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Charlie Kant: Eine Unternehmensberaterin packt aus: Sex, Geld und Psychospiele

Viel Arbeit, viel Geld, wenig Freizeit: Charlie Kant war 25, als sie bei einer Unternehmensberatung einstieg. Vier Jahre später stieg sie aus – und schrieb ein Buch über den Alltags-Wahnsinn in einem besonderen Job.

UN´nternehmensberatung

Work hard, play hard? Die Unternehmensberaterin Charlie Kant ist nach vier Jahren aus der Branche ausgestiegen (Symbolbild)

Wenn montags der Wecker klingelte, wusste Charlie Kant: Ab jetzt gibt's bis Freitagabend kein Privatleben mehr. Stattdessen lebte sie für Deadlines, To-do-Listen und PowerPoint-Präsentationen. Vier Jahre lang arbeitete Charlie in einer Unternehmensberatung, zog dafür unter anderem nach England und stieg schnell auf. Dann hatte die heute 29-Jährige genug. Über ihre Zeit als Beraterin hat sie jetzt ein Buch geschrieben. "Wie lang ist die Extrameile?" heißt es und bestätigt auf 275 Seiten fast jedes Klischee, das man über die Welt der Consultants haben könnte. Kaum Schlaf, keine Freizeit, hohle Phrasen, viel Geld, strikte Hierarchien – willkommen in der Beratung!

"Sehr viele Mitarbeiter werden verheizt, vor allem die jungen Absolventen. Langfristig ist das ein schwieriger Lifestyle, weil es sehr anstrengend ist. Einige sogenannte 'New Joiner' brechen den Job auch bereits nach dem ersten Jahr wieder ab", erzählt Charlie NEON. Charlie kommt aus Hannover und heißt eigentlich anders, will aber anonym bleiben, um zukünftige Arbeitgeber nicht abzuschrecken.

Einstiegsgehälter um die 60.000 Euro in der Unternehmensberatung

Charlie Kant

"Wie lang ist die Extrameile? Eine Unternehmensberaterin misst nach" von Charlie Kant ist im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag erschienen. 280 Seiten für 14,99 Euro.

Der Job zieht junge Leute wie sie an. Leute, die sehr ehrgeizig sind, viel Erfolg haben und gleichzeitig alles immer wieder infrage stellen und optimieren wollen. "Insecure Overachievers" nennt Charlie diesen Typus. Die Beratungen nutzen die Unsicherheit der Mitarbeiter, um sie damit zu noch mehr Höchstleistungen anzutreiben – fast ein Psychospiel. Der ständige Druck in Wettbewerbssituationen und die komplette Selbstaufgabe werden durch satte Einstiegsgehälter um die 60.000 Euro kompensiert. "Man braucht das Geld allein schon, um seinen Berater-Lifestyle (am Wochenende teuer essen gehen, in andere Städte fliegen, den neuesten Rimowa-Koffer besitzen) aufrecht zu erhalten," sagt Charlie.

Irgendwann reichte ihr das alles aber nicht mehr, auch wenn sie die Zeit nicht bereut, wie sie betont. "Ich weiß jetzt, wie viel ich persönlich bereit bin zu geben." Ihre Einblicke sind schonungslos ehrlich, mit NEON sprach sie über die Hintergründe ihrer Kündigung.

Deshalb stieg sie aus:

"Ich wusste irgendwann nicht mehr, ob mich das glücklich macht. Immer fernab von den Freunden zu sein, in anonymen und sterilen Hotels. Es hat mich gestört, dass ich mich die ganze Woche über komplett in die Dienste des Arbeitgebers gestellt habe. Ich wollte irgendwo ankommen. Ich hatte mir selbst bewiesen, dass ich mich immer wieder neu in etwas einarbeiten, schnell Kontakte aufbauen konnte. Aber das Gegenteil davon kannte ich nicht: sich lange mit etwas beschäftigen, Experte werden. Ich freue mich darauf, in den nächsten Jahren nicht mehr so rastlos zu sein. Außerdem hat es irgendwann auch nicht mehr meinem Anspruch entsprochen, vor dem Kunden zu schauspielern, wenn ich von einem bestimmten Thema keine Ahnung hatte."

Ihr schlimmstes Erlebnis im Job?

"Sexismus und sexuelle Belästigung kommen auch in Unternehmensberatungen häufig vor – wie leider in vielen Branchen. Mich hat ein jüngerer Kollege zum Beispiel wiederholt gefragt, warum ich eigentlich schon Senior Consultant sei, wenn er doch nur Junior ist. Ein älterer Kollege hat mir ungefragt von seinen Eheproblemen erzählt und dass er gern mit Berater-Kolleginnen fremdgeht. Gleich bei meinem ersten Projekt! Das war schon krass. Ich bin ihm dann lange aus dem Weg gegangen, hab extra kein Parfum mehr aufgetragen, um bloß nicht aufzufallen. Aber auch anders herum hab ich von Übergriffen gehört: Eine wichtige Auftraggeberin soll einen sehr jungen Kollegen auf einer Firmenfeier angegrapscht und ihm befohlen haben, mit ihr nach Hause zu kommen. Solche Dinge schockieren schon."

Darum blieb sie trotzdem so lange:

"Ich mag den Teamzusammenhalt in der Beratung sehr und dass man so viel reist. Man sieht in kürzester Zeit sehr viel und kriegt in die unterschiedlichsten Branchen Einblicke. Dadurch weiß ich jetzt auch viel besser, was ich will und was nicht. Für manche Menschen ist die Unternehmensberatung auch langfristig geeignet: Wer immer wieder etwas Neues lernen will, den neuen Kick sucht und Wettbewerb liebt, ist dort genau richtig."

Das rät sie anderen:

"Es gilt: friss oder stirb. Sprich, ich würde Neu-Einsteigern raten, sich erst einmal auf alles einzulassen und nicht zu viel zu hinterfragen. Wenn du mit zu vielen Vorstellungen und Ecken und Kanten reingehst, wirst du (als "Rohdiamant") gnadenlos geschliffen. Und man sollte sich vorher genau informieren, damit man sich nicht über die langen Arbeitszeiten oder andere Bedingungen wundert, wie ich es damals getan habe."