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Stealthing: Ist es Vergewaltigung, wenn der Mann beim Sex heimlich das Kondom abzieht?

Dass Verhütung wichtig ist, wissen wir doch eigentlich inzwischen alle. Und doch gibt es mit Stealthing einen neuen Trend, bei dem Männer während des Sex heimlich das Kondom abnehmen. NEON sprach mit einem Arzt über die Risiken und fragte einen Anwalt, ob man sich damit strafbar machen kann.

Kondome an einer Leine

Kondome schützen beim Sex nicht nur vor Schwangerschaft, sondern auch besonders vor sexuell übertragbaren Krankheiten. Das scheint einigen Männern völlig egal zu sein.

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Stealth – eine List oder Heimlichkeit

"Wir trafen uns ab und zu und wir waren bei ihm und machten rum und er sagte 'Ich will ohne Kondom Sex haben.' Also habe ich ihm gesagt, dass ich das auf keinen Fall will. Dass ich momentan keine anderen Verhütungsmittel nehme. Meine exakten Worte waren 'Da lasse ich nicht mit mir diskutieren. Wenn das für dich nicht in Ordnung ist, kein Problem, dann gehe ich.' Wir hatten Sex und mittendrin nahm er das Kondom ab.

Natürlich war ich sehr aufgebracht. Wir haben uns darüber gestritten. Ich habe es später noch einmal erwähnt, habe gesagt 'Ich werde mich nicht mehr mit dir treffen, das hier ist der Grund. Das geht so nicht.' Er sagte nur 'Mach dir keine Sorgen, vertrau mir.' Das hat mich besonders getroffen, denn er hatte doch gerade erst bewiesen, dass ich ihm ganz offensichtlich nicht vertrauen kann. Ich hätte dem niemals zugestimmt. Es war einfach eine sehr krasse Grenzüberschreitung. Wir hatten uns auf etwas anderes geeinigt. Ich hatte eine Grenze gesetzt. Ich hatte mich sehr klar ausgedrückt.'" – Auszug aus "Rape Adjacent: Imagining Legal Responses to Nonconsensual Condom Removal" von Alexandra Brodsky.

Stealthing beschreibt eine Situation, in der ein Mann während des Sex heimlich das Kondom entfernt. Geprägt wurde der Begriff durch eine Studie der Yale Law School im Frühjahr 2017, wonach das Vergehen "Rape Adjacent" – also der Vergewaltigung ähnlich – ist. Alexandra Brodsky, die sich für ihre Studie mit zahlreichen Stealthing-Opfern unterhielt, fordert hiermit eine neue Einordnung des Vergehens im Sexualstrafrecht. Man könne damit den Opfern "realistischere Handlungsmöglichkeiten an die Hand geben und gleichzeitig, auf die Risiken des nicht einvernehmlichen Entfernens des Kondoms aufmerksam machen", heißt es in einer Zusammenfassung ihrer Recherche.

Stealthing – Weil es sich "einfach besser anfühlt"

Die australische Radioshow "Hack" des Senders "Triple J" widmete vor Kurzem eine ganze Sendung dem Phänomen des Stealthings und sprach in diesem Zusammenhang mit einem jungen Mann, der zugab, sehr regelmäßig heimlich das Kondom zu entfernen, auch wenn dies nicht mit seinem Date abgesprochen ist. Wieso?, fragte der Moderator und die Antwort könnte nicht banaler ausfallen: "Weil es sich besser anfühlt." Er würde sich eigentlich keine Sorgen machen, dass er Krankheiten übertragen könne, so "Brendan", dessen Name vom Radiosender geändert wurde, schließlich würde er sich regelmäßig untersuchen lassen. Zwar nicht nach jedem Mal, nachdem er ohne Kondom Sex hatte, aber ein bisschen Risiko sei ja immer dabei – und schließlich würde er nie in den Frauen ejakulieren. "Über die Straße gehen ist auch riskant und trotzdem machen wir es", so seine dürftige Rechtfertigung.

So gefährlich ist Stealthing wirklich

Tatsächlich sind die Risiken größer, als Brendan glauben mag, meint Frank Sommer, Professor für Männergesundheit und Sexualmediziner am Universitätsklinikum in Hamburg: "Die größte Gefahr, die beim Sex ohne Kondom besteht, ist die Ansteckung mit HIV. Aber auch bakterielle und virale Geschlechtskrankheiten sind – auch ohne, dass der Mann tatsächlich ejakuliert – übertragbar." Bei viralen Geschlechtskrankheiten sei besonders gefährlich, dass einige Frauen die Symptome gar nicht bemerken würden. "Ohne Behandlung können sie zu Unfruchtbarkeit, Gelenkproblemen und sogar Entzündungen im Hirn führen." Und wer wird sich behandeln oder untersuchen lassen, wenn er glaubt, ordentlich verhütet zu haben? 

