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NEON-Reihe #sexbewusst Sex aus Sicht eines Hirnforschers: "Orgasmus ist wie Niesen"

Barry Komisaruk ist Neurowissenschaftler an der Rutgers Universität in New Jersey und gehört zu den Pionieren der Gehirn- und Orgasmusforschung. In einer Studie hat er herausgefunden, dass die Stimulation der Klitoris, Vagina und Muttermund unterschiedliche Bereiche im Gehirn aktiviert. 


NEON: Welche anderen Zusammenhänge zeigte die Untersuchung?
Barry Komisaruk: Die Teilnehmerinnen haben sich bei der Untersuchung auch an den Brustwarzen berührt. Wir hatten vermutet, dass dann wie bei Männern nur der Brustbereich im Gehirn aktiviert wird. Das wird er auch. Zu meiner Überraschung aktivierte es aber auch die genitalen Bereiche des sensorischen Cortex. Es überschnitt sich mit den Bereichen, die bei klitoraler, vaginaler und bei der Berührung des Muttermunds aktiviert wurden. Das könnte ein Grund dafür sein, dass Frauen durch die Stimulation der Brustwarzen erregt werden, denn es aktiviert die gleichen Neuronen.


Wie definieren Sie als Neuropsychologe, was ein Orgasmus ist?
Genitale Orgasmen sind meiner Meinung nach eine besondere Form von etwas, zu dem unser  Nervensystem angelegt ist. Es gibt viele Prozesse dort, die Orgasmen ähneln. Wenn man sich Orgasmen als einen Prozess vorstellt, dann sieht das so aus: Erregung baut sich bis zu einem Gipfel auf, es passiert etwas und danach entspannen wir uns. Niesen ein ähnlicher Prozess. Auch beim Niesen wird Spannung aufgebaut, gefolgt von einer plötzlichen Aktivität und Entspannung. Und auch das fühlt sich angenehm an. Niesen ist ein angenehmer Prozess. Oder auch Gähnen. Oder wenn man sich dehnt. Das folgt alles der gleichen Form: Spannung baut sich zu einem Klimax auf. Auch wenn es nicht den gleichen Genuss wie ein Orgasmus auslöst, glaube ich, dass unser Nervensystem das auf eine ähnliche Weise ausführt.


Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen beim Orgasmus im Gehirn?
Im Gehirn von Frauen und Männern gibt es beim Orgasmus mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Bei beiden sind ähnliche Gehirnbereiche beim Orgasmus aktiv. Einen großen Unterschied gibt es: Männer gehen dann in eine Erholungsphase. Dann sind keine Aktivitäten im Gehirn messbar - auch wenn sie die Genitalien weiter stimulieren. Das Gehirn reagiert kaum auf weitere Stimulation. Bei Frauen ist das anders. Bei ihnen reagiert das Gehirn weiter. 


Woran liegt es, dass manche Forscher vaginale Lust bezweifeln?
Ich glaube, das hat alles mit dem Kinsey-Report 'Das sexuelle Verhalten der Frau' 1953 angefanxgen. Die Forscher haben damals behauptet, die Vagina und der Muttermund seien empfindungslos. Mit anderen Worten: Frauen hätten berichtet, dass sie in diesen Bereichen nichts empfinden. Die Forscher haben damals bei der Untersuchung die Klitoris, Vagina und den Muttermund auf zwei Arten stimuliert. Sie stimulierten sie erst sanft mit Baumwolle und danach stärker mit Druck. Insgesamt überprüften sie die Reaktion von mehr als 800 Frauen. Die Baumwolle merkte kaum eine Frau im Innern. Als sie aber Druck auf die Bereiche anwendeten, spürten das mehr als 80 Prozent der Frauen. Wie die Forscher dann am Ende daraus schlossen, dass die Vagina und der Muttermund empfindungslos seien, kann ich mir nicht erklären. Aber es war das, was dann in die medizinische Fachliteratur aufgenommen und von den Medien verbreitet wurde. Viele Ärzte glauben noch heute, dass die Vagina und der Muttermund empfindungslos sind.


