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Kolumne

Die NEON-Singles – Gemeinsam einsam: Beziehungsunfähig? Die meisten haben doch einfach nur Angst

In der Kolumne "Gemeinsam einsam" schreiben NEON-Singles über Tücken, die das ledige Leben mit sich bringt. Heute versteht unser Autor nicht, warum sich neuerdings so viele als beziehungsunfähig betrachten.

Frau wendet sich von Mann ab

Man kann es "beziehungsunfähig" nennen – vielleicht will man sich aber auch einfach nicht festlegen

Getty Images

Mit Körben kenne ich mich aus . Aber man erlebt doch immer etwas Neues. Eine neue Form der Absage bescherte mir kürzlich eine junge Frau, die ich kennengelernt hatte. Wir verstanden uns gut, waren (zumindest nach meinem Gefühl) auf einer Wellenlänge und ich begann, darüber nachzudenken, wohin uns das wohl führen könnte – denn warum sollte man nicht darüber nachdenken?

Irgendwann kam das Thema dann zur Sprache: Könnte aus dem täglichen Schreiben und den regelmäßigen Treffen nicht vielleicht auch mehr werden? Nachdem ich auf ziemlich tollpatschige Art und Weise meine Gedanken halbwegs nachvollziehbar ausgesprochen hatte, sagte sie mir, und ihre Augen schauten mich dabei mitleidig-entschuldigend an: "Leider bin ich beziehungsunfähig."

"Beziehungsunfähig" heißt: "Ich kann gar nichts dafür"

Beziehungsunfähig, ah ja. Davon hatte ich schon mal gehört, aber immer nur aus der Entfernung. Seit einigen Jahren begegnet man dem Wort immer wieder. Spätestens seit Michael Nasts Bestseller "Generation Beziehungsunfähig" (2016) ist der Begriff in aller Munde. Nast stellt einer ganzen Generation (und sich selbst) darin eine wenig schmeichelhafte Diagnose, sein Werk hat es aber wahrscheinlich genau deshalb zu einer Art Kultbuch gebracht. Und scheinbar hat es, zusammen mit anderen Analysen und eigenen Erfahrungen, unser Denken über uns selbst stark beeinflusst.

Neuerdings kleben sich nämlich viele Singles das Etikett "beziehungsunfähig" an. Das klingt tiefgründig, auch wenn man vielleicht gar nicht so genau weiß, was man damit meint. Aber es ist jetzt eben angesagt. Eines dieser Label, über die in Büchern, Magazinen, Blogs und Instagram-Posts ständig geschrieben wird, muss man ja schließlich tragen – wenn man schon nicht hochsensibel ist. In der Selbstdiagnose klingt ein tiefes Leiden mit, die Andeutung traumatischer Erlebnisse, aus denen man vielleicht mal einen düsteren Film machen wird, und die Entschuldigung: "Ich kann gar nichts dafür." 

Schon gewusst? Leicht hat es niemand

Jeder von uns schleppt irgendetwas mit, das er nicht einfach abwerfen kann. Der Rucksack ist voll mit prägenden Erfahrungen aus der Kindheit, mit Enttäuschungen, die einem von Freunden, Partnern oder sich selbst zugefügt wurden. Damit hat man selbst kräftig zu kämpfen, aber auch für das Gegenüber ist die Situation schwierig: Ab einem gewissen Alter sind heile Herzen nur noch sehr schwer zu bekommen. Das gilt auch für die Person aus der Eingangsszene – sie hatte es nicht leicht, aber wer hat es schon leicht?

Natürlich gibt es Zeiten, in denen sich Personen erst einmal um sich selbst kümmern sollten, zum Beispiel kurz nach einem Beziehungsende. Es gibt auch Störungen, die eine psychologische Betreuung erfordern, bevor es möglich ist, sich auf einen Menschen und eine Beziehung einzulassen. Diese Dinge sollte man nicht kleinreden.

Die meisten laufen lieber weg 

Aber mal ehrlich: Die meisten von uns sind doch ganz normal. Etwas angeschlagen vom Leben vielleicht, aber wie gesagt: Damit ist niemand allein. Und die meisten von denen, die "beziehungsunfähig" sagen, meinen damit kein therapiebedürftiges Problem. Sie trauen sich einfach nicht zu sagen, dass sie Angst haben. Und dass sie deshalb lieber weglaufen. Oder sich verstecken. Michael Nast hat es ganz richtig geschrieben: "Wir befinden uns in einem anhaltenden Zustand der Selbstoptimierung. Wir wissen, dass alles noch viel besser werden kann. Bis es perfekt ist. Das Problem mit dem Perfekten ist allerdings, das man diesen Zustand nie erreicht."

Die meisten scheuen sich nicht vor einer Beziehung, weil sie nicht dazu fähig sind, sondern weil es so bequemer ist. Man muss sich mit niemandem auseinandersetzen, nicht einmal mit sich selbst. Man muss sich nicht festlegen. Man kann nicht enttäuscht werden. Ob man aber wirklich nicht in der Lage ist, eine Beziehung einzugehen – das findet man wohl nur heraus, indem man es ausprobiert, indem man sich Stück für Stück darauf einlässt und sich für die Möglichkeit öffnet, schlechte Erfahrungen mit guten zu überschreiben.

Das wäre nur alles ziemlich anstrengend. "Beziehungsunfähig" ist da natürlich viel einfacher.

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