Was benannt werden kann, wird aktiver diskutiert.

Auch in Deutschland wird Stealthing in den letzten Jahren immer mehr diskutiert. Ob es einen tatsächlichen Anstieg der Vergehen gibt, ist hierbei gar nicht einschätzbar, so Anita Eckhardt vom Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe in Deutschland: "Ob dies ein neues Phänomen ist, kann gar nicht unbedingt gesagt werden. Häufig erlangen Dinge einen anderen Bekanntheitsgrad, sobald man ihnen einen Namen gegeben hat. Was benannt werden kann, wird aktiver diskutiert."

Tatsächlich ist die Problematik schon länger bekannt und wird in einigen Ländern aktiv strafrechtlich verfolgt. So dreht sich das laufende Verfahren gegen Wiki-Leaks-Gründer Julian Assange um Stealthing. Er soll beim Verkehr mit einer Frau das Kondom zerrissen und ohne ihr Wissen ungeschützten Sex mit ihr gehabt haben. Und auch in Australien gibt es ein laufendes Verfahren, bei dem es um das Entfernen des Kondoms geht. In der Schweiz wurde im letzten Jahr ein Mann aus genau diesem Grund zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr, ausgesetzt zur Bewährung, verurteilt. Der Vorwurf: Vergewaltigung.

Das sagt der Gesetzgeber in Deutschland zu Stealthing

Die Rechtslage bleibt allerdings kompliziert. Wir haben Dr. Jesko Baumhöfener, Strafverteidiger in Hamburg, gefragt: Inwiefern liesse sich ein Stealthing-Fall in Deutschland strafrechtlich verfolgen?

"Das ist eine sehr interessante und komplizierte Rechtsfrage, die irgendwann sicherlich den Bundesgerichtshof beschäftigen wird. Nach § 177 Abs. 1 StGB macht sich strafbar, wer gegen den erkennbaren Willen einer anderen Person sexuelle Handlungen an dieser Person vornimmt oder von ihr vornehmen lässt oder diese Person zur Vornahme oder Duldung sexueller Handlungen an oder von einem dritten bestimmt. Der Strafrahmen reicht von sechs Monaten bis zu fünf Jahren. Damit sollen sexuelle Handlungen erfasst werden, mit denen sich der Täter über den entgegenstehenden Willen des Opfers hinwegsetzt und so das Rechtsgut der sexuellen Selbstbestimmung verletzt.

Die sexuelle Selbstbestimmung, das heißt die Freiheit der Person über Zeitpunkt, Art, Form und Partner sexueller Betätigung nach eigenem Belieben zu entscheiden, könnte hier in der Form verletzt sein, dass die Frau oder, bei homosexuellen Begegnungen, der Mann, vor dem Sexualverkehr seinem Partner deutlich gemacht hat, dass er sexuellen Verkehr nur unter Verwendung eines Kondoms wünscht. Wenn die Durchführung des Geschlechtsverkehrs davon abhängig gemacht wurde, dass ein Kondom verwendet wird, könnte damit die Art beziehungsweise Form der Durchführung des Sexualverkehrs vorher klar definiert sein. Verstößt der Sexualpartner gegen diese vorherige Absprache, könnte man darin – unter Berücksichtigung des Schutzguts der Vorschrift – einen sexuellen Übergriff gemäß § 177 Abs. 1 StGB sehen, der sogar eine Mindeststrafe von zwei Jahren Freiheitsstrafe nach sich ziehen würde (§ 177 Abs. 6 StGB), weil der Beischlaf vollzogen wurde. Man könnte auf der anderen Seite aber auch argumentieren, dass der Sexualpartner mit der sexuellen Handlung, hier dem Geschlechtsverkehr, einverstanden war.

Gegen Täuschung – hier vorgebliches Verwenden eines Kondoms – ist die sexuelle Selbstbestimmung nicht allgemein geschützt. Ein Argument, welches vor allem den Wortlaut der Vorschrift berücksichtigen würde. Wenn man das Beispiel nämlich umdreht, der Sexualpartner sich also heimlich ein Kondom überstreift, obwohl ungeschützter Sexualverkehr verabredet war, würde wohl niemand über eine mögliche Vergewaltigung diskutieren. Auch hier würde aber Sexualverkehr abredewidrig praktiziert. Das Beispiel zeigt ganz gut auf, was der Diskussion immanent ist: Im Grunde geht es doch eher um das Risiko einer möglichen Infektion oder Schwangerschaft. Wenn jemand weiß, dass er beispielsweise HIV-infiziert ist oder eine Geschlechtskrankheit hat, und bewusst und ohne Einverständnis das Kondom entfernt, läge eine versuchte Körperverletzung oder, wenn es zu einer Infektion kommt, mindestens eine vollendete (gefährliche) Körperverletzung vor. Hier wäre also eine Strafbarkeit unbestritten gegeben."

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