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Partnerschaft mit Kind: Viiiele Windelbeutel, kein Sex, Sehnsucht nach Kino - über die Herausforderung junger Eltern

Kinder verändern eine Partnerschaft radikal. Auch in Ninias Beziehung ist fast nichts ist mehr wie vorher. Ein ehrlicher Bericht über die schönen und schwierigen Herausforderungen junger Eltern.

Von Ninia LaGrande

"Wer sich Kinder wünscht, sollte sich von der Angst vor Veränderung nicht aufhalten lassen"

"Wer sich Kinder wünscht, sollte sich von der Angst vor Veränderung nicht aufhalten lassen"

"Geht nochmal ins Kino!"
"Macht es euch nochmal richtig schön!"
"Ernsthaft, geht so oft essen, wie ihr nur könnt vor der Geburt!"
"Genießt eure Zeit zu zweit!"
"Glaub mal nicht, dass danach irgendetwas so ist wie vorher!"
"Wir waren das letzte Mal vor vier Jahren im Kino, hahahaha!"

Man sollte nicht auf Ratschläge hören

Bevor wir Eltern wurden, malten uns andere ein Horrorszenario für unsere Zukunft. Wir würden uns nicht mehr wiedererkennen, für nichts mehr Zeit haben, uns nur noch als Zombies begegnen und quasi nie wieder schlafen. Nie wieder. Eines habe ich dank dieser ganzen Ratschläge gelernt: Man sollte nicht auf Ratschläge hören.

Wir sind seit über neun Jahren zusammen. Seit sechs Jahren leben wir in einer gemeinsamen Wohnung. Seit neun Monaten purzelt da noch jemand über die Flure. Und auch, wenn ich von vielen Seiten gehört habe, man könne sich nicht mehr vorstellen, dass das Kind je nicht da war, kann ich mir immer noch ziemlich gut vorstellen, wie das war als wir ausschlafen konnten, ungestört Sex hatten und nach Hause kamen, wann wir lustig waren. Das war schön. Jetzt ist es auch schön. Es ist unfassbar wunderbar, jeden Tag dieses Wesen zu erleben. Es ist so schön, dass wir uns gegenseitig Fotos und Videos von ihm zeigen, wenn wir auf dem Sofa sitzen und das Kind schläft. Wir vermissen es in der Minute, in der es nicht mehr bei uns ist, obwohl es ja nur nebenan schläft. Endlich schläft!

Wer kann Bedürfnisse besser zurückstellen?

Man verändert sich als Paar. Man verändert sich aber auch, ohne dass ein Kind dazu kommt. Jahre prägen, man sammelt Erfahrungen, lernt Macken zu akzeptieren und respektiert. Ein Kind bringt eine neue Herausforderung. Ein neues Level an: Wie viel kann mein Partner eigentlich aushalten? Wie viel können wir gemeinsam aushalten? Wer kann Bedürfnisse besser zurückstellen? Und wer fühlt sich schneller abgehängt?

In den ersten vier Monaten war an sowas wie Partnerschaft, Self-Care oder gar Sex nicht zu denken

Der Start unserer gemeinsamen Elternschaft war mehr als holprig. Das Kind kam mit einem Notkaiserschnitt zur Welt und lag daraufhin zwei Wochen auf der Intensivstation. Wir waren die einzigen, die in der Zeit die Gefühle des anderen nachempfinden konnten. Ich fühlte mich nie mehr mit ihm verstanden und verbunden als kurz nach der Geburt. Mit dem Glück das Kind nach Hause holen zu können, zog auch der Alltag bei uns ein. Elternzeit, Frühling – und ein Baby, das sehr viel schrie. Jeden Tag vier Stunden bis es vor Erschöpfung einschlief, um genau zu sein. In den ersten vier Monaten war an sowas wie Partnerschaft, Self-Care oder gar Sex nicht zu denken. Wir hatten genug damit zu tun, uns beim Durch-die-Wohnung-tragen-und-verzweifelt-gucken abzuwechseln. Aber auch das ging vorbei. Und plötzlich war fast alles wie vorher. Nur eben mit Baby.

