HOME

Von einem, der Schluss macht und nicht darüber hinwegkommt

In der Liebe gibt es nur zwei Möglichkeiten: Es fühlt sich richtig an, oder es fühlt sich nicht richtig an. Für Gerrit fühlt es sich nicht mehr richtig an. Also verlässt er seine Freundin und erhofft sich davon eine Befreiung. Doch das Gegenteil tritt ein.

Der Schlussmacher

Wie viel Verantwortung tragen wir für den Menschen, den wir lieben? Und für den Menschen, den wir nicht mehr lieben?

Das Schlimmste war, dass sie eine Erklärung wollte. Bloß fand Gerrit keine Worte für das, was er fühlte. Beziehungsweise für das, was er nicht mehr fühlte. Da war keine andere Frau; ihn plagte auch keine diffuse Angst, irgendetwas zu verpassen; nicht einmal an Leidenschaft mangelte es zwischen ihr und ihm nach über drei gemeinsamen Jahren. Aber in der Liebe gibt es nur zwei Möglichkeiten: Es fühlt sich richtig an, oder es fühlt sich nicht richtig an. Dazwischen ist nichts. Und mit ihr fühlte es sich irgendwann nicht mehr richtig an.

Also trennte Gerrit sich von ihr. Nicht dass es eine plötzliche Entscheidung gewesen wäre: Wochenlang habe er mit sich gerungen, sagt er. Schließlich gab es doch eigentlich keinen Grund, nur sein Gefühl. Am Ende musste sie ihm geradezu in den Mund legen, dass es vorbei war. Dafür schämt er sich heute noch. Aber nicht nur dafür. Genau das ist sein Problem.

Er suchte das Gespräch, hatte aber nichts zu sagen

Gerrit hatte sich von der Trennung eine Befreiung erhofft. Das Gegenteil trat ein. Er fühlte sich schuldiger als zuvor. In seiner Verwirrung suchte er das Gespräch mit ihr, obwohl er wusste, dass er keinen geraden Satz herausbringen würde. Er versuchte sich dafür zu entschuldigen, dass er ihr keine Erklärung anbieten konnte. Er sagte ihr, dass er sich schlecht fühle, sie warf ihm aus ihrer Perspektive völlig zu Recht vor, in Selbstmitleid zu versinken – schließlich habe er das Chaos doch selbst angerichtet.

Gerrits Mutter nannte seine Entscheidung "mutig", er habe schließlich alles gehabt: eine tolle Frau, eine gemeinsame Wohnung, so viele Pläne. Nur für Gerrit selbst war alles offenbar nicht genug. Bevor er Schluss gemacht hat, habe er kaum noch atmen können, sagt er. Dumm nur, dass er seit dem Ende der Beziehung überhaupt keine Luft mehr bekommt.

Es gibt so viele Songs, Filme und Bücher über die Verlassenen – wer verlässt, wird dagegen nur selten besungen. Das ist in Ordnung, weil der Verlassende normalerweise nicht die tragische Figur ist. Immerhin trägt er die Entscheidungsgewalt. Trotzdem konnte Gerrit nachts nicht mehr schlafen. Er fragte sich, wie es ihr gerade ging und was sie jetzt wohl machte. Ob sie noch sehr unter der Trennung litt. Ob es seine Aufgabe wäre, mal nachzufragen, ob alles in Ordnung sei bei ihr. Ob er irgendwas für sie tun könne. Dabei war das nicht mehr seine Aufgabe. Genau genommen hatte er nicht einmal mehr das Recht, sich um sie zu sorgen.

Es ist eine der ewigen Fragen, auf die es keine wissenschaftliche Antwort gibt: Wie viel Verantwortung tragen wir für den Menschen, den wir lieben? Oder, aus Gerrits Sicht, noch wichtiger: Wie viel Verantwortung tragen wir für den Menschen, den wir nicht mehr lieben? Sie fühlte sich von Gerrit im Stich gelassen, weggeworfen, irgendwie betrogen. Aber wäre es nicht vielmehr dann ein Betrug, wenn er trotzdem bei ihr geblieben wäre? Oder wäre es für sie wirklich einfacher gewesen, wenn er sie wegen einer anderen verlassen hätte oder schwul geworden wäre? Ist am Ende nicht immer das Gefühl der Grund? Das verloren gegangene Gefühl? Und wer kann schon ein Gefühl beschreiben?

