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Kettenbrief: Gefährlicher WhatsApp-Trend: Wenn "Momo" und Co. junge Menschen in den Tod treiben

Eigentlich hätte man über den "Momo"-Kettenbrief lachen können – schließlich ist der Gedanke, dass ein verstorbenes Mädchen sich ausgerechnet per WhatsApp meldet, ziemlich albern. Doch nun soll das perfide Spiel ein junges Mädchen das Leben gekostet haben.

Momo auf What'sApp

So oder so ähnlich sehen die Nachrichten, die "Momo" angeblich auf Whatsapp verschickt, aus. In Argentinien soll sich ein junges Mädchen deshalb nun das Leben genommen haben.

Getty Images

"Hallo, ich bin Momo und bin vor drei Jahren verstorben. Ich wurde von einem Auto angefahren und wenn du nicht möchtest, dass ich heute Abend um 0 Uhr in deinem Zimmer stehe und dir beim Schlafen zuschaue, dann sende diese Nachricht an 15 Kontakte weiter. Du glaubst mir nicht?" Diese Nachricht wird zur Zeit weltweit über WhatsApp, Facebook und andere verschickt. 

Diejenigen, die sich hinter dem Pseudonym Momo verstecken, suchen sich dabei als Opfer gezielt junge Menschen aus – Teenager, die dank Smartphones und sozialen Netzwerken schon früh unbemerkt von ihren Eltern erreichbar sind. In Argentinien soll ein solcher Chatverlauf mit "Momo" nun ein 12-jähriges Mädchen das Leben gekostet haben. Laut Medienberichten erhängte sie sich im Garten ihrer Eltern, nachdem eine unbekannte Person sie über Nachrichten dazu angewiesen hatte – versteckt hinter Name und Anzeigebild von "Momo". Nun soll die Polizei eine 18-jährige Person im Verdacht haben, die das Mädchen zum Suizid anstachelte.

Ein Fall wie dieser ist nicht neu. Immer wieder gibt es Berichte von Menschen, die sich im Internet nach Opfern umsehen sollen, denen sie dann mit perfiden Spielen Anweisungen geben und sie im schlimmsten Fall sogar dazu bringen, sich das Leben zu nehmen.

Die "Blue Whale Challenge"

Zuletzt hatte 2017 die "Blue Whale Challenge" für Schlagzeilen gesorgt. Auch diese Challenge begann als Kettenbrief, der Jugendlichen von Unbekannten über WhatsApp und andere Nachrichtendienste geschickt wurde. Jeden Tag bekamen die Jugendlichen andere Aufgaben, die sie erfüllen und dann Beweisfotos an die Nummer schicken mussten. Unter anderem sollten sich die Teenager hierbei die Umrisse des namensgebenden Blauwals in den Unterarm ritzen.

Die letzte Aufgabe, an Tag 50, sollte dann der ultimative Test sein – die Jugendlichen wurden angewiesen, sich für das Spiel das Leben zu nehmen. Und viele taten dies offenbar tatsächlich. Allein in Russland wurden rund 130 Selbstmordfälle auf eine Verbindung zu dem perfiden Spiel untersucht.

Die Legende vom "Slenderman"

Seit einigen Jahren kursiert im Internet die Legende des "Slenderman". Er soll im Wald wohnen und es besonders auf Kinder abgesehen haben. Was gruselig klingt, ist eigentlich das Produkt eines Internet-Photoshop-Wettbewerbs. Ein Forum hatte seine User dazu aufgerufen, besonders gruselige, paranormale Geschöpfe zu kreieren. Und schon ward der Slenderman geboren: eine sehr große, schlanke Figur, die kein Gesicht hat und aus deren Rücken tentakelartige Arme wachsen sollen.

Der Slenderman

Der Slenderman soll im Wald wohnen und es insbesondere auf Kinder abgesehen haben. Eigentlich ist er das Produkt eines Photoshop-Wettbewerbs.

Picture Alliance

Im Mai 2014 verirrten sich die damals 12-jährigen Mädchen Morgan Geyser und Anissa Weier in die entsprechenden Foren und waren schnell gebannt von der Legende des gesichtslosen Mannes. In Polizeiverhören gaben sie später an, sie hätten versucht, seine Gunst zu gewinnen und außerdem seine Existenz zu belegen. Darum hätten sie ihre ebenfalls 12-jährige Schulkameradin in den Wald gelockt und sie während eines Versteck-Spiels mit 19 Messerstichen schwer verletzt. Das junge Opfer überlebte, da sie sich, nachdem die Mädchen sie zurückgelassen hatten, durch den Wald zum nächsten Pfad robbte, wo ein Fahrradfahrer das blutüberströmte Mädchen fand. Den beiden minderjährigen Täterinnen wurde Schuldunfähigkeit bescheinigt, weshalb sie ihre Haftstrafen heute in psychiatrischen Kliniken absitzen.

Das Motiv der Mädchen schwankt zwischen Verehrung und Furcht. Während sie laut Polizeidokumenten darauf gehofft hatten, dass der Slenderman sie nach dem Mord zu sich in seine Villa im Wald holen würde, wo sie dann unter seiner Obhut leben würden, gab der Anwalt einer der Mädchen bei einer Anhörung zu Papier, sie hätten Angst gehabt, die Gestalt würde ihre Familien umbringen, sollten sie nicht tun, was er von ihnen erwartet.

Auch in Deutschland gibt es Fälle von Suizid-Anstiftung

Erst 2016 ging ein Fall durch deutsche Medien, bei dem die damals 23-jährige Katharina über Skype die Anweisung zum Suizid bekommen hatte – von einem Unbekannten. Die junge Altenpflegerin hatte nach dem Tod ihres Vaters an Depressionen gelitten und in einem Selbsthilfeforum Kontakt zu dem älteren Mann geknüpft, der laut eigener Aussage Mitte 30 und Vater einer Tochter war. Über drei Wochen tauschten sich die beiden über Selbstmordgedanken und -fantasien aus. Bis Katharina schließlich, angestachelt von dem Mann, der sich bei Skype nur "isch Seifert" nannte, einen Ledergürtel griff und sich in ihrem Zimmer erhängte. 

Tatsächlich stellte die die Ermittlungen in diesem Fall recht schnell wieder ein. Die Begründung: Wenn Suizid nicht strafbar ist, ist es die Anleitung hierzu auch nicht. Mit einer so massiven Ausbreitung von Phänomenen wie Momo und Co., könnte es bald Zeit sein, diese gesetzliche Auslegung noch einmal zu überdenken.

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

jgs