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Ex-GNTM-Kandidatin: So fühlt sich Bulimie an: "Wenn ich nicht abnehme, werde ich kein Model"

Zehn Jahre lang litt Kera Rachel Cook an einer Essstörung. Die ehemalige "Germany's Next Topmodel"-Kandidatin war gefangen zwischen Diäten und Fressanfällen. Auf NEON.de erzählt sie, wie sich das anfühlte.

Kera Rachel Cook

Kera Rachel Cook bei "Germany's Next Topmodel" 2010. Damals litt sie bereits an Bulimie.

"Mit 15 habe ich einen Vertrag von einer Modelagentur angeboten bekommen - aber unter einer Bedingung: Ich sollte abnehmen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mir nicht viel Gedanken um meine Figur gemacht, sondern gegessen, worauf ich Lust hatte. Ich war sehr schlank, aber eben nicht dünn genug für die Agentur. Damals hab ich gedacht, dass ich nur ein bisschen abnehmen muss und dann finden mich alle toll, dann wird alles gut. Anfangs war das ein Standard-Diätplan: Wasser statt Limo, Obst statt Schokolade, dazu drei Mal die Woche . Mein Körper hat sich relativ schnell verändert.

Mir war das aber nicht genug, ich wollte noch schöner sein, weil ich viele Komplimente für meine neue Figur bekommen habe.

Also hab ich die Diät eigenständig verschärft. Ich hatte eine richtige Liste mit verbotenen Lebensmitteln. Natürlich hab ich dann nur noch an Schokolade gedacht.

Irgendwann hatte ich so Bock drauf, dass ich mir drei Tafeln Schokolade gekauft und die innerhalb von einer halben Stunde gegessen habe. Dann ist mir erst mal schlecht geworden. Und ich hatte auch ein schlechtes Gewissen, denn ich wusste: Wenn ich nicht abnehme, werde ich kein Model. Deshalb bin ich am nächsten Tag statt für anderthalb Stunden für drei Stunden ins Fitnessstudio gerannt und hab nur Salat gegessen. Das war noch keine Essstörung, aber das erste Anzeichen dafür. Insgesamt war ich zirka über zehn Jahre lang krank, aber ich kann es schwer sagen.

War ich schon krank, als ich die drei Tafeln Schokolade in mich reingestopft habe oder war ich erst krank, als daraus drei Packungen Eis wurden? 

Kera Rachel Cook

Auch als Plus-Size-Model hatte Kera Rachel Cook noch mit einer Esstörung zu kämpfen

Ich hatte eine Bulimie ohne Erbrechen. Ich wusste gar nicht, dass es das gibt. Ich dachte Bulimie ist nur, wenn man sich nach Fressanfällen übergibt. Aber wenn man andere Gegenmaßnahmen ergreift, ist man auch bulimisch. Ich hab Abführmittel und Appetitzügler genommen, war fünf Stunden am Stück im Fitnessstudio ohne den ganzen Tag etwas zu essen  - alles nur, um die Kalorien wieder loszuwerden.

Es war eine furchtbare Qual. In meinen schlimmsten Phasen hatte ich wochenlang fast täglich Fressanfälle. Ich hab alleine innerhalb von zwei oder drei Stunden eine große Pizza, Käsetortellini, sechs Chicken Wings, sechs Pizzabrötchen, einen halben Liter Eis, einen Riesen-Muffin und anderthalb Liter Cola in mich reingestopft. Ich bin über sämtliche Grenzen hinaus gegangen, die man vielleicht von Feiertagen kennt, wenn man viel isst und dann doch noch einen Nachtisch verdrückt. An den Punkt kommt man auch und ein gesunder Mensch hört da auf zu essen. Ich hab immer weiter gegessen. Zum Glück konnte ich mich einfach nicht übergeben, auch wenn ich es in schwachen Momenten versucht habe. Das hat mich wahrscheinlich vor Schlimmerem bewahrt. Ich war auch so körperlich total am Ende.

Mir war ständig schlecht, ich hatte Magenschmerzen und Durchfall. Hunger und Sättigungsgefühl kannte ich gar nicht. Meine Periode ist irgendwann komplett ausgeblieben.

Kera Rachel Cook

Heute ist Kera wieder gesund - und will andere aufklären. Auf ihrem Blog www.chooseloveblog.de schreibt die 29-Jährige über Essstörungen.

Psychisch war ich fertig, ich hatte Suizidgedanken. Ohne die Therapie hätte ich es auf gar keinen Fall geschafft. Zwei Mal war ich zusätzlich zur ambulanten Therapie stationär in einer Klinik. Das Schwierige ist: Bei Alkohol oder Drogen-Sucht lernt man, die Substanz zu meiden. Aber bei einer Essstörung musst du weiteressen. Ich hab mir so oft gewünscht, dass ich nie wieder etwas essen muss, weil es so eine Qual war.

Geholfen hat mir die Therapie und dass ich mit dem Modeln aufgehört habe. Vor meiner Teilnahme bei "Germany's Next Topmodel" 2010 habe innerhalb von neun Monaten 20 Kilo abgenommen. Später habe ich als Plus-Size-Model gearbeitet, dadurch wurde die besser, aber das Binge-Eating blieb. Erst, als ich mit dem Model-Business abgeschlossen hatte, begann meine Heilung. Das war einfach alles so stark auf den Körper ausgerichtet. Auch mein Glaube hat mir geholfen: Es war so befreiend, zu hören, dass ich so wie ich bin, genug bin und nichts leisten muss."

Protokoll von Sarah Stendel