standen zur Wahl – so viele wie nie seit der Wiedervereinigung. Erstmals seit 1957 könnte eine Dreierkoalition nötig sein, um die nötige Mehrheit zu erreichen. Den Umfragen zufolge wären neben einer Ampelkoalition auch ein Jamaika-Bündnis und eine Rot-Grün-Rote Regierung möglich. (Die ersten Hochrechnungen finden Sie hier.)

Was nun nach Ende der Stimmabgabe möglich ist und wie die ersten Hochrechnungen zu bewerten sind, erfahren Sie hier im stern-Live-Interview mit Politikwissenschaftler Detlef Sack von der Universität Bielefeld.

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Verfolgen Sie die Einschätzung zu den ersten Hochrechnungen live im Experten-Interview

  • Detlef_Sack
    • Detlef_Sack

    Ich danke Ihnen!

  • Christine Leitner
    • Christine Leitner

    Herr Sack, herzlichen Dank für das Gespräch.

  • Detlef_Sack
    • Detlef_Sack

    Da möchte ich nicht die Hand für ins Feuer legen. Der Anteil der Briefwähler ist so hoch, dass ich keine belastbare Aussage wage. Für uns Wahlbeobachter ist das eine relativ neue Situation.

    Aber soviel lässt sich sagen: Es wird knapp. Bis Mitternacht werden einige ganz schön bangen. Die Grünen zum Beispiel wollen die 15-Prozenthürde überspringen und deutlich drittstärkste Kraft sein. Die Linke bangen um ihren Einzug in den Bundestag. Und auch zwischen Union und SPD ist die Messe noch nicht gelesen. Es kann hier noch zu Verschiebungen kommen und dann reden wir morgen früh um 6 Uhr über neue Konstellationen.

  • Christine Leitner
    • Christine Leitner

    Wie stark können sich die Werte der Parteien noch ändern? Ist alles noch so offen, wie es am Anfang schien?

  • Detlef_Sack
    • Detlef_Sack

    Die wahrscheinlichste Koalition derzeit ist eine Ampel-Koalition. Sie hat die Mehrheit und würde Aufbruch signalisieren. Strittige Themen werden die Steuer- und Finanzpolitik und die Umweltpolitik sein. Aber da werden Kompromisse gefunden werden, da alle drei Parteien - anders als 2017 - regieren wollen. Die SPD hat in jedem Fall gewonnen. Diese wiedergewonnene Stärke kann enormes Gewicht bei den Verhandlungen bedeuten.

  • Christine Leitner
    • Christine Leitner

    Welches Bündnis wäre denn dann möglich?

  • Detlef_Sack
    • Detlef_Sack

    Ich glaube, dass es die GroKo - in ihrer dritten Auflage - nicht geben wird. Die zweite Große Koalition war die zweitbeste Lösung. Die Wähler haben die Unterschiede zwischen Union und SPD nicht mehr erkannt. Das Resultat: Sie sind zur Opposition gegangen.
    Jamaika können wir wohl auch ausschließen - schließlich belegt die Union nicht den ersten Platz. Außerdem wird das Wahlergebnis zu erheblichen Verwerfungen innerhalb der Union führen. Die CSU würde bei Jamaika darauf bestehen, in Berlin weiterhin stark, das heißt wiederum mit drei Ministerien vertreten zu sein, weil sie Laschet die Schuld an der Niederlage geben wird. Die CDU wäre dann im Schraubstock zwischen zwei kleineren Koalitionspartnern und der CSU.

  • Christine Leitner
    • Christine Leitner

    Eine weitere Große Koalition ist also nicht ganz ausgeschlossen, oder doch?

  • Detlef_Sack
    • Detlef_Sack

    Das stimmt. Das würde bedeuten: Die Hälfte der Bevölkerung ist offenbar mit der bisherigen Politik zufrieden. Allerdings hat sich immerhin die SPD von der bisherigen Regierungsarbeit abgesetzt - was der Union nicht gelungen ist.

    Man muss festhalten: Es gab eben nicht “das eine” Thema. Vielen Menschen geht es offensichtlich gut - weshalb sie “beim Alten bleiben”. Diese Menschen, die den Status Quo beibehalten wollen, sind mehrheitlich Unionswähler. Da die SPD die letzten Jahre mitregiert hat, werden wir auch bei deren Wähler*innen Menschen finden, die eigentlich im Großen und Ganzen zufrieden sind.

  • Christine Leitner
    • Christine Leitner

    Laut den ersten Hochrechnungen spiegelt sich dieser Modernisierungsbedarf aber nicht im Wahlergebnis. Rechnerisch könnte es fast für eine Große Koalition reichen. SPD und Union liegen aktuell beide bei knapp 25 Prozent.

  • Detlef_Sack
    • Detlef_Sack

    Das sind unterschiedliche Themen, die unterschiedliche Bevölkerungsgruppen aufregen und interessieren. Offenkundig hat die Pandemie gezeigt, dass es einen Modernisierungsbedarf der deutschen Politik und Verwaltung gibt. Sprich: Schulen, Unternehmen und deren Besteuerung, Pflege und Gesundheitssystem.

    Das Thema Digitalisierung nimmt Einfluss auf gleich mehrere Bereiche davon. In diesem Fall hat sich die Regierung nicht mit Ruhm bekleckert. Auch soziale Ungleichheit und Wohnungspolitik bleiben wichtige Anliegen.

  • Christine Leitner
    • Christine Leitner

    Welche Kritikpunkte haben die Wählerinnen und Wähler dazu veranlasst bei dieser Wahl ihre Stimme abzugeben?

  • Detlef_Sack
    • Detlef_Sack

    Das passt erstmal gar nicht mit meinen Einschätzungen im Vorfeld zusammen. Ich dachte, die seinerzeitige Mobilisierung der Nichtwähler durch die AfD wäre nicht zu überbieten. Da habe ich mich offenbar geirrt.

    Außerdem waren es eher schwache Kandidaten, eine unzufriedene Bevölkerung und mit der Pandemie ein Dauergesprächsthema. Deshalb - so dachte ich - bleiben mehr Leute den Wahllokalen fern. Das war offenkundig - erstmal auf der Basis der Prognose - nicht der Fall und ist ja eigentlich eine ganz sympathische Reaktion, nämlich dann wählen zu gehen, wenn man Kritik an der Regierung hat.

  • Christine Leitner
    • Christine Leitner

    Blicken wir einmal auf die Wahlbeteiligung: Um die 40 Prozent aller Wahlberechtigten in Deutschland waren bis kurz vor der Wahl unentschlossen. Seit heute Mittag tauchte immer wieder die Meldung auf, dass wie Wahlbeteiligung in diesem Jahr höher ausfallen könnte, gleichzeitig ist sie aber im Vergleich zu 2017 geringer. Wie passt das zusammen?

  • Detlef_Sack
    • Detlef_Sack

    Nein, offensichtlich nicht!


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