HOME

Sex-Trend: Ein zweiter Mann im (Ehe-)Bett: Was es mit "Wife Sharing" auf sich hat

Über Sex-Trends wird oft und gerne der Kopf geschüttelt. Wenn einer dann auch noch den Namen "Wife Sharing" trägt, sitzt das Haupt besonders locker auf den Schultern. Aber ein Blick hinter die Oberfläche könnte sich lohnen.

Wife Sharing

Fremder Besuch im Schlafzimmer: Ist "Wife Sharing" eine gute Idee? 

Getty Images

Wer in den letzten zehn Jahren die ein oder andere Porno-Website geöffnet hat (Abstreiten ist zwecklos), könnte den Kopf jetzt schnell auf seinen Schreibtisch fallen lassen und "Wife Sharing" als alten Hut abtun. Aber wartet einen Augenblick. Was sich nämlich damals in den Schmuddel-Ecken des Netzes verkroch, tritt gerade seinen Siegeszug durch die deutschen Betten an - oder sagen wir lieber Schlafzimmer, ein bisschen Platz ist nämlich sinnvoll.

Beim "Wife Sharing" lädt ein Paar einen zweiten Mann zum Liebesspiel ein, der Mann "teilt" gewissermaßen seine Frau. Der Begriff klingt - zugegeben - etwas chauvinistisch, denkt man doch allzu schnell an Besitzansprüche und veraltete Frauenbilder. Dabei soll die Frau beim Wife Sharing nicht unterdrückt oder herumgereicht werden, sondern ihre Fantasien in einem geschützten Rahmen ausleben, aktiv statt passiv. Wenn der Partner nur zusieht, anstatt selbst teilzunehmen, spricht man vom "Cuckolding". Die Idee des Wife Sharing ist allerdings, dass sich auch der "Wifesharer" am Sex beteiligt.

Der Schritt vom Kopf ins Bett ist einfach

Auf britischen Porno-Websites rankt der Suchbegriff des Wife Sharing auf Platz zwei, während immer mehr Online-Portale aus dem Boden schießen und die Schwelle zur Realität schon überschritten haben. Paare können sich dort anmelden und über Chats einen willigen Sharing-Partner finden - so schnell wird aus der Fantasie Wirklichkeit. Eine kleine Warnung vorab: Das schöne an Fantasien ist, das sie perfekt orchestriert und auf unsere Wünsche abgestimmt sind. Wir sind die einzigen Zuschauer eines Stückes, das wir selbst geschrieben haben oder fügen uns vertrauensvoll in eine wohlbekannte Rolle. Wenn der fremde Mann dann tatsächlich im Schlafzimmer steht, müssen wir die Fäden zumindest zum Teil aus der Hand geben. 

In diesen Moment stoßen wir auch schnell an unsere Vorstellung der klassischen Beziehungskonstellation, mit der Wife Sharing wenig gemein hat. Dann wird die Moralkeule geschwungen und viele Skeptiker werden mindestens eine Augenbraue hochziehen und behaupten: "Eine gute Beziehung braucht solche Spielereien nicht." Was eine gute Beziehung definiert, lässt sich aber nicht pauschalisieren. 

Was ist so reizvoll am Wife Sharing?

Ein Artikel des amerikanischen Psychologen David J. Ley trägt den vielsagenden Namen "Why would you do that?" und erklärt, warum Wife Sharing für viele Paare so reizvoll ist. Ihm fällt einiges dazu ein, allen voran der Reiz des Verbotenen. Wir möchten gähnen, aber er hat schon Recht. Eine gewisse Versuchung liegt immer darin, Dinge zu tun, die in unserer Gesellschaft negativ stigmatisiert sind. Gerade für den Partner steckt ein interessantes Spiel darin, mit dem Bild des schwachen, betrogenen Mannes zu brechen. Seit die Geschichtsschreibung zurückreicht gibt es schließlich für den Ehemann keine größere Schmach, als von dem vermeintlich gehorsamen Eheweib betrogen zu werden.

Daneben nennt David J. Ley auch einen Grund, der etwas bizarr klingt: "Sperm Competition" soll die Tendenz des Wifesharers beschreiben, mit dem anderen Mann in eine Konkurrenzsituation zu treten und bei künftigen Liebesspielen zu neuer Höchstform aufzulaufen. Viele Paare hätten demnach angegeben, nach dem Wife Sharing eine Phase der sexuellen Ekstase erlebt zu haben. Na dann. 

Feminismus ahoi!

Der gönnerhafte Unterton der neuen Spielart, bei der der Mann großzügig seine Frau herreicht, sei an dieser Stelle mal ignoriert. Viel interessanter ist doch, dass viele Paare von einer sexuellen Befreiung der Frau, vom "female empowerment", sprechen. Die Frau ist dazu angehalten, sich von beiden Männern nach ihren Bedürfnissen befriedigen zu lassen. Da trifft es sich gut, dass der weibliche Körper in der gleichen Zeit zu deutlich mehr Orgasmen fähig ist, als der männliche. 

Das Wife Sharing sollte aber nur den Weg ins eigene Schlafzimmer finden, wenn die Grenzen klar abgesteckt sind. Wer zu Eifersucht neigt oder sich vom Partner gedrängt fühlt, nimmt von diesem Sex-Trend lieber Abstand. Allzu leicht gerät das Wife Sharing zum Spielort missverstandener Machtverhältnisse. Und weil es im Fall der Fälle immer noch ein Fremder ist, mit dem ihr die Laken zerwühlt, noch diese eine Sache: benutzt Kondome.

NEON-Reihe #sexbewusst: Aufregender Sex – und wie eine Rosine dazu beiträgt
sve
Themen in diesem Artikel