Gerrit konnte es jedenfalls nicht, aber dafür klingelte er eines Nachts an ihrer Tür. Die klassische Schnapsidee: Er hatte ein paar durchzechte Nächte hinter sich und war fest entschlossen, es noch einmal mit ihr zu versuchen. Er war überzeugt, dass er mit der Trennung den größten Fehler seines Lebens gemacht hatte. In Wirklichkeit war er bloß betrunken und hatte ein schlechtes Gewissen. Wie auch immer: Sie war nicht zu Hause oder öffnete nicht die Tür, Gerrit ist sich da nicht so sicher, sagt er.

Sogar vor seinen besten Freunden schämte er sich

Es war das Beste, was ihm passieren konnte. Tags darauf begann er, sich verkatert zu hinterfragen. Schnell stellte er fest, dass er an seiner grundsätzlichen Entscheidung keinen Zweifel hegte, dass er aber trotzdem Hilfe brauchte – schließlich kam er morgens nicht mehr aus dem Bett, wurde immer fahriger und aggressiver, trank zu viel, schmiss Pillen ein. Auch nach mehreren Monaten hatte er immer noch keinerlei Interesse an den zahlreichen Zerstreuungsmöglichkeiten, denen sich Großstadtsingles in seiner Situation normalerweise hingeben: Tinder-Wischereien, Weltreisen, zugedröhnter Sex mit Zufallsbekanntschaften, oder wenigstens irgendwas mit Sport.

Vor seinen Freunden schämte er sich für sein schlechtes Gewissen, also behielt er es für sich, wofür er sich auch schon wieder schämte. Er sagt, dass er mit seinen Freunden eigentlich über alles redet. Er könne sich auch nicht erklären, warum ihm ausgerechnet diese Trennung zum Tabu-Thema gegenüber seinen liebsten Menschen geriet. Allerdings könne er sich seit der Trennung ohnehin kaum noch was erklären.

In seiner Verzweiflung tat Gerrit, was er selbst kaum glauben konnte: Er suchte Rat bei einem Psychologen, der ihm versicherte, mit der Trennung alles richtig gemacht zu haben. Auch sie würde das irgendwann verstehen, wenn auch noch nicht jetzt. Die Liebe sei ein egoistisches Spiel, das würden wir uns viel zu selten bewusst machen. Was Gerrit passiert sei, hätte jedem passieren können, auch ihr. "Es war, als würde er nacheinander alles aufzählen, was ich in meiner Situation gerne hören will", sagt Gerrit und lacht laut auf. Geholfen habe ihm das nicht. Gerrit vermutet, dass er den Rat eines völlig Fremden wohl einfach nicht ernst nehmen kann.

Kein Selbstmitleid, sondern aufrichtiger Selbsthass

Am Ende der Sitzung sagte der Psychologe: Er, Gerrit, müsse eine Wunde heilen, die er selbst geschlagen habe. Dabei müsse er sich stets bewusst sein, dass diese Wunden nicht gut heilen. Das würde den Verarbeitungsprozess erleichtern. "Er hätte auch sagen können, dass die Hoffnung zuletzt stirbt", sagt Gerrit und lacht ein bisschen zu laut auf.

Gerrit weiß nicht, wie es weitergeht. Noch könne er nicht nach vorne schauen. Eigentlich weiß er, dass er nichts Verwerfliches getan hat. An der tiefen Schuld, die er fühlt, ändert das nichts. Er habe von einem gemeinsamen Bekannten gehört, dass sie inzwischen einen Neuen habe. Er wisse nicht, ob es stimmt, er hoffe es natürlich für sie. Ein schlechtes Gewissen hat er ihr gegenüber trotzdem immer noch. Das sei kein Selbstmitleid, sagt er. Er hasse sich wirklich aufrichtig für das Gefühl, das ihm abhandengekommen ist.

Selbst geschlagene Wunden heilen nicht gut. Wenn überhaupt.

Neon-Logo Das könnte Sie auch interessieren