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Gewalt gegen Frauen: Auf offener Straße: "Misch Dich nicht ein", ruft der Mann und schlägt die Frau

Als ein Mann vor ihrer Haustür eine Frau misshandelt, wird stern-Redakteurin Isa von Heyl Zeugin. Minuten im Chaos. Was soll sie tun? Wie kann sie helfen? Fragen, die sie nicht mehr loslassen. Antworten gibt Sozialarbeiterin Sevda Altintas aus dem Hamburger Frauenhaus.

Von Isa von Heyl

Zivilcourage: Wann man sich einmischen sollte – und wann lieber nicht

Zivilcourage vs. Selbstbestimmung: "Wenn die Frauen sagen, sie wollen zurück, können wir sie nicht zurückhalten. Das ist ihr Recht."

Getty Images

Gestern Abend hat ein Mann auf der Straße vor unserem Haus eine Frau geschlagen. Es ist kurz vor 23 Uhr, ich sitze im Garten und genieße meine Abendzigarette. Als es plötzlich einen lauten Schlag gibt, gefolgt von Geschrei und dem Weinen einer weiblichen Stimme.

Ich werfe die Zigarette ins Gras und renne nach draußen. Ohne nachzudenken. Auf der gegenüberliegenden Seite steht im Dunkeln ein Pärchen, daneben ein umgestürzter Koffer. Handgemenge, er haut ihr ins Gesicht, sie versucht, sich zu schützen. Sie gibt ihm mehrere Klapse auf den Arm. Heftige Argumente, die junge Frau weint, sie setzt sich auf die Stufen des Einrichtungsladens gegenüber unseres Zuhauses.

Das alles dauert keine zehn Sekunden.

"Warum mischt Du Dich ein?"

Ich bleibe auf meiner Straßenseite stehen. Und während ich zögere, rufe ich laut: "Alles in Ordnung?"

Ich rufe noch mal: "Alles in Ordnung?" und "Hey, zisch ab!"

Darauf die weinende Stimme des Mädchens: "Können Sie bitte ein Taxi rufen? Mein Akku ist leer!" Dass ich zittere, merke ich erst, als ich die Taxinummer wähle.

Mittlerweile kniet der Mann vor ihr, gießt aus einer Flasche Wasser in seine Hand und wischt ihr übers Gesicht. Sie weicht zurück. Er redet angestrengt auf sie ein. Ich verstehe kein Wort.

Ich rufe: "Komm doch rüber!" Wieder er: "Misch dich nicht ein!" Die einzige – dämliche – Antwort, die mir darauf einfällt, ist: "Ich wohne hier."

Ich rufe noch mal: "Komm doch rüber. Wir warten hier zusammen", und merke, wie die Hilflosigkeit mein Herz rasen lässt, mich irre macht. Das Mädchen bleibt sitzen. Nach endlosen zwei Minuten kommt das Taxi, es hält auf meiner Straßenseite. Sie steht auf, der Typ nimmt den großen Koffer und beide kommen rüber.

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Jetzt kann ich sie erkennen. Sie: so Mitte 20. Jeansjacke, langer schwarzer Rock. Er: mollig, gebügeltes Hemd. Absolut unpassend fällt mir das Wort "knuffig" ein. Wären da nicht seine Augen, pure Aggressivität. Er macht den Kofferraum auf und verstaut das Gepäck. "Bist du arbeitslos oder was? Warum mischst du dich ein?", zischt er mir zu und baut sich vor mir auf. Ich weiche zurück und ärgere mich im gleichen Moment darüber. Ich habe Angst.

Das Mädchen macht die Hintertür des Taxis auf: "Bitte lass die Frau in Ruhe", sagt sie zu ihm. Sie blickt mir kurz in die Augen und setzt sich rein. "Es ist alles in Ordnung, wirklich." Meinem Blick hält sie nicht stand. Das letzte, das ich zu ihm sage, ist: "Benimm dich!" Dann steigt auch er ein.

Der Taxifahrer hat derweil das Beifahrerfenster runtergefahren und fragt mich fröhlich, ob ich das Auto bestellt habe. Ich sage ja. Und stutze kurz über diese surreale Situation. Der Typ ist mit ihr ins Taxi gestiegen!

Sie düsen ab.

Bitte?

Zivilcourage vs. Selbstbestimmung

Im Haus, im Bett, am Frühstückstisch – die Situation lässt mich nicht los. Ich mache mir Vorwürfe. Ich hätte hingehen müssen. Ich hätte die Polizei rufen sollen. Ich hätte dem Taxifahrer sagen sollen, dass er auf sie aufpassen muss.

Ich rufe den Frauennotdienst an. Am Telefon ist Sevda Altintas. Sie ist Sozialarbeiterin in einem Frauenhaus in Hamburg. Ich bin so froh, mit ihr zu sprechen. "Diese Situationen sind unglaublich schwierig", sagt sie. "Niemand weiß, in welcher emotionalen Beziehung die Frau zu dem Täter steht." Vielleicht seien sie schon lange ein Paar, vielleicht seien Kinder im Spiel. Vielleicht sei diese häusliche Gewalt Routine, Alltag, "und sie kann da nicht raus. Vielleicht weiß sie nicht, dass es Frauenhäuser gibt." 

HÄUSLICHE Gewalt. Welch ein Wort. "Häuslich" – das suggeriert Heimeligkeit, Gemütlichkeit. Kinder, Küche, Herd. Das Wort hat so gar nichts damit zu tun, was es ist: ein Verbrechen.

Was hätte ich tun sollen? "Sprechen Sie die Frau an, fragen Sie sie, ob sie Hilfe rufen sollen, ob sie die Polizei braucht. Binden Sie, wenn irgend möglich, dritte Personen mit ein." 

Ich hätte die Polizei rufen sollen? Da ist Altintas klar: "Ja! Rufen Sie immer die Polizei, wenn Sie sich bedroht fühlen. Denken Sie an sich, schützen Sie sich." Und sie schiebt nach: "Aber manche Frauen wollen das nicht."

Das ist die emotionale Gratwanderung der Betroffenen und Mitarbeiterinnen im Frauenhaus: "Sie kommen in die Notaufnahme und sind dann ein paar Tage hier. Wir versuchen, ihnen Strategien aufzuzeigen, wie sie die Gewalt hinter sich lassen können. Wir versuchen, ihnen zu helfen. Aber wenn die Frauen sagen, sie wollen zurück, können wir sie nicht zurückhalten. Das ