VG-Wort Pixel

Liebesgeständnis Warum ist es so schwer, "Ich liebe dich" zu sagen?

Ein Appell an das Liebesgeständnis
Wir sind zu selten verliebt, um es dann für uns behalten. Ein Appell an das Liebesgeständnis.
© oleg66 / iStock / Getty Images
Wir ziehen unseren Selbstschutz um uns wie eine warme Jacke und geben uns dem Irrtum hin, dass jedes Liebesgeständnis sie wegreißt und uns schutzlos zurücklässt. Dabei macht es uns menschlich und groß, verliebt zu sein. Ohne Ausnahme.

Als wir klein waren, schien das mit der Liebe einfacher zu sein. Unsere Eltern und Großeltern haben uns gesagt, dass sie uns lieben - und wenn sie es nicht gesagt haben, hatten wir doch oft so eine Ahnung. Vielleicht war da auch zuerst ein Gefühl, dass mit den Jahren einen Namen bekommen hat. Erst ganz still und ungezwungen auf den eigenen Lippen, dann wurde das Wort schwerer und sperriger und wir begegneten ihm überall. 

Auf dem Schulhof haben wir uns Zettel zugesteckt, auf manchen davon stand "Ich liebe Dich" oder "Ich habe mich in dich verliebt". Diese Zettel waren mal stark in Mode. Sie lösten aufgeregte Tuscheleien auf den Mädchenklos aus und ihre wenigen Worten hatten schon damals die Kraft, uns ziemlich aus der Bahn zu werfen. Wenn aber jemand den Mut hatte, auf diesen Zettel zu antworten und das Geschriebene zu erwidern, war man plötzlich ein Paar. Heute würden wir sagen, wir wussten damals nicht, was Liebe ist. Glaubt man dem, was Medien über unsere Generation erzählen, wissen wir es heute auch nicht.

Symptome unserer Generation?

Als Michael Nast im Februar 2016 seinen Ratgeber "Generation Beziehungsunfähig" herausbrachte, schien er einen Nerv zu treffen. Der 40-jährige Autor, der selbst kaum zu der Generation gehört, über die er schreibt, stellte unsere Symptome klar heraus: Selbstoptimierungs- und Perfektionswahn, Identifikation mit dem Job, Selbstdarstellertum und Therapie-Hype. Im Streben danach, immer voran zu kommen und unserem Leben mehr Bedeutung zuzuweisen, haben wir verlernt uns dauerhaft an jemanden zu binden, so Nast. Und auch wenn sein Name langsam die anfängliche Aufregung hinter sich lässt, hat sich seine Message doch wie ein Mantra in unsere Generation geschlichen. 

Angsthasen im Großstadtdschungel

Es scheint tatsächlich komplizierter geworden zu sein, das mit der Liebe. Vorbei sind die Zeiten der Zettelchen und das erste Händchenhalten, mit dem man damals ganz bedingungslos etwas ausdrückte, das wir uns heute kaum zu sagen trauen: Wir gehören zusammen. Dating in Großstädten ist ein Tanz zwischen Hingabe und Zurückhaltung geworden, eine ständige Suche nach Balance. Wer sich zu schnell zu weit voraus wagt, riskiert zu scheitern und den anderen in Flucht zu schlagen. Oder man selbst sucht das Weite, weil das große Vielleicht, das einem gegenüber sitzt, schon beim zweiten Date von Kindern spricht. 

Kühle Zurückhaltung steht bei der Partnersuche hoch im Kurs und hält uns oft davon ab, Gefühle zuzulassen und einfach mal zu sagen: "Ich habe mich in dich verliebt." Dabei ist Verliebtsein erst einmal ohne Einschränkungen etwas Wundervolles. Und dieser Panzer, der bei jeder Gelegenheit als Metapher bemüht wird, fällt dadurch auch nicht zusammen. Jemandem romantische Gefühle zu gestehen, zeugt von emotionaler Größe und ist kein Zeichen von Schwäche. Es lässt uns nicht schutzlos und klein zurück.

Ein Appell an das Liebesgeständnis

Als ich in die achte Klasse ging, verliebte sich meine beste Freundin inständig in einen Jungen. Er ging in eine Parallelklasse, spielte in den Pausen Basketball und ahnte nichts von ihr, die schmachtend am Spielfeldrand saß. Aus den Zettelbotschaften waren wir längst heraus gewachsen. Eines Nachmittags saßen wir in ihrem Zimmer und nahmen jedes Zeichen und jeden Satz auseinander, mit dem er hätte verraten können, dass er ähnlich empfand. Dann griff meine Freundin zu ihrem Handy und sagte: "Ich rufe ihn jetzt an." Das Gespräch dauerte etwa 20 Sekunden und sollte mich nachhaltig beeindrucken. "Alles klar, er liebt mich nicht", sagte sie. Wir tranken einen kalten Kakao und das Drama blieb aus. Am nächsten Tag ging sie aufrecht in die Schule. 

Und im Sinne dieses mutigen Mädchens, das die Sache schon ziemlich früh begriffen hatte, kommt hier ein Appell: Man verliebt sich viel zu selten, um es nicht zu genießen und beizeiten erst leise und dann laut heraus zu rufen. Die Band Tomte hatte schon recht, als sie 2003 von der Schönheit der Chance sang. Es gibt kein Verlieren und keinen Platz für Scham. Es gibt nur die Freiheit, alles zu versuchen und die Chance, größer daraus hervor zu gehen.

sve

Mehr zum Thema