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Pille abgesetzt: Warum ich mir geschworen habe, nie wieder mit Hormonen zu verhüten

Als 15-Jährige bekommt unsere Autorin die Pille verschrieben und macht sich nie wirklich Gedanken über den Hormon-Cocktail, den sie da täglich in sich reinpumpt. Bis sie beschließt, sie abzusetzen.

Von Ninia "LaGrande" Binias

Viele Frauen treffen eine Entscheidung pro Pille bereits in sehr jungen Jahren

Viele Frauen treffen eine Entscheidung pro Pille bereits in sehr jungen Jahren (Symbolfoto)

Als ich das erste Mal die Pille verschrieben bekomme, bin ich 15 Jahre alt und habe noch keinen Geschlechtsverkehr. Stattdessen habe ich Pickel. Pickel, Mitesser und irgendwelche komischen Beulen auf der Stirn, die sich niemand erklären kann. Was man eben so hat als Teenie in den besten Jahren. "Sowas muss aber nicht sein", sagt die Frauenärztin. Und schreibt mir flugs einen Frauennamen auf den Rezeptblock. Keine Erklärung, geschweige denn Aufklärung. Keine Warnung wegen Nebenwirkungen. Nichts. Ich soll die Dinger nehmen und dann verschwinden meine Beulen. Der positive Nebeneffekt: Ich werde nicht schwanger, wenn ich doch irgendwann mal Geschlechtsverkehr haben sollte. Aber selbst darüber redet sie nicht mit mir.

Achtzehn Jahre später wünsche ich mir ein Kind. Achtzehn Jahre, in denen ich fast durchgängig die Pille genommen habe. Weil ich – außer in den letzten zwei Jahren – nie darüber nachgedacht habe, ob das eigentlich noch nötig ist. Ob diese Pille noch die richtige ist und ob ich die Pille bzw. die damit verbundenen Hormone überhaupt noch nehmen möchte. "Vertragen Sie sie gut?", hat meine jetzige Frauenärztin mal gefragt. "Dann würde ich das Präparat nicht wechseln." Erledigt.

Nach dem Absetzen bleibt die Periode aus

Dann nehme ich sie nicht mehr. Und erst einmal passiert: nichts. Und nichts meine ich wortwörtlich. Ich bekomme meine Periode überhaupt nicht mehr. Über Monate. Eigentlich angenehm, mein Leben könnte so weitergehen. Wenn da nicht dieser Kinderwunsch wäre, für den ein funktionierender Zyklus schon eine Voraussetzung ist. Das, was mein Körper macht, ist normal nach so vielen Jahren Pille. Und doch bin ich erstaunt und verunsichert. "Alles harmlos", wird mir versichert. Mir wird bewusst, wie sehr die Hormone meinen Körper verändert haben. Und das nur, weil ich vor vielen Jahren mal zu viele Pickel hatte und mir danach keine Gedanken mehr gemacht habe.

Jeden Monat, quasi jeden Tag höre ich in meinen Körper hinein und warte auf Anzeichen dafür, dass meine Tage bald losgehen. Ich spüre: nichts. Aber ich vermisse nicht nur ein Ziehen in meinem Unterleib, bald schon vermisse ich auch ziemlich viele Haare. Sie fallen mir aus. Ich traue mich kaum noch zu bürsten. Nach jeder Dusche habe ich eine Handvoll Haar in der Hand und werfe sie mit dem Gedanken "nie wieder Verhütung mit Hormonen" in den Eimer. Die wenigen Haare, die mir bleiben, sorgen auch nicht unbedingt dafür, dass meine Laune besser wird. Ganz im Gegenteil. Ich hasse alles und jeden. Am liebsten bin ich in der Zeit allein. Das ist für alle Beteiligten die schönere Lösung. Meine Haut trocknet aus und meine Fingernägel brechen jetzt schon ab, bevor sie ihre herkömmliche Rekordlänge von zwei Millimetern erreicht haben. Ich fühle mich wie ein Alien in meinem Körper. Wie jemand, die von außen fasziniert beobachtet, wie so eine kleine Pille Prozesse verändern, beschleunigen oder anhalten kann.

So fühlt sich also mein Körper an

Sechs Monate nach der letzten Pille fahren wir in den Urlaub. Obwohl es bei unserer Ankunft mit dem Wohnmobil in Kroatien sehr heiß ist, friere ich schon den ganzen Tag. Ich fühle mich angeschlagen und freue mich auf den Schlaf mit Meeresgeräuschen im Hintergrund. Auf der Campingplatztoilette kann ich es kaum glauben. Aber klar, wann wäre es unpassender gewesen als am ersten Tag des Jahresurlaubs. Ich blute. Und wie. In meinem Unterleib scheint gerade die zweite Red Wedding gefeiert zu werden. In der Nacht versuche ich mich verzweifelt auf Urlaubsstimmung zu konzentrieren. Offensichtlich hat sich mein Körper entschlossen, nun mit der Kraft von sechs Monaten Pause zurückzuschlagen. Ich liege gekrümmt im Wohnmobil und habe Kopf- und Rückenschmerzen aus der Hölle. Das ist also mein Körper. So fühlt der sich an. Aha.

In den nächsten zwei Tagen rechne ich damit, jederzeit umzufallen, da ich mir kaum vorstellen kann, dass jemand, die so viel Blut verloren hat, noch lebensfähig ist. Ich ernähre mich ausschließlich von Schokolade und versuche am Strand verzweifelt, Liegepositionen einzunehmen, in denen mein Rücken sich nicht anfühlt, als würde jemand dauerhaft mit einem Messer zustechen. Vor lauter Verzweiflung vergesse ich, dass ich nicht getauft bin und bete, dass das eine einmalige Sache ist. Dass sich das einpendelt. Dass ich irgendwann wieder – so wie mit der Pille – zwar leiden, aber eben auch nur leiden und nicht halbtot sein werde.

Nie wieder mit Hormonen verhüten!

Gott hat Mitleid mit mir. Vielleicht ist es aber einfach die Natur der Sache. In den nächsten Monaten pendelt sich mein Zyklus wieder ein. Meine Brüste sind etwas größer geworden und meine Haare wachsen auch wieder nach. Ich bin sozial umgänglicher und insgesamt ein gut gelaunter Mensch. Ich schwöre mir, nie wieder mit Hormonen zu verhüten. Ich ärgere mich, dass ich die Ärztin meines 15-jährigen Ichs niemals hinterfragt habe und täglich fleißig ein Pillchen genommen habe. Dass ich es lange für normal hielt, als Frau für die Verhütung zuständig zu sein. Auch, wenn meine Partner die Pille immer mitfinanziert haben, war ich diejenige, die ihren Körper dafür hergeben musste. Ich bin im Nachhinein sehr froh, keine Nebenwirkungen und Folgeerkrankungen gehabt zu haben. Eineinhalb Jahre nach der letzten Pille fühle ich mich rundum wohl. Mein Körper und ich haben uns angefreundet. Ich kann ihn besser deuten als jemals zuvor. Ich fühle mich befreit. Dann werde ich schwanger. Aber das ist eine andere Geschichte.

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