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Bauchgefühl als Abwehrmechanismus: Pfefferspray sinnvoll? Die Polizei erklärt, wie wir uns am besten vor Übergriffen schützen

Überfallen werden – wenn die Angst, die viele Frauen in jeder dunklen Gasse mit sich tragen, wahr wird. Unsere Autorin weiß, wie sich das anfühlt und hat bei der Polizei nachgefragt, wie wir uns am besten schützen können. 

Gefahr: Für viele Menschen, besonders Frauen, ist der Weg nach Hause am Abend eine Tortur.

Für viele Menschen, besonders Frauen, ist der Weg nach Hause am Abend eine Tortur

Getty Images

Ich liege auf dem Boden vor meiner Haustür, schreie, kratze, trete um mich. Über mir steht ein Mann, der versucht, an meine Handtasche zu gelangen. Ich glaube, es sind etwa 20 Sekunden vergangen, seit er mich mit voller Wucht gegen die Tür geworfen hat. Es ist drei Uhr morgens und eigentlich wollte ich nur nach Hause. Als er irgendwann von mir ablässt und das Weite sucht, habe ich meine Habseligkeiten zwar noch bei mir, meinen unerschütterlichen Glauben an die Menschheit aber leider irgendwo auf dem Asphalt liegen gelassen. 

Die , die ein paar Stunden später immer noch in meiner Wohnung sitzt, versucht mir Mut zu machen. "Der kommt bestimmt nicht nochmal zu Ihnen", sagen die Beamten. Das mag sein, aber der Schock sitzt tief. In den nächsten Monaten werde ich schreckhaft – noch schreckhafter als vorher. Auch das Pfefferspray, das mir ein Kollege in die Handtasche steckt, hilft nicht wirklich weiter. Den Heimweg kann kann ich nur noch mit dem Taxi antreten. Wenn ich doch mal mit der Bahn fahren und die 200 Meter von der Station laufen muss, haben meine Freunde einen Telefon-Dienst eingerichtet. Einer von ihnen muss wach bleiben, damit mir auf dem Weg bis zur Tür jemand gut zureden kann. Ein paar Mal stehe ich knapp vor der Panikattacke, finde mich selber total albern und kann es doch nicht abschalten. Nach einem halben Jahr ziehe ich in einen anderen Bezirk. Ich konnte mich einfach nicht mehr sicher fühlen.

Pfefferspray - was Sie wissen sollten


Die Zahl der Überfälle geht zurück

Fakt ist: Die Anzahl der Überfälle mit weiblichen Opfern ist in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Während laut polizeilicher Kriminalstatistik Anfang der 2000er noch jedes Jahr mehr als 5000 Raubüberfälle mit weiblichen Opfern gemeldet wurden, waren es 2016 schon nur noch 4097. Und doch steigt unser Sicherheitsbedürfnis immer mehr. Warum?

NEON hat mit Martina Baumgart vom Hamburger Landeskriminalamt über Ängste, Schutzmechanismen und die Frage gesprochen, ob ein Pfefferspray überhaupt sinnvoll ist.  

NEON: Frau Baumgart, für mich kam dieser Übergriff vor meiner Haustüre völlig überraschend. Habe ich irgendetwas falsch gemacht?

Martina Baumgart: Ich finde die Aussage "Das ist richtig" oder "das ist falsch" immer ein bisschen schwierig, weil das dann aus so einer wertenden Position heraus kommt. Es gibt kein konkretes "richtig" oder "falsch", oder einen häufig gewünschten Masterplan, mit dem man immer und überall auf der Welt durchkommt. Viele Gefahrensituationen lassen sich im Vorfeld umgehen, indem man vorsichtig ist. Ich möchte gerne diese "Anspruchshaltung" rausnehmen, bei der man denkt: Wenn ich alles richtig mache, passiert mir nichts. Denn wenn Schuldvorwürfe gegen sich selbst entstehen, kann das schlimmer sein als der Vorfall an sich.

Ich habe mich gewehrt. Ist das überhaupt sinnvoll? 

Diese Frage ist allgemein schwierig zu beantworten. Wenn Sie sich gewehrt haben und der Täter von Ihnen abgelassen hat, ist das sehr gut. Grundsätzlich raten wir, sich selbstbewusst und konsequent zu verhalten, damit bereits im Vorfeld signalisiert wird: "Mit mir musst du rechnen!" Dies kann schon präventiv wirken. Die Frage, ob man sich wehren sollte oder nicht, hängt vom Einzelfall und vielen verschiedenen Faktoren ab, beispielsweise der jeweiligen Situation und auch der eigenen Tagesform. Grundsätzlich gilt: Sind Waffen im Spiel, steht die eigene körperliche Unversehrtheit über allem.

Wie ist das jetzt eigentlich mit dem Pfefferspray? Darf ich es bei mir tragen oder nicht?

