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Besser als Sex: Warum es manchmal schöner ist, nebeneinander zu schlafen - statt miteinander

Den Sex für später aufheben? Wer sowas in Zeiten von Tinder predigt, hat irgendwas verpasst. Aber: Manchmal funktioniert ein Date auch ohne den erotischen Teil. Und das sogar ganz gut. Nein, wirklich!

Von Katharina Viktoria Weiß

Sex: Nebeneinander schlafen statt miteinander

"Ich bin nicht unter dir, ich bin nicht über dir, ich bin neben dir"

Zwischen dem ersten und dem vierten Bourbon – seiner pur, meiner auf Eis –  ging die Sache noch etwas schleppend voran: Wir saßen mit viel zu vielen Leuten in einer viel zu kleinen Bar und versuchten, gleichzeitig zu flirten und gewissenhaft die Gläser zu leeren. Er gehörte zu einer Gruppe belgischer Musiker, die meine Entourage und ich Minuten zuvor neben einem Kiosk aufgegabelt und in die nächste billige Kneipe geschleift hatten. 

Zwischen dem fünften und dem achten Bourbon hatten wir es bereits aufgegeben, im Rahmen der großen Gruppenkonversation gutgelaunt in die ganze Runde zu brüllen. Stattdessen brüllten wir nur noch in das Ohr des jeweils anderen: Er erzählte von seinem bescheuertsten Mopedunfall und ich schilderte, wie ich in der 6. Klasse mal von einer Schlange gebissen wurde. Geschichten, die wir schon ewig nicht mehr erzählt hatten.

Sex: Neue Pfade für erotische Routinen

Zwischen dem neunten und dem zwölften Bourbon waren wir seine belgischen Bandkollegen sowie meine Freunde bereits losgeworden und hangelten uns zwischen Schnapsküssen und Schnapsideen von einer möglichen Abendplanung zur nächsten. Aber mit einem schweren Cello auf dem Rücken und einem stattlichen Rausch im Gesicht landet man ja doch immer nur an einem Ort … Bevor ich ihn mit zu mir nach Hause einlud, versprach ich mindestens einen Bourbon und ein Bett – und machte eine klare, wenn auch lallende Ansage: Die Klamotten bleiben an!

Wer jetzt denkt, der Text geht in die Richtung "Mädels, spart euch den Sex für spätere Dates auf!", der kann aufatmen. In sexueller Hinsicht gilt für Mittzwanziger aller Geschlechter: Jeder darf so häufig beschwipste Dates nach Hause schleppen, wie es ihm oder ihr beliebt. Wer in Zeiten von Tinder eine andere Mission predigt, der hat irgendwas verpasst. In all der Vorhersehbarkeit dieser erotischen Routine schadet es aber auch nicht, manchmal einen neuen Pfad zu beschreiten: Wenn man merkt, dass beide Parteien schon betrunkener sind als einst  bei seinen berüchtigten Kneipentouren auf dem Ku’Damm, dann ist der Sex doch oft nur noch Performance. Ein einstudierter Höhepunkt, der sich nach all den anderen Feuerwerken einer durchzechten und durchflirteten Nacht manchmal eher nach Pflicht als nach Kür anfühlt. 

Ist es also manchmal besser, sich Nähe statt Orgasmen anzubieten? Von all den Gentlemen, denen ich im kritischen Moment, bevor man sich entscheiden muss, ob man sich das Taxi im Morgengrauen teilt oder jeder alleine nach Hause geht, das Angebot "Komm, schlaf' bei mir - aber die Klamotten bleiben an!" unterbreitete, nahmen die allermeisten an. Von einer sehr geringen Quote abgesehen blieb es auch in beiderseitigem Einverständnis bei dem Kuscheldeal. Ganz wie im alten Song von Ton Steine Scherben, der namensgebend für diesen Text war: "Ich bin nicht unter dir, ich bin nicht über dir, ich bin neben dir". 

