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Twitter-Trend: Warum Männer nicht über Frauen schreiben können (ohne ihre Brüste zu erwähnen)

Wenn Männer über Frauen schreiben, herrscht Fremdscham-Alarm. Das legt zumindest ein aktueller Twitter-Trend nahe, der sich über entsprechend hilflose Versuche lustig macht. Unser (männlicher) Autor versucht sich an einer Erklärung des Phänomens.

Warum Männer nicht über Frauen schreiben können

"Sie hatte Brüste. Es waren schöne Brüste, sehr brust-förmig, so wie Brüste nunmal sind. Wenn sie zuckte, bewegten sich ihre Brüste, wie Brüste es zu tun pflegen. Schöne Haare, schöne Augen. Aber zurück zu den Brüsten ..."

Wenn Männer über Frauen schreiben, kann es schon mal schwierig werden. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe zwei Bücher vollgeschrieben, in denen viele Frauen vorkommen. Deshalb kann ich auch über die aktuelle Twitter-Challenge lachen, bei der sich Frauen über männliche Autoren lustig machen.

Auslöser ist ein Tweet von Gwen C. Katz. Die kalifornische Autorin postete den Versuch eines namentlich nicht genannten Schriftstellers, eine authentische weibliche Protagonistin zu beschreiben. "Ich bin schwer zu übersehen", heißt es da im inneren Monolog, in dem sich die Frau außerdem "schöne Kurven" bescheinigt und "so unmöglich enge Hosen", dass man das Ablaufdatum lesen könnte, "wenn ich eine Kreditkarte in der Gesäßtasche hätte".

" ... und, natürlich, meine Brüste"

Katz legte noch weitere Screenshots des Autoren nach, die Zitate enthielten wie: "... und, natürlich, meine Brüste." Natürlich, denn US-Podcaster Jonathan Franzia rief daraufhin eine Twitter-Challenge aus, bei der sich die User wie ein männlicher Autor beschreiben sollten. Viele User ließen sich nicht zweimal bitten.

"Ihre Brüste betraten den Raum noch vor ihrem weit weniger interessanten Gesicht ..."

"Sie war so rund wie sie laut war, und sie füllte den Raum sofort aus. Mein erster Gedanke war, dass ich sie nicht ficken wollte. Mein zweiter Gedanke war noch viel verstörender: Es schien sie nicht zu kümmern. Sie betrachtete ihre runden Brüste und trug etwas zu dem Meeting bei ..."

"Sie hatte Brüste. Es waren schöne Brüste, sehr brust-förmig, so wie Brüste nunmal sind. Wenn sie zuckte, bewegten sich ihre Brüste, wie Brüste es zu tun pflegen. Schöne Haare, schöne Augen. Aber zurück zu den Brüsten ..."

So weit, so witzig. Aber nicht erst in Me-Too-Zeiten stellt sich doch die Frage: Können Männer überhaupt über Frauen schreiben, ohne sie zu sexualisieren? Ohne Bezug auf ihre Brüste zu nehmen? Die Antwort: Klar können sie. Die Literaturgeschichte ist reich an authentischen Protagonistinnen, die von männlichen Autoren erdacht wurden – zum Beispiel Effi Briest, Anna Karenina, Katharina Blum.

Männer und Frauen und wahre Klischees

Tatsächlich gehört es aber natürlich zu den Königsdisziplinen für männliche Autoren, sich glaubwürdig in die Gedanken- und Gefühlswelt einer Frau zu versetzen. Genau so wie es weibliche Autoren gibt, die bei der Beschreibung ihres männlichen Protagonisten kaum über dessen breite Schultern hinausreichen.

Viel wichtiger ist also nicht die Frage: Schreibe ich über Brüste oder nicht? Sondern die Frage, wann es unnötig ist, über Brüste zu schreiben. Es ist ein bisschen wie mit Nacktszenen im Film. Wir haben alle schon mal die abgedroschene Begründung von Schauspielern gehört, warum sie in dieser oder jener Szene blank gezogen haben: "Weil es der Geschichte dient." Klingt nach Klischee, ist aber wahr.

Am Ende ist es also ganz einfach: Wer schreiben kann, darf grundsätzlich auch über Brüste schreiben. Wer nicht schreiben kann, sollte am besten gar nicht schreiben. Nicht nur nicht über Brüste.

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