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Erfolgsrezept für Politiker: Der nette Typ von nebenan

Was haben Wolfgang Kubicki, Hannelore Kraft und die Piraten gemeinsam? Sie sind, wie sie sind. Nähe, Glaubwürdigkeit und Authentizität sind das Doping der Sieger.

Von Lutz Kinkel und Anieke Walter

Etwas Besseres hätte Angela Merkel gar nicht passieren können. "Bild" vom 5. März 2012: ein Schnappschuss der Kanzlerin in einem Berliner Supermarkt. Sie packt gerade ihre Einkäufe in die Plastiktüte, Oliven im Glas, Paprika, Porree, eine Flasche Weißwein. Und der Leserreporter, der die Szene aufgenommen hat, schwärmt in einem kleinen Artikel: "Frau Merkel hat sogar die Einkaufstüte selbst getragen." So ist das bei Kanzlers: Eben noch in Brüssel, schwarze Limos, Blitzlichtgewitter, Milliardendeals, und dann, am frühen Abend, im Supermarkt. Mensch Merkel. Doch so normal geblieben. Bescheiden. Im Nebenberuf Hausfrau wie Millionen andere auch.

Geradezu unwiderstehlich sind solche Fotos. Sie holen die Stars der Politik zurück auf die Erde, machen sie nahbar, verstehbar, menschlich - im besten Sinne: gemein. Deswegen sehen wir es gerne, wenn Hannelore Kraft in der Sekunde ihres Wahltriumphes in Nordrhein-Westfalen ihren Mann, "den Udo", knuddelt und sich bei Mama bedankt, weil die in den vergangenen Wochen so emsig Krafts Wahlkampfwäsche gebügelt hat. Deswegen lesen wir es gerne, wenn Wolfgang Kubicki über eine mögliche Karriere im Bund sagt: "Ich würde in Berlin zum Trinker werden, vielleicht auch zum Hurenbock." Und deswegen schauen wir fasziniert zu, wenn Johannes Ponader im Schlabberjäckchen bei "Günther Jauch" sitzt und nebenbei ein bisserl was auf dem IPhone wegtwittert.

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Bratwurst-Authentizität

Was hat das alles mit Politik zu tun? Verdammt viel. "Die Welt ist so komplex geworden, dass kein Mensch mehr beurteilen kann, ob eine Politik richtig oder falsch ist", sagt Klaus-Peter Schöppner, Chef des Meinungsforschungsinstituts Emnid zu stern.de. "Das führt dazu, dass der Kompetenzeindruck eines Politikers eine immer geringere Bedeutung spielt. An diese Stelle treten Authentizität, Überparteilichkeit und Vertrauen." Das ist ein Satz, den man sich auf der Zunge zergehen lassen muss. Es geht nicht um "Kompetenz", selbst der "Kompetenzeindruck" interessiert nicht mehr so sehr. Sondern die "Authentizität", ein Wort aus dem Griechischen, das Echtheit, Originalität bedeutet. Passt ja auch: Kraft und Udo, Kubicki und Rotwein, Pirat und Twitter. Passt gar nicht: Norbert Röttgen und NRW.

Warum eigentlich? Auf seine Weise ist Norbert Röttgen superauthentisch: ein Überflieger in feinster Klamotte, der aus dem Stehgreif klug über Weltpolitik referieren kann. Nutzt aber alles nichts beim Bratwürstchen-Kairos vor dem Alten Feuerwehrhaus in Netphen, Siegerland, NRW. Der "Spiegel" hat die Szene wunderbar beschrieben: "'Se möschten doch sischer auch ein Würstschen, Herr Röttgen', sagt die Dame von der örtlichen CDU. Sie steht jetzt vor ihm und hält ihm das wippende Stück Fleisch vors Gesicht. Es ist ein besonders fettiges Würstchen, eine Zumutung, besonders für Röttgen." Bundesumweltminister Dr. Norbert Röttgen würgt das Teil nach Aufforderung tatsächlich runter, aber sein Magerquark-Gesicht verrät ihn. Es reicht eben nicht, authentisch zu sein, es muss Volkstümlichkeit hinzu kommen, insbesondere bei Kandidaten, die Volksparteienergebnisse erzielen wollen. Eine gewisse Bratwurst-Authentizität. Kraft hat das sogar plakatieren lassen ("Currywurst ist SPD"), die CDU hat darüber gespottet. Wie unklug.