Wir sind beide sehr gut im Verhandeln geworden. "Ok, einer füttert, einer bringt ins Bett. Was willst du machen?" "Ich habe schon den Windelbeutel runtergebracht!" Und so pendeln wir uns ein, in ein System, das wir beide als relativ gerecht empfinden und das uns beiden noch genug Freiheiten lässt.

Kind in der Festivalmenge


Ein Familienkalender hilft beim Organisieren der Beziehung

Stichwort Freiheit. Das ist ein Punkt, der sich für mich wirklich grundlegend geändert hat. Ich war vor dem Kind sehr viel unterwegs – an etwa 280 Tagen im Jahr war ich nicht zu Hause. Das ist jetzt nicht mehr möglich. Jetzt ist jeder Termin, jede Verabredung, jedes berufliche Meeting eine Jonglage. Wir haben einen Familienkalender eingerichtet und feilschen regelmäßig um die übrig gebliebenen Abende. Alles muss genau organisiert werden und dabei soll dann auch noch genug freie Zeit, vor allem flexible Zeit für das Kind und gemeinsame Zeit für uns übrig bleiben. Das ist ok, weil ich es natürlich vorher wusste. Und trotzdem ist mein Leben in diesem Punkt wirklich ganz anders als vorher.

Drei Wochen lang freuen wir uns drauf, etwas vermeintlich ganz Normales zu machen

Der Mann und ich leben jetzt sehr viel nebeneinander her, anstatt gemeinsam. Einer geht auf ein Konzert, der andere bleibt zu Hause. Dafür darf derjenige dann am nächsten Wochenende auf eine Party. Und so weiter. Das führt allerdings auch dazu, dass wir die gemeinsame Zeit, die uns bleibt, umso mehr genießen können. Die Oma schenkte uns – natürlich auch aus Eigennützigkeit – einen Wochenendbesuch pro Monat, was seit fünf Monaten durchgehend klappt. An diesen Wochenenden gehen der Mann und ich aus. Wir gehen essen oder ins Kino oder ins Theater. Wir machen uns schick. Wir sind verabredet, wie für ein erstes Date. Drei Wochen lang freuen wir uns drauf, etwas vermeintlich ganz Normales zu machen. Das Kind geht ins Bett und wir in eine Welt, die wir noch von früher kennen. Manchmal trinken wir dabei sogar Alkohol.

Eine junge Mutter trägt ihr Baby auf der Brust

Eine junge Mutter trägt ihr Baby auf der Brust

Die Partnerschaft mit Kind verändert sich. Alles wird organisierter. Man muss viele Kompromisse und Eingeständnisse machen. Man muss reden. Man muss so viel reden – über Finanzen und Verantwortung und tausende Kleinigkeiten. Das ist nicht immer angenehm. Und manchmal sogar ziemlich anstrengend. Einer ist immer müde. Und irgendwas fühlt sich immer ungerecht an – auch, wenn man noch so viel redet. Sex findet – zumindest in der ersten Zeit – so selten bis gar nicht statt, dass man sich manchmal nicht mal mehr daran erinnert, wie man eigentlich dieses Kind gemacht hat. Und einer muss immer den Windelbeutel nach unten tragen.

Ein ziemlich großartiges Leben

Aber dafür, dass mir vorher ein Bild von einem sehr traurigen Leben gezeichnet wurde, in dem ich quasi kein Vergnügen, keine Liebkosungen und schon gar keine Auszeit mehr haben würde, finde ich dieses Leben jetzt ziemlich großartig. Wer sich Kinder wünscht, sollte sich von der Angst vor Veränderung nicht aufhalten lassen. So einem kleinen Abbild von sich selbst beim Aufwachsen zuzusehen, kann sehr viel Spaß machen. So viel, dass man abends erschöpft auf dem Sofa immer noch drüber redet.

Helikopter-Eltern