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Kolumne

Die NEON-Singles – Gemeinsam einsam: Was mich an Männern abschreckt – und wieso ich auch nicht besser bin

In der Kolumne "Gemeinsam einsam" schreiben NEON-Singles über Tücken, die das ledige Leben mit sich bringt. Heute fragt sich unsere Autorin, ob wirklich nur die Typen auf dem Datingmarkt verrückt sind, oder ob sie da vielleicht auch ihren Anteil dran hat.

NEON Singles: Sind wir die eigentlichen Creeps?

Sind wir die eigentlichen Creeps?

Getty Images

Die Dating-Welt ist voller Creeps, am I right? Tinder, Bumble und wie sie alle heißen zu navigieren, ohne zwischendurch über ein paar Typen zu stolpern, die nicht mehr alle Tassen im Schrank haben, scheint beinahe unmöglich. Und selbst wenn man jemanden über Freunde auf einer Hausparty kennenlernt oder sich in einer Bar bereits den ganzen Abend unterhalten hat, garantiert nichts, dass er nicht trotzdem die ganze Wohnung voller Porzellanpuppen hat. Oder, noch schlimmer, eine Lava-Lampe.

Allein in meinem Freundeskreis finden sich Geschichten von Typen, die sich beim Date so die Kante gegeben haben, dass sie sich nicht mal mehr erinnern konnten, wo sie gerade eben ihre Jacke hingelegt hatten, Typen, die seit sechs Monaten in einer WG wohnten und nicht einmal den Namen ihrer Mitbewohner kannten und Typen, die ihre Wohnung per Fototapete in einen Wald verwandelt hatten. Da rollt einem das "Die sind doch ohnehin alle verrückt" irgendwann recht locker von der Zunge.

Stille. Entsetzte Blicke. Unverständnis.

Aber kürzlich erwartete mich eine rüde Überraschung. Beim Mittagessen mit Freundinnen schwenkte das Gespräch irgendwann in Richtung Dating. "Meine Freundin ist mal mit einem Typen nach Hause gegangen, der ihr noch bevor irgendwas passiert war, eine Zahnbürste gegeben und später ihre Klamotten ordentlich gefaltet hat." 

"Naja", sagte ich vorsichtig, "das mit der Zahnbürste vorher ist komisch, aber Klamotten falte ich auch." Stille. Entsetzte Blicke. Unverständnis.

Es stellte sich heraus, dass die Kleidung eines männlichen Besuchers, sollte sie aus Gründen in der Wohnung verteilt sein, zu irgendeinem Zeitpunkt später am Abend kurz zusammenzulegen und auf einem Stapel im Schlafzimmer zu positionieren, nicht so normal ist, wie ich das vielleicht geglaubt hatte. Im Gegenteil. Das sei "creepy", sagte man mir, "der denkt doch dann bestimmt, du hättest seine Sachen durchsucht." Dabei müsste man selten dämlich sein, um jemandes Sachen zu durchsuchen und sie dann quasi auch noch auf einem Silbertablett zu transportieren – "SIEH HER, ICH HABE DEINE SACHEN ANGEFASST!" Konsens: Würde der sich nie wieder über meine Türschwelle trauen, wäre niemand verwundert.

So schnell wird man Gesprächsthema

Tatsächlich bin ich einfach Gewohnheitstier, ich räume meine Klamotten abends immer weg. Was in die Wäsche muss, kommt in den Wäschekorb und alles andere zurück in den Schrank. Und wäre es nicht viel absurder, wenn ich meinen Kram zwischen seinem wegpulen und seinen dann aber liegen lassen würde? Sodass ich mich morgens entspannt anziehen kann, während er wenig würdevoll nackt durch die Wohnung rennen und seine Klamotten suchen muss? 

Schlussendlich spielt all das aber absolut keine Rolle. Der Typ mit der Waldtapete hatte vermutlich auch eine – für ihn – wahnsinnig plausible Erklärung. Ändert nichts daran, dass eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass ich beim nächsten Bier mit Kumpels Gesprächsthema sein werde: "Digga, ich war letztens bei einer, die hat meine Klamotten abends zusammengefaltet." "Ey, die sind doch ohnehin alle verrückt." So schnell geht das.

Eine kurze Umfrage ergibt: Eine Freundin bricht bei Dates, wenn sie sich wohl fühlt, völlig unvermittelt in Gesang aus, eine wird nervös, wenn man sich in Straßenklamotten auf ihr Bett setzt und noch eine kann beinahe nicht anders, als nach einer gemeinsam verbrachten Nacht "Gerne wieder" zu schreiben, als würde sie den jungen Mann bitten, ihr Restaurant bald wieder zu beehren. Alles Dinge, die einen Typen vielleicht nicht direkt auf Abschussliste setzen, aber zumindest mal zum heiß diskutierten Gesprächsthema machen würden.

Für jeden Creep gibt es ein creepy Gegenstück

Sind wir also die eigentlichen Creeps? Sind nicht die anderen das Problem, sondern wir? Während ich mich also schon mit sieben Katzen und einem sehr aufgeräumten Schrank einsam und alleine sterben sah, sagte meine Freundin etwas, was erst absurd und dann wahnsinnig logisch klang: "Für jeden Creep gibt es ein creepy Gegenstück. Alles eine Frage der Perspektive." In die Wohnung des Porzellanpuppenmannes wird eines Tages eine Frau kommen, deren Sammlung noch größer ist als seine. Der Waldtapeten-Mann wird eine passionierte Jägerin treffen und meine Freundin wird auf einem Date sein, auf dem ihr Gegenüber einfach mitsingt. Und ich werde meine Klamotten irgendwann mal auf einem kleinen Stapel wiederfinden.

Und vielleicht ist es auch einfach so: Jemanden, der sich von ein bisschen gefalteter Kleidung einschüchtern lässt, kann ich ohnehin nicht gebrauchen.

Daddy und Little
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