Nebeneinanderschlafen ist schön. Nur weil man die Schönheit dieser Nähe genießen will, muss man nicht gleich miteinander schlafen. Die halbwache Zeit vor dem traumlosen Schlummer, in der man den Strom seiner Gedanken freilässt und ein bisschen vor sich hinflüstert, während man seine Wange an einen warmen Körper schmiegt, kann auch als Selbstzweck wunderbar sein – ohne darauf aufbauende erotische Beziehung.

Der belgische Musiker parkte übrigens noch sein Cello in meinem Flur, legte eine meiner Johnny-Cash-Alben auf Vinyl auf und schlüpfte in ein Gästenachthemd von mir, von dem er erst am nächsten Morgen bemerken sollte, dass es mit kleinen Katzen bedruckt war. Wir lallten noch ein paar wohlwollende Worte – und noch bevor die fünf Lieder der Schallplatte verklungen waren, schnarchten wir uns gegenseitig ins Ohr. Am nächsten Tag verbrachten er und ich noch ein paar herrlich verkaterte Stunden beim Lachsfrühstück und sahen uns danach erwartbarerweise nie wieder. 

Genauso, wie man einen One-Night-Stand, der am nächsten Morgen wieder die Stadt verlässt, niemals mehr wieder sieht, so wird auch die Gästezahnbürste von spontanen Schlafbekanntschaften meistens nur einmal benutzt. Vielleicht läuft auch alles anders, man sieht sich wieder, und aus der amourösen Anekdote wird ein ausgedehntes Abenteuer. Doch erst einmal hat dieses Nebeneinanderschlafen kein strategisches Ziel – es kann niemanden in irgendwelche Gefühle hineintricksen. Man hält sich nicht hin und hebt sich nichts auf! Stattdessen genießt man einfach nur die zwanglose Nähe. Als hätten die Übernachtungspartys der achten Klasse ein prickelndes Update erhalten. 

Wer früher schläft, hat mehr vom Tag!

Auch dass es immer Damen sind, die den gemeinsamen Schlaf dem gemeinsamen Sex vorziehen, ist zumindest in meinem Freundeskreis ein Mythos. Die Idee dazu, manchen Barbekanntschaften einen Schlafplatz ohne Samenerguss anzubieten, kam nämlich von einem Mann: Ein guter Freund erzählte mir, wie er nach 24 Stunden Schnaps und Spaß in der Wohnung eines supersüßen Mädels landete – und einfach nur froh war, dass beide während dem Vorspiel wegnickten. Auf Männern würde der Druck, nach einem endlosen Partymarathon erotisch zu performen, seiner Meinung nach noch schwerer lasten. 

Klar, ein digital verabredetes Sexdate, dass dann nach kurzem Smalltalk durch so eine Ansage platzt, kann durchaus den Beigeschmack der Enttäuschung bekommen. Doch in vielen anderen Situationen seien Menschen auch mal froh, den erotischen Teil auf später zu verschieben - ob dieses Später nun kommen mag oder nicht. Denn schön am ersten Nebeneinanderschlafen, das die Routine des One-Night-Stands durchbricht, ist dann oft das gemeinsame Aufwachen. Dabei geht es jedoch nicht darum, verzweifelt dem Alleinsein zu entkommen, sondern um die spontane Symphathiebegegnung, die sich gerade noch selbst genug ist. Ohne ein Label kann man sich noch kurz mit dem anderen Menschen in diesem wohligen Elfenbeinturm des Ungewissen einmummeln. Egal, ob es bei einem kurzen Frühstück bleibt, man sich stundenlang beim zweisamen Auskatern köstlich amüsiert, oder sich am nächsten Morgen nach einer erfrischenden Dusche doch noch die Klamotten vom Leib reißt – hier stimmt mal wieder Omas Weisheit: Wer früher schlafen geht, hat mehr vom Tag!

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