HOME

Ungestilltes Verlangen: Mein Freund wollte nie Sex mit mir – warum ich trotzdem vier Jahre bei ihm blieb

Miriam (28) trifft Benni (34) bei einem Essen mit Freunden. Sie verlieben sich. Es fängt alles ganz langsam an. Nicht so überstürzt wie bei ihren letzten Beziehungen. Es ist diese entfernte Nähe, die ihr imponiert. Sex steht am Anfang nie im Vordergrund. Und wird es nie tun. Hier erzählt sie ihre Geschichte.

Protokoll: Stephanie Morcinek

Frau, die einem Mann über das Gesicht streichelt.

Miriam hatte stets das Gefühl, ihr Freund müsse sich zum Sex zwingen (Symbolbild). 

Das Wort Leidenschaft gab es in unserem Kontext nie. Als ich Benni zum ersten Mal traf, saßen wir gemeinsam am Tisch meiner Freundin Kathrin und aßen Süßkartoffeln, Lachs und Brokkoli-Gemüse. Zum Nachtisch gab es warmen Schokokuchen. Später den ersten Kuss. Er war zaghaft, schmeckte süßlich und fühlte sich richtig an. Wir tauschten Nummern, verabredeten uns zum Spazierengehen. Dann zum Essen. Zum Theater. Im Kino.

Die Verabredung zum Kochen blieb lange aus. Das, was normalerweise zwischen den Zeilen versteckt "Sex" heißt, fand in unserem Kosmos nicht statt. Ich hatte noch Liebeskummer von meiner letzten Beziehung, da war es mir ganz recht, dass es langsam anlief. Ich ahnte damals noch nicht, was diese körperliche Distanz tatsächlich bedeutete.

Ich genoss die Unterhaltungen, die Benni und ich führten. Sie waren so erwachsen. Er hörte mir zu, tat nicht nur so, als interessiere er sich für mich, wie viele Männer vor ihm. Ich fühlte mich bei ihm gut aufgehoben. Vertraute ihm. Und er schien irgendwann auch mir zu vertrauen. Denn nach etwa vier Monaten lud er mich endlich zu sich ein. Wir hatten bei einem Italiener um die Ecke gegessen. An der Stelle, an der normalerweise die Verabschiedung kam, ich in meine Wohnung fuhr und er in seine, fragte er, ob ich noch mit zu ihm kommen wolle. Klar wollte ich. Ich wollte ihn. Schon so lange. Und jetzt sollte es endlich geschehen. 

Sein ganzer Körper war steif und angespannt

Als die Wohnungstür ins Schloss fiel, flogen keine Klamotten, die man am nächsten Morgen erst suchen musste. Es gab keine Hände und Lippen, die überall zu sein scheinen. Keine Begierde. Keine Ungeduld. Kein Feuer zwischen uns. Wir gingen in sein Schlafzimmer, zogen uns langsam aus, ich ihm das Kondom über. Sein ganzer Körper war dabei steif und angespannt. Ich hatte das Gefühl, er mache es nur wegen mir, müsse sich selbst dazu zwingen. Die Bewegungen waren mechanisch, die Berührungen schienen ihm schwer zu fallen. Ich wollte mich fallen lassen, konnte es aber nicht. Ich spürte: Er hatte daran keinen Spaß. Er wollte es für mich tun, was ich sehr süß fand. Aber Sex als Gefallen kann nicht gut sein. Und nicht richtig.

 Doch ich hoffte, dass es sich bessern würde, schließlich verstanden wir uns in allen anderen Bereichen so gut wie ich mich noch niemals zuvor mit einem Mann verstanden hatte. 

Doch es wurde nicht besser. Nähe gab es. Kuscheln, Streicheln. Aber kein wildes Rumgeknutsche, keinen Übereinanderherfall-ich-bin-so-geil-und-kann-nicht-mehr-Sex. Wir zogen nach einem Jahr trotzdem zusammen. Mir fehlte zwar die Leidenschaft, doch Benni kompensierte Dinge, mit denen ich seit Jahren zu kämpfen hatte. Er sperrte diese Eigenschaften, meine schlechten Eigenschaften, in einen Tresor und schmiss den Schlüssel weg. Glich sie damit aus und eliminierte das schlechte Gefühl, das ich in diesen Themenfeldern hatte.

Ich tauschte Sex gegen meine eigenen Schwächen ein

Sexuell konnte er mir kein Selbstbewusstsein geben, er gab es mir intellektuell. Benni konnte mir häufig helfen, wenn ich nicht mehr weiter wusste. Er erklärte mir schwierige Sachverhalte so, dass auch ich sie verstand. Das klingt sehr hochgegriffen, doch ich fühlte mich nicht mehr so dumm, wenn er bei mir war. Dazu kam, dass ich nicht mit Geld umgehen konnte, nicht gut verdiente. Er war selbstständig und sehr erfolgreich und unterstützte mich finanziell. Ich tauschte Sex gegen meine eigenen Schwächen ein. 

Ein zu hoher Preis? Auf jeden Fall einen, den ich bereitwillig zahlte. Doch ich konnte gleichzeitig die sexuelle Blockade, die es zwischen uns gab, nicht einfach so hinnehmen. Als ich ihn darauf ansprach, öffnete er sich mir, erzählte, dass er als Kind zwar nicht sexuell, aber psychisch missbraucht worden war. Er kann sehr schlecht Vertrauen aufbauen, besonders gegenüber Frauen. Viele Beziehungen hatte er mit seinen 34 Jahren noch nicht geführt. Jede davon scheiterte am Thema Sex. Mit mir hatte er aber eine andere Ebene gefunden. Er gestand mir, dass er mich nicht verlieren wolle, willigte ein, eine Paartherapie zu besuchen.

Die half aber nur bedingt. Wir bekamen Hausaufgaben, sollten uns nackt nebeneinander legen, uns streicheln, unsere Körper kennen lernen. Wir hatten auch immer mal wieder Sex, alle paar Wochen, jedes Mal enttäuschend. Die Therapeutin schlug uns irgendwann vor, dass ich Sex mit einem anderen Mann haben sollte, um die sexuellen Frustration zu umgehen, doch das ließ Benni nicht zu. Die Sache war damit vom Tisch, der Therapie-Versuch gescheitert.

Benni und ich wollten eine Familie gründen

Wir schwiegen uns an. Einzig im Urlaub schien Benni entspannter zu sein, schlief berauscht von Palmen, dem Meer und den vielen Cocktails mit mir. Doch kaum waren wir wieder zuhause, fielen wir in unser altes, sexloses Muster zurück. 

Unsere Beziehung dümpelte so vor sich hin. Gleichzeitig wurde mein Wunsch nach einem Kind immer größer. Benni und ich wollten eine Familie gründen – die zwischenmenschliche Basis war da, mein Verlangen nach wirklich gutem Sex blendete ich aus. Wir hatten Sex nach Eisprung – immer ging er von mir aus. Benni nahm sogar extra ein Gel mit Testosteron, um seine Lust zu steigern. Dass dies verhütend wirkte, verriet uns der Frauenarzt erst nach eineinhalb Jahren vergeblichen Versuchens.

Zu diesem Zeitpunkt fing ich an, alles zu hinterfragen. Wollte ich wirklich so für den Rest meines Lebens weiter existieren? Wollte ich all das haben, nur um mich meinen eigenen Schwächen nicht stellen zu müssen? Was würde eine Trennung bedeuten?

Er konnte mir nie das Gefühl geben, sexy und begehrenswert zu sein

Ich hätte den Luxus nicht mehr und müsste in eine WG ziehen. Ich müsste selbst Dinge nachlesen, wenn ich sie nicht wusste. Ich müsste lernen zu sparen und mein Geld nicht für dämliche Sachen wie Klamotten oder Make-up auf den Kopf zu hauen.

Mich quälte die Entscheidung. Einen Monat. Zwei Monate. Drei Monate. Dann lernte ich beim Feiern einen anderen Mann kennen. Er war nicht der Grund, aber der Antrieb, den ich gebraucht habe, um mich von Benni zu lösen. Ich merkte, dass ich eine Leidenschaft bei diesem Mann wahrnahm, die Benni niemals haben wird. 

Ich fühlte mich sehr mies. Konnte ich wirklich wegen Sex mit Benni brechen? Wegen eines körperlichen Verlangens? Ja, konnte ich. Und ich musste. Also trennte ich mich.

Wir weinten beide, hielten uns dabei in den Armen. Benni wusste, dass es für mich und ihn die beste Entscheidung war. Er sagte mir, dass er verstehen könne, warum ich Schluss machte. Er konnte mir nie das Gefühl geben, sexy und begehrenswert zu sein. Er konnte mir nur sagen, dass ich süß oder hübsch aussah.

Er macht jetzt eine Therapie und arbeitet all das auf, das so tief in ihm sitzt wie mein Verlangen nach Sex. Ich habe mit dem Mann, den ich kennenlernte, mittlerweile geschlafen. Drei Mal in der ersten Nacht. Und dabei gemerkt: Ich habe Sex sehr vermisst. So wie ich Benni und seine Art vermisse. Doch wir wissen beide, dass diese Trennung das einzig Richtige für uns war.  


Themen in diesem Artikel