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Männliches Tabu: Depression und Männlichkeit - wenn der Beschützer schwächelt

Offiziell haben wir traditionelle Geschlechterrollen hinter uns gelassen. Zumindest klopfen wir uns dafür gerne auf die Schulter. Doch Depression gilt als Schwäche - und unbewusst erwarten wir von Männern weiterhin Stärke. Ein Erfahrungsbericht.

Von David Weinard

Mann auf nebliger Straße

Wer sich verloren fühlt, sollte nach dem Weg fragen.

"Stark angefangen, stark nachgelassen" - so der Arbeitstitel meiner letzten Beziehung. Meine Ex-Freundin war fast zehn Jahre jünger als ich. Als ich sie kennenlernte, war sie gerade für ihr Master-Studium nach gekommen. Ich stand schon mitten im Berufsleben und konnte ihr anfangs viel helfen, fühlte mich nützlich. Zwar hätte sie all das auch sicher ohne mich geschafft, aber ihr zu helfen hat auch mir geholfen. Geld, Bewerbungen, Kultur oder Sprache, ich konnte überall eine helfende Hand ausstrecken. Viel wichtiger noch, ich konnte emotionalen Beistand leisten, der berühmte Fels sein. Wir gingen aus, wir hatten Spaß, stritten uns, und es gab Leidenschaft. Alles schien im Lot.

Doch nach ein bis zwei Jahren veränderte ich mich, verlor mein Gleichgewicht, zog mich immer weiter zurück. Nicht nur emotional aus der Beziehung, eher noch aus dem Leben. Mein Sozialleben konnte ich binnen weniger Wochen auf Null runterfahren. Auf der Arbeit wirkte ich selbst bei Anwesenheit abwesend, und auch mit meiner körperlichen Gesundheit ging es rapide bergab. Rücken, Asthma, Tinnitus, alles trat mit Wucht in mein Leben. "Irgendeine Phase", dachte ich, "das geht vorbei." Ging es nicht.

Im Gegenteil, es wurde schlimmer. Irgendwann kam der Punkt, an dem mir gar nichts mehr Freude bereiten wollte. Als ich eines Tages, bei strahlendem Sonnenschein, mit ihr auf unserem Balkon saß und bei einem harmlosen Gespräch über einen alten Schulfreund ansatzlos in Tränen ausbrach, wusste sie es noch vor mir: "Ich denke, du bist depressiv."

"Männer weinen heimlich"

Statistisch gesehen erkranken Frauen zwei bis drei mal häufiger an Depressionen. Es drängt sich die Frage auf, ob es Männern vielleicht einfach nur schwerer fällt, über das Thema zu reden und sich und ihrem Umfeld gegenüber den Malus einzugestehen. Immerhin liegt die Selbstmordrate von Männern drei mal so hoch wie bei Frauen. Manche  nehmen ihre Probleme scheinbar buchstäblich lieber mit ins Grab, statt einfach mal drüber zu sprechen.

Ganz so schlimm lag mein Fall zum Glück nicht. "Mittelschwere " - die offizielle Diagnose meines Arztes. Selbst im Kranksein also nur Durchschnitt. Meine Ex-Freundin hat anfangs wahrlich alles versucht, um mir den richtigen Kompromiss aus Nähe und Freiraum zu bieten. Doch ich schämte mich für meinen Zustand, wollte niemanden um mich haben. Ich fühlte mich kaputt und nutzlos als Mann. Ich konnte mich aus dem Treibsand meines Selbstmitleids nicht mehr aus eigener Kraft befreien. Jede negative Selbstreflexion und jede hochgespülte Erinnerung rissen mich tiefer hinein. Befreiung brachte erst die Therapie.

Volkskrankheit Depression

Schätzungen zufolge leiden weltweit 350 Millionen Menschen an einer Depression. Je nach Art und Schwere der depressiven Störung werden verschiedene Behandlungsmethoden angewandt. Gespräche sind das Kernelement jeder Behandlung. Oft wird die Behandlung noch durch eine Bewegungstherapie unterstützt. Im Fall einer schweren Depression werden auch Antidepressiva verschrieben. Medikamente schloss ich von Anfang an aus, zu groß schien mir die Suchtgefahr. Da war sie also wieder, die männliche Sturheit, die sowieso alles besser weiß.

In den ersten Sitzungen meiner Therapie glaubte ich dementsprechend nicht an den Nutzen der ganzen Veranstaltung. Zu klischeehaft schienen mir die Ansätze meiner Therapeutin. "Wie war das Verhältnis zu Ihren Eltern?" "Beschreiben Sie Ihre erste Beziehung." Eigentlich hat nur noch die rote Couch gefehlt, um die Filmszene perfekt zu machen - war leider nur ein Sessel. Aber es gibt einen Grund, wieso Gespräche über die Eltern zum Stereotyp einer Psychotherapie geworden sind. In unserer Kindheit und Jugend werden wir fürs ganze Leben geprägt. Egal welches Verhältnis wir zu unseren Eltern zu haben glauben, letztendlich prägt uns niemand mehr.