Welche Folge hat das bei medizinischen Eingriffen?
Es gibt einen Eingriff, der sich "LEEP-Konisation" nennt. Dabei wird Frauen, die Gebärmutterhalskrebs haben, mit einem elektro-chirurgischen Verfahren der Kern des Muttermunds ausgeschabt. Frauen berichten, dass sich nach der Behandlung ihr sexuelles Verhalten verändert. Ein Kollege und ich sammeln gerade noch Daten, aber es scheint ein verbreitetes Phänomen zu sein. Wir wissen gerade offensichtlich noch nicht genau, was diese Behandlung mit den Nerven dort macht. Das ist ein Bereich, den wir untersuchen wollen. Aber da drei verschiedene Nerven Empfindungen vom Muttermund zum Gehirn transportieren, ist es sehr wahrscheinlich, dass Schäden angerichtet werden, wenn das gesamte Gewebe entfernt wird. Und wir vermuten, dass das einen grundlegenden Einfluss auf die sexuelle Empfindsamkeit von Frauen und auch ihre Libido haben kann. Solche Informationen werden in der medizinischen Welt nicht gerade geschätzt. Viele der Frauen, die den Eingriff hatten, erzählen, dass sie von ihren Ärzten über mögliche Folgen nicht informiert wurden. Wir untersuchen gerade diese Frauen und sammeln die Informationen dazu. Dann müssen wir Mediziner darüber aufklären. Denn über solche Folgen müssen sie Bescheid wissen.


Warum fühlt sich der Muttermund und Innenbereich der Vagina für Frauen so unterschiedlich an?
Babys verwenden sehr viel Zeit damit, das Visuelle und das Körperliche zu koordinieren und zu verbinden. Es hört sich poetisch an, aber  vielleicht haben Wendungen wie 'eines leichten oder schweren Herzens sein' oder 'ein Herz aus Stein' oder ' ein gebrochenes Herz' haben, eine physiologische Basis.Vielleicht beeinflussen die Eindrücke aus unserem Herzen wirklich unser Gemüt, und wir haben einfach nicht die Fähigkeit, die Verbindung herzustellen. Das funktioniert nicht so einfach wie bei einer Hand. Es ist nicht so einfach, ein Gefühl mit dem Bereich, aus dem es kommt, zu verbinden. Das gilt für unsere inneren Organe und wahrscheinlich auch für den Muttermund. Ich denke, dass das ein Grund dafür sein kann, warum Frauen erst mit der Erfahrung lernen, wie sich ihr Muttermund anfühlt.
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Was passiert eigentlich im Gehirn, wenn wir einen Orgasmus haben? Und sind die Abläufe bei Männern und Frauen unterschiedlich? Der renommierte Neurowissenschaftler und Orgasmusforscher Barry Komisaruk im NEON-Videointerview.

"Vielleicht beeinflussen die Eindrücke aus unserem Herzen wirklich unser Gemüt", sagt Neurowissenschaftler Barry Komisaruk im Videointerview oben. Darin erfahrt ihr auch, warum die Vagina für Forscher lange als empfindungslos galt. Und warum sich Gefühle in der Vagina im Laufe des Lebens verändern können. 

Bewusstsein für die eigenen Gedanken und Gefühle zu entwickeln, hat viele Vorteile. Es hilft uns, Stress abzubauen, kurbelt die Kreativität an – und kann sogar das Gehirn verändern. 

Das Stichwort lautet Achtsamkeit. Kurz gesagt bedeutet das: mitkriegen, was gerade in dir passiert. 

Auch auf Sex hat das einen positiven Effekt: Über mehrere Jahrzehnte wurde die Wirkung von Achtsamkeit auf die sexuelle Lust bei Frauen untersucht. Die meisten Frauen hatten besseren Sex, nachdem sie ein Achtsamkeits-Training mitgemacht hatten.

Das klingt leicht, beim praktischen Versuch ist es aber meist gar nicht so einfach. In der folgenden Folge unseres #sexbewusst-Podcasts hilft euch Sexualberaterin Susanna-Sitari Rescio mit einer angeleiteten Meditation, den eigenen Körper noch besser wahrzunehmen.

Viel Spaß bei der neuen #sexbewusst-Podcast-Folge "Lerne, dein Inneres wahrzunehmen - Spüren, fühlen, denken":


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