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Viraler Hit "Cat Person": Warum sich Millionen Frauen von dieser verstörenden Sex-Geschichte angesprochen fühlen

Ein One-Night-Stand, geschildert aus der Sicht eines jungen Mädchens: Die amerikanische Kurzgeschichte "Cat Person" sorgte für heftige Reaktionen im Netz. Eine Sexual-Therapeutin erklärt, warum die Erzählung so viele Frauen anspricht.

Cat Person

Die virale Kurzgeschichte "Cat Person" hat der Autorin Kristen Roupenian einen Millionen-Buchvertrag eingebracht

Der erste Kuss ist so unfassbar schlecht, dass Margot es kaum glauben kann. Trotzdem will sie Robert weiter gefallen, trotzdem landet sie mit ihm im Bett. Und dort wird es nur schlimmer. Die Kurzgeschichte "Cat Person" erschien im Dezember im US-Magazin "New Yorker" und wurde in kürzester Zeit zum viralen Hit. Vor allem zahlreiche Frauen reagierten in den sozialen Netzwerken auf die mit Fremdscham-Momenten gespickte Erzählung. So erschreckend ehrlich, so schmerzhaft vertraut wurde selten eine Affäre beschrieben.

Falls ihr sie noch nicht gelesen habt: Hier geht's zur Story der Autorin Kristen Roupenian. 

Aber was macht vor allem die unangenehme Sex-Szene darin so faszinierend? Wir haben mit der Sexologin (bekannt aus der ZDF-Doku "Make Love") darüber gesprochen.

Frau Henning, warum konnten sich Ihrer Meinung nach so viele Frauen mit Margots und Roberts schlechtem Sex identifizieren?

Das Offensichtlichste ist: Margot achtet andauernd mehr auf ihr Gegenüber, als auf sich selbst. Darauf reagieren so viele, weil fast jede Frau das kennt. Es ist allgemein so, dass Frauen anerzogen wird, sich um die Gefühle anderer zu sorgen. Das Interessante hier ist, dass das auch auf sexueller Ebene gilt. Es ist schon so weit gekommen, dass wir Sex haben mit einem Mann, den wir ekelig finden oder gar nicht wollen. 

Kennen Sie das Phänomen aus Ihrer Praxis?

Ann-Marlene Henning

Ann-Marlene Henning arbeitet als Sexualtherapeutin und Autorin in Hamburg. Ihr aktuelles Buch ist der Sexratgeber "Liebespraxis - Eine Sexologin erzählt", erschienen im Rowohlt-Verlag.

Ja, vor allem von Single-Frauen. Die wollen jemanden, obwohl sie die Person überhaupt nicht mögen. Aber sie haben gelernt, dass sie gemocht werden sollen und dieses Bedürfnis wollen sie erfüllen. Dieses Gespräch führe ich super oft. Das Perfide an "Cat Person" ist, dass sie sich, obwohl sie ihn eigentlich gar nicht mag, trotzdem schnell verliebt. Ohne, dass er irgendetwas dafür tut, im Gegenteil. Das sind nur zwei, drei SMS und schon will sie, dass er sie mag. Sie kann nichts dafür, denn sie hat gelernt: Ein Mann, der dich nicht will, den musst du dazu bringen, dich zu mögen. Und Kommunikation gibt es zwischen ihnen fast nicht.

Im Text wird beschrieben, wie Margot sich sogar vor Robert ekelt, aber trotzdem bleibt, um nicht zickig zu wirken. Wie würden Sie dieses Gefühl beschreiben?

Das ist Schuld. Sie fühlt sich schuldig, weil sie nicht mehr das tun möchte, was ihr beigebracht wurde, nämlich dafür zu sorgen, dass es ihm gut geht. Sie spürt in der Sekunde deutlich, dass sie ihn nicht will und merkt, wie weit es gekommen ist. Das ist furchtbar. Sie weiß genau, sie müsste es stoppen, aber sie kann es nicht, weil sie diese Schuld, ihn zu enttäuschen, nicht aushält.

Margot ist 20 Jahre alt. Ist das ein Dilemma, das nur junge Frauen haben?

Nein, das ist in allen Altersgruppen so. Wir Frauen lernen in sexueller Hinsicht früh, unser Geschlecht und unseren Genuss zu ignorieren, und uns nur auf diesen berühmten, tollen, wichtigen Penis zu konzentrieren. Deshalb leben viele Frauen männliche Sexualität aus - und nicht ihre eigene. Hinzu kommt, dass nicht nur die , sondern auch die Frauen selbst sich objektivieren. Da sind vor allem junge Frauen betroffen, viele betreiben das geradezu als Kunstform mit Instagram und den Thigh-Gap-Fotos oder was es da alles gibt. Es gilt nur zu messen: Passe ich ins Schönheitsraster oder nicht?

Woher kommt das Ihrer Meinung nach?

Ich schreibe gerade meine Master-Arbeit in Sexologie und sie wird sich um das weibliche Genital drehen. Es gibt Untersuchungen, die besagen, dass es besonders bei Frauen einen großen Einfluss auf die gelebte Sexualität hat, wenn man sich mit dem eigenen Genital nicht wohl fühlt. Der Unterschied zwischen Frauen und Männern ist: Männer dürfen ihren Penis gut finden und mögen. Frauen hingegen lernen früh, dass sie zwar den Penis bewundern dürfen, sich selbst aber nicht. Diese Sache will ich an verschiedenen Altersgruppen untersuchen.

Am Schluss gibt Margot Robert eine Abfuhr und er beschimpft sie daraufhin als Schlampe. Waren Sie davon überrascht?

Nein, das habe ich öfter erlebt oder erzählt bekommen: Männer sind erst freundlich, aber wenn eine Frau zeigt, dass sie nicht will, kommt die Wut. Robert ist genauso unreif wie Margot - nur dummerweise älter. Das ist das Furchtbare an der Geschichte: Sie ist die selbstüberzeugte junge Person, die sich altersentsprechend verhält und er ist in der Entwicklung zu spät dran. Eine typische 'Ich-hab-es-nie-hingekriegt-Situation' - weder mit Frauen, noch mit dem Job oder der Wohnung. Sie ist hingegen einfach ein junges Mädchen, das seinen Körper noch nicht gut kennt, aber mit ganz normalen Gedanken. Er ist ein Mann, der Hilfe braucht.