Das Kind im Mann

Das "innere Kind" ist ein Symbol für alle bewussten, und mehr noch, alle unbewussten Emotionen, die wir im Laufe unserer Kindheit abgespeichert haben. In der Psychotherapie wird der Begriff als Modell verwendet, um auch dem Normalbürger und Patienten den Ursprung von sogenannten "automatischen Gedanken" verständlich zu machen. Erich Kästner sagte über das innere Kind: "Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit." Hoffen wir, dass er damit richtig liegt. 

Stück für Stück wurde mit jeder weiteren Sitzung Staub von alten Erinnerungen geblasen. Manche davon wähnte ich längst verschollen. Mein inneres Kind hatte sie damals sorgfältig versteckt, damit sie mir beim Erwachsenwerden nicht im Weg stehen. Letztendlich war es aber genau diese Verdrängung, die meine emotionale Entwicklung blockierte. Und so wurde aus mir im Laufe der Jahre der Typ Zyniker, der selbst nie über Gefühle sprach, um nur nicht verletzlich zu wirken.

Maskuline Rollenbilder

"Männern fällt es schwer nach dem Weg zu fragen, wenn sie sich verirrt haben", sagt Joel Wong von der Indiana University Bloomington . Eine Analyse aus 70 verschiedenen Studien aus Nordamerika kam zu dem Schluss, dass Männer eine höhere Wahrscheinlichkeit für eine Depression aufweisen, wenn sie sich nach stereotyp maskulinen Rollenbildern ausrichten. Die von der "American Psychological Association" publizierte Studie befasste sich mit 19.000 Männern, über einen Zeitraum von elf Jahren. Professor Wong, als leitender Autor der Studie, hat festgestellt, dass genau dieser Typ Mann sich leider auch am seltensten Hilfe sucht.

Ich suchte mir Hilfe, viel zu spät. Meine Beziehung zerbrach noch während der Therapie. Ich brauchte schlicht zu lange, um wieder zu mir selbst zu finden. Fast 30 Jahre Selbstsabotage repariert man nicht in ein paar Wochen. Meine Beschützer-Fassade war zerbröckelt. Aus dem Fels wurde ein Kieselstein und die Bewunderung im Blick meiner Ex-Freundin ist Mitleid gewichen. Wir kamen damals beide zu dem Schluss, dass es besser sei, wenn ich mich erst mal repariere, rausfinde wer ich eigentlich bin. "Nur wer sich selbst liebt, kann auch von anderen geliebt werden" wäre wohl der Kalenderspruch im Monat unserer Trennung gewesen.


(realistische) Ziele setzen und Hilfe annehmen 

Die zwei Jahre nach Beziehung und Therapie standen ganz im Zeichen der Selbstfindung. Ich nahm ein Studium auf, kündigte meinen Job, fing wieder an Sport zu treiben, und baute meinen Freundeskreis von vorne auf. In den ersten Monaten platzte ich regelrecht vor Energie. Yoga, Laufen, zwei Fremdsprachen gleichzeitig lernen, ständiges Möbelrücken. Ich bekam gar nicht genug von der Selbstoptimierung. Auf den Höhenflug folgte der Absturz.

Gegen Ende letzten Jahres spielte mein Körper nicht mehr mit und zwang mich mit einer üblen Grippe wochenlang in den Ruhezustand. Es war wohl sein Weg mir zu sagen, dass ich auf der Leiter raus aus meinem Loch keine Stufen überspringen soll. Mittlerweile gehe ich das Projekt behutsamer an, setze mir kleinere Etappenziele und muss nicht jeden Makel direkt korrigieren. Manchmal liegt unsere Stärke vielleicht darin, unsere Schwächen auch mal zu akzeptieren, statt sie ständig leugnen oder abschütteln zu müssen. Man muss sich ja nicht gleich lieben, aber ich finde mich mittlerweile zumindest ganz in Ordnung. Und das nicht trotz, sondern wegen meiner Verletzlichkeit.

Wer Anzeichen  einer Depression aufweist, sollte nicht zögern seinen Hausarzt darauf anzusprechen. Besser noch: einen unverbindlichen Termin bei einem Psychologen in der Nähe vereinbaren. Eine Überweisung wird dafür nicht benötigt. Symptome einer Depression sind allgemein Antriebslosigkeit, Schuldgefühle, oder Schlaf- und Appetitlosigkeit. Häufig kommen auch körperliche Beschwerden wie Tinnitus oder chronische Rückenschmerzen dazu. Weitere Informationen zu dem Thema bietet die Deutsche Depressionshilfe. Schirmherr der Stiftung ist übrigens Harald Schmidt. Selbst für Zyniker besteht also Hoffnung.