Westerwelle und Kinderschokolade

Christian Lindner, Kubicki, die Piraten, brauchen den Bratwurst-Turbo nicht, es reicht die Echtheit der Person. Und, noch eine Nebenbedingung: "Ein Politiker muss seine Interessen hinten anstellen und die Interessen des Wählers vertreten", sagt Schöppner. Eindruck macht: Christian Lindner, der den gut dotierten Job als FDP-Generalsekretär in Berlin aufgibt, sich aber wie ein Olympia-Zehnkämpfer in NRW für seine sieche Partei engagiert. Ohne Aussicht auf irgendwas. Eindruck macht auch: Annegret Kramp-Karrenbauer killt die Jamaika-Koalition im Saarland, weil sich ihr Koalitionspartner kaputt intrigiert hat. Ohne Aussicht darauf, Ministerpräsidentin bleiben zu können. So gar nicht geht das Modell Röttgen: entweder Staatskanzlei oder Am-Ärmel-Lecken. Safer Politics eines Karrieristen.

So baut sich jeder seine Marke, sein "brand", und die kann vertrauenswürdig sein, ein "trusted brand" oder auch nicht. Ideal, wenn der Kandidat seine Biografie wie ein DJ auflegen kann, um seine Themen zu rocken. Bundespräsident Joachim Gauck kann herzzerreißend über Freiheit reden, weil er sich in der DDR so danach verzehrt hat. Kraft weiß etwas über die kleinen Leute, weil sie in Dümpten aufgewachsen ist, im proletarischen Norden von Mülheim an der Ruhr. Vater Straßenbahnfahrer, Mutter Fahrkartenverkäuferin. Die Menschen spüren, ob dem Redner das Zertifikat "trusted brand" anhängt, oder ob er sich nur etwas angeeignet, angelesen, antaktiert hat. Guido Westerwelle ist ein erstklassiger innenpolitischer Haudrauf. Das feine Gewebe der Diplomatie aber passt zu ihm wie Kinderschokolade zum Clubabend der Hells Angels.

Trugbild am Wolfgangsee

Das Gespür dafür, ob ein Politiker authentisch ist oder nicht, scheint sich verfeinert zu haben. Es navigiert durch Informationsfluten, durch hyperkomplexe politische Welten, es hilft, zwischen programmatisch kaum zu unterscheidenden Parteien doch zu unterscheiden. Und es schult sich an immer neuen Fallbeispielen. Helmut Kohl mit Familie am Wolfgangsee war ein bitterböses Trugbild, jeder weiß das nach den Enthüllungen seiner Söhne. Und "KT" hat das Bewusstsein für solche Kulissen noch mal geschärft. "Karl-Theodor zu Guttenberg war ein Meister der Inszenierung. Er kam an, hatte extrem hohe Beliebheitswerte", sagt der Kommunikationswissenschaftler Felix Krebber von der Uni Leipzig zu stern.de. "Doch der Wunsch nach einem anderen Politikertypus ist durch ihn jäh enttäuscht worden. Das inszenierte Bild war diskrepant zur Realität, persönlich wie politisch. Heute ist vielmehr Ehrlichkeit gefragt."

Ehrlichkeit. Am Sonntagabend ist es mucksmäuschenstill, als im Berliner Konrad-Adenauer-Haus die erste Prognose der NRW-Wahl über den Bildschirm flimmert. Michael Geerdts, CDU-Parteimitglied und das, was gemeinhin Basis genannt wird, sagt über Röttgen: "Er ist selber schuld." Was jetzt passieren muss? "Es muss wieder die notwendige Ehrlichkeit gegenüber den Wählern zurück gewonnen werden", sagt Geerdts Kollege Wolfram Schrankenmüller. Geerdts nickt zustimmend. Aber er sehe dafür momentan "keine Persönlichkeiten" in seiner Partei.

Von:

und Anieke Walter