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Interview mit Nils Jockel: "Zu Nacktheit gehört Atmosphäre"

Nils Jockel, Macher der Ausstellung "Nackt - Die Ästhetik der Blöße", spricht im stern.de-Interview über gepiercte Schamlippen, Bill Clintons Sexual-Leben und den Blößenwahn unserer Zeit.

Vom 1. Februar bis zum 28. April 2002 zeigt das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg unter dem Titel "Nackt - Die Ästhetik der Blöße" 2500 Jahre Kulturgeschichte inszenierter Nacktheit. Ein Gespräch mit dem Ausstellungsmacher Nils Jockel.

Herr Jockel, können Sie kurz das Konzept der Ausstellung erläutern?

Nichts ist langweiliger als ein Nacktbild von gestern. Spannend wird es, wenn man ein Bild von vorgestern zeigt, das mit dem von heute große Ähnlichkeit hat. Man muss nur vergessen, dass es ein Bild von vorgestern ist. In dieser Ausstellung haben wir Darstellungen nackter Kunst von vorgestern, gestern und heute. Von der Antike über das 20. Jahrhundert bis zu jüngsten Beispielen der Gegenwart.

Wichtig ist, dass wir keine Chronologie aufstellen. Sonst entstünde sofort dieses Denken, dass wir fortschrittlicher und aufgeschlossener seien als vor 2000 Jahren - großer Irrtum. Unsere Gesellschaft, auch wenn sie sich Schamlippen pierct oder Bauchnabel freilegt, verhält sich im Einzelfall genauso klemmig wie es zu anderen Zeiten der Fall war. Im Ganzen ist sie in der Veröffentlichung von Nacktheit heute freier als jede andere Gesellschaft zuvor, aber nur was die veröffentlichte Nacktheit betrifft. Der Umgang mit Thema »hinter verschlossenen Türen« dürfte auch zu anderen Zeiten durchaus freizügig gewesen sein.

Aus diesen Gründen gliedern wir nach den Kontexten, in denen Nacktheit künstlerisch zur Wirkung kommt. Nur so funktioniert ja Nacktheit auch. Solche Kontexte sind keineswegs nur erotische, es gibt auch andere. Wir haben zehn verschiedene solcher Kontexte gefunden und hier ausgestellt.

Könnte man in Bezug auf die heutige Gesellschaft von Blößenwahn, von einem Terror der Nacktheit sprechen?

Ich habe dieses Wort des Blößenwahn für diese Ausstellung verwendet wegen der Art und Weise, wie wir mit Nacktheit im elektronischen Zeitalter umgehen, der Art und Weise wie wir mit Bill Clintons Privatleben öffentlich weltweit umgehen, weil man natürlich zuweilen denken kann, wir seien wahnsinnig geworden, weil wir das in Dimensionen tun, bei denen ich denke, dass wir dem psychisch gar nicht mehr hinterher kommen. Diese Form von Entblößung können wir gar nicht wirklich psychisch verarbeiten.

Dennoch denke ich ziemlich sicher sagen zu können, dass wir Menschen mit der Nacktheit uns immer Tabus erhalten werden. Keine Gemeinschaft hält aus, völlig entblößt zu leben, auch im übertragenen Sinne. Wir müssen immer wieder neu dafür sorgen, wenn wir beispielsweise den Bauchnabel freilegen, irgendwo anders wieder etwas zu verhüllen: In bloßer Blöße können wir halt nicht leben. Was mich beunruhigt ist die mediengerechte Fragmentierung des nackten Körpers und seine immer prefektere kommerzielle Verwertung.

Die Lewinsky-Affäre hat deutlich gemacht, wie stark die Sphären öffentlich / privat wechselseitig durchdrungen sind. Inwiefern hat das Auswirkungen auf unsere Vorstellungen von Nacktheit und Intimität?

Ich denke, letztlich wenig. Zu Nacktheit gehört Kontext, Zusammenhang, Atmosphäre. Die Fähigkeit und Bereitschaft, sich einen anderen Menschen ungefragt nackt vorzustellen ist heute in gleichem Maße vorhanden wie zu anderen Zeiten auch. Was den ganz persönlichen individuellen Umgang damit betrifft, wird es glaube ich gar nicht so eine große Verschiebung geben. Aber im öffentlichen Umgang. Das zeigt sich allein schon in der Tatsache, dass die Medien uns veranlassen, uns über Sexualpraktiken von Politikern oder Sportlern detailgenau Gedanken zu machen.

Es wird immer wieder ein starker Liberalisierungsschub in bezug auf Sexualität und Nacktheit mit dem Datum 1968 verbunden. Sehen Sie da auch einen Einfluss?

Die Jahreszahl 68 ist völlig überbewertet. Ich würde von der Zeit der 60er Jahre sprechen. Oder noch früher. Das hat irgendwo - wenn man so will - damit begonnen, dass Elvis Presley auf der Bühne offen geschwitzt hat. In dem Moment, wo Emotionen öffentlich zugelassen werden, wo jemand auf einer Bühne schwitzen und sexuelle Gesten zeigen darf. Das hängt mit der Jungendkultur zusammen. Als sich in den 60er Jahren zeigt, welche Bedeutung Nacktheit durch die Medien bekommt, setzt ganz eindeutig ein neues Moment ein.

Die 60er Jahre sind ähnlich wie die Jahrhundertwende eine ganz wichtige Etappe für den Versuch, mit Nacktheit neu und anders umzugehen. Beide Male wird ein paradiesischer Urzustand zurückgesehnt. In der Reformbewegung der Jahrhundertwende genauso wie in der Demokratiebewegung der 60er Jahre. Nach dem Motto: Wir ziehen uns alle nackt aus, demonstrieren damit unsere Gleichheit, unsere Freiheit, unseren Anspruch auf Selbstbestimmung.

Derzeit häufen sich Ausstellungen, die sich dem Thema Nacktheit, Sexualität, Körper widmen. Hat das Thema Konjunktur oder Ist diese Häufung Zufall?

Zufall, purer Zufall. Allerdings ist es kein Zufall, dass wir uns in den letzten fünf bis zehn Jahren zunehmend auf allen Ebenen mit dem Körper befasst haben. Irgendwann Mitte der 80er Jahre haben die Privatfernseher Sexfilme gesendet, dann kamen Sex-Magazine, dann haben wir den Bauchnabel als letzte tabuisierte Zone des Körpers entdeckt. Tattoos und Schönheitschirurgie sind ein medial immer wieder gern behandeltes Thema. Wir sind mit den Themen über 15 Jahre so drangsaliert worden, dass jetzt eine Reflexion dringend überfällig geworden ist.

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