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Paartherapeut David Wilchfort "Zuverlässigkeit ist wichtiger als Sex“

Sexuelle Exklusivität verliert für den Paartherapeuten David Wilchfort (Kasten) nicht an Wert, lediglich an Hysterie
Sexuelle Exklusivität verliert für den Paartherapeuten David Wilchfort (Kasten) nicht an Wert, lediglich an Hysterie
© Bildagentur-online/Tetra/Picture-Alliance
Mit seinem Forschungsprojekt "Das 1×1 der Liebe" an der Uni Jena versucht David Wilchfort, die Verliebtheit auch in Langzeitbeziehungen zu erhalten. Er sagt: Wir werden in der Liebe endlich entspannter.
Interview: Lena Steeg

NEON: Herr Wilchfort, der Anteil der Heiratswilligen sinkt, Menschen, die mit 30 Jahren noch kein Kind haben, verabschieden sich langsam von dieser Möglichkeit – gibt es einen neuen Pragmatismus in der Liebes- und Lebensplanung?

Wilchfort: Ich glaube, die jungen Menschen sind einfach sehr selbst - bewusst in ihrer Lebensgestaltung. Wichtiger als ein Trauschein ist ihnen, dass das schöne Gefühl des Beziehungsanfangs erhalten bleibt. Der Glaube daran wurde ihnen allerdings in den vergangenen Jahren auszutreiben versucht. Der Mythos, dass Verliebtheit nach spätestens acht Monaten in einen irgendwie gleichmütigen Zustand übergeht, hält sich jetzt schon eine ganze Weile und ist aus meiner Sicht fatal. Ich arbeite seit über 45 Jahren als Psychotherapeut und forsche seit Jahren zur Verliebtheit, ich kann Ihnen versichern: So schlimm ist es um die Liebe nicht bestellt. Allerdings wird sie heute mit immer mehr Funktion aufgeladen. Wenn sich um uns he - rum schon alles verändert, soll wenigstens die Beziehung stabil sein. Dafür aber, das wissen die jungen Menschen, braucht es nicht zwingend einen Trauschein. Diese Erkenntnis ist weniger pragmatisch als einfach schlau.

Gleichzeitig ist die Wunschvorstellung des perfekten Lebens ungebrochen konservativ: Ein Großteil der Befragten würde gerne am Stadtrand leben, in einem Haus mit Garten. Ist der Rückzug ins Idyll eine Antwort auf die chaotische Weltlage?

Ein Rückzug wäre es, wenn man am Stadtrand keinen DSL-Anschluss hätte und kein Smartphone. Früher war die Entscheidung, "aufs Land zu ziehen", tatsächlich eine, die den gesamten Lebensstil betraf. Heute zieht man vielleicht geografisch ins Grüne, ist emotional und kommunikativ aber immer noch voll in der Urbanität verhaftet.

David Wilchfort arbeitet seit über 40 Jahren als Paartherapeut in München
David Wilchfort arbeitet seit über 40 Jahren als Paartherapeut in München. Sein aktuelles Projekt ist "Das 1×1 der Liebe".
© NEON

57 Prozent der Befragten sind ihrem Sexpartner treu, bei den Liierten sind es 82 Prozent. Das waren mal mehr. Verliert sexuelle Exklusivität an Wert?

Das nicht. Aber sie verliert an Hysterie. In meiner Praxis habe ich über die vergangenen Jahre die Beobachtung gemacht, dass sich die Haltung zu Seitensprüngen verändert hat. Noch vor zehn, 20 Jahren war Fremdgehen ein klarer Scheidungsgrund. Heute wird ein Betrug natürlich immer noch als Kränkung empfunden, sehr viel häufiger aber auch als verzeihbare Episode gesehen. Das liegt unter anderem daran, dass sich der Blick auf Sexualität gewandelt hat. Sex ist heute kaum noch mystisch-verklärt. Er bedeutet etwas, natürlich, aber die jungen Menschen empfinden ihn eher als biologischen Akt mit Spaßfaktor. Wenn er mit jemand anderem voll - zogen wird: furchtbar. Schwerer aber wiegt ein emotionaler Betrug. Wenn der Partner einem anderen in seiten - langen Mails seine Sorgen anvertraut, wenn immer der Job wichtiger ist, wenn er mich vor anderen andauernd runtermacht oder rauskommt, dass er ein heimliches Bankkonto hat: Da entstehen die tieferen Brüche. Die Treue der Zuverlässigkeit ist heute wichtiger als die des Körpers.

Pornos werden etwas seltener geschaut, dann aber als Bereicherung für das Sexleben empfunden. Schüren sie also doch keinen Performance-Druck?

Als die Pornoindustrie vor 20 Jahren richtig groß wurde, hat sie das Sexleben der Menschen tatsächlich verändert. Heute weiß auch der Naivste, dass Pornos nichts anderes sind als Hollywoodfilme: die bewusste Überzeichnung der Realität.

Die neuen Medien verändern auch die Kommunikation in der Liebe. Mit dem Versenden von Nacktfotos macht man sich allerdings auf eine sehr spezielle Weise angreifbar. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Sexualität war immer schon mit diesem Risiko verbunden. Egal wie man es dreht oder wendet, man liefert sich dem anderen aus. Deshalb sollte man sich trotz aller Aufgeklärtheit immer fragen: Bin ich in sorgfältigen Händen? Und dann spielt natürlich auch noch der moderne Grundhabitus des Dauerteilens eine Rolle. Ich erinnere immer gerne an die Zeit, als die meisten Menschen noch mit dem Betriebssystem Windows gearbeitet haben. Window – Fenster: Eigentlich beinhaltet dieser Name schon einen Tipp. Intimität im Netz ist fragil. Bevor man etwas digital teilt, sollte man sich immer kurz überlegen: Würde ich das auch bei geöffneten Gardinen vor meinem Schlafzimmerfenster zeigen?

David Wilchfort arbeitet seit über 40 Jahren als Paartherapeut in München. Sein aktuelles Projekt ist "Das 1×1 der Liebe".

Paartherapeut David Wilchfort: "Zuverlässigkeit ist wichtiger als Sex“

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