Pfefferspray ist als Tierabwehrspray zugelassen und auf diesen Anwendungsbereich beschränkt. Ich weiß, dass viele Frauen sich wohler fühlen, wenn sie Reizgas in ihrer Tasche tragen. Reizgas, ohne als Tierabwehrspray gekennzeichnet zu sein, zählt aber als Waffe. Wir empfehlen, sich vor einem Kauf im Vorwege zu informieren. Mir scheint dieses "wohler fühlen" aber auch trügerisch, denn es stellt sich die Frage: Können Sie in der Notfallsituation überhaupt damit umgehen? Und hätten Sie es griffbereit oder finden es gleich? Wenn Sie hektisch werden, kann das den Täter stärken. Und außerdem: Wissen Sie immer gleich, aus welcher Richtung gerade der Wind weht? Wir wissen von Fällen, da haben sich die Angegriffenen mit dem Reizgas selbst außer Gefecht gesetzt. Und was passiert eigentlich, wenn der Täter Ihnen das Reizgas abnimmt und es gegen Sie einsetzt? Wir empfehlen daher, durch akustische Signale auf sich aufmerksam zu machen.

Aber darf ich Reizgasspray theoretisch gegen einen menschlichen Angreifer einsetzen?

Werden Sie angegriffen und sprühen dem Angreifer Haarspray oder ein Reizgas ins Gesicht, woraufhin er von Ihnen ablässt, dann haben Sie in Notwehr gehandelt. Nichtsdestotrotz haben Sie gegenüber dem Angreifer auch eine Körperverletzung begangen. Natürlich kann diese gerechtfertigt sein, es kann aber sein, dass diese Rechtfertigung in einem gegen Sie geführten Ermittlungsverfahren überprüft wird.

Pfefferspray

Pfefferspray darf in Deutschland nur zur Tierabwehr genutzt werden

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Sie haben akustische Signale erwähnt. Was empfiehlt die Polizei da konkret?

Wir empfehlen den Taschenalarm. Wenn man daneben steht und das Ding heult los, dann tut das in den Ohren weh – und zwar höllisch. Das Geräusch ist dazu geeignet, den Angreifer unter Druck zu setzen, vermutlich wird er dann schnell das Weite suchen. Auch wenn keine andere Person da ist, die Sie hört. Das Geräusch verursacht beim Angreifer ein heftiges Unbehagen. Stellen Sie sich den ungeschützten Aufenthalt neben einem Schlagbohrer vor. Und wenn der Angreifer mit Ihrer Handtasche wegrennt und das Ding heult los, dann hat er –je nach Modell- auch eine lärmende Handtasche in der Hand. Das fällt schon auf.

Unabhängig von Alarmen: Wie kann ich mich vor Übergriffen schützen? 

Man sollte auf das eigene Gefühl hören. Das kann man auf alle Delikte übertragen. Sei es Betrug oder der Umgang mit Menschen, die übergriffig werden. Wir sind von Natur aus mit einem Gefahrensystem ausgestattet. Ganz häufig kommt das Gefühl von "Das fühlt sich komisch an". Und weil wir so gerne in unserer Komfortzone bleiben, fangen wir dann an, uns zu besänftigen: "Wird schon nichts sein", "Das hat schon seine Richtigkeit". Die jeweiligen Begründungen sind bei jedem anders. Und trotzdem heißt es dann häufig übereinstimmend: "Ich hatte gleich so ein komisches Gefühl im Bauch". Dabei ist das Bauchgefühl etwas, das wir als unseren Top-Abwehrmechanismus nutzen können. Aus Präventionssicht versuchen wir, die Menschen zu ermutigen, mit ihrem Unbehagen offen umzugehen. Da kann man sich trainieren. Und sein Verhalten danach ausrichten.

Tipps gegen Angreifer


Haben Sie dafür ein Beispiel?

Fragen Sie sich mal grundsätzlich: Muss ich mich automatisch in der Situation weiterbewegen, in der ich mich unwohl fühle? Oder kann ich zum Beispiel die Straßenseite wechseln? Wenn mir Gestalten entgegenkommen und mein Bauch mir Signale sendet: Muss ich denen tapfer entgegen laufen oder kann ich einfach die Straßenseite wechseln? Gar nicht aus Angst, sondern weil ich mich dann schon einfach wohler fühle. Feige ist ein Wort, das es in diesem Zusammenhang nicht gibt.

Sonst noch ein Tipp?

Achten Sie einfach auf Ihre Umgebung und halten Sie die Augen offen. Wenn ich abends jogge und dazu die Kopfhörer einstöpsle, die Kapuze drüber ziehe und dann am besten noch einen Schal umgewickelt habe, dann kriege ich nicht mehr viel mit. Weder einen sich nähernden Radfahrer, noch ein Auto oder einen LKW oder was auch immer. Dieses Beschränken der Sinne ist ein Aspekt, den sich ganz viele nicht bewusst machen. Die Welt ist nicht so schrecklich gefährlich, dass man immer Angst haben muss, dass einer aus dem Busch springt. Es geht ja auch um das Hören einer Fahrradklingel, von Schritten oder Hilferufen eines anderen Menschen. Wir sind mit fünf Sinnen ausgestattet und in dem Moment, in dem wir einen wegnehmen, sind wir eben reduziert.

 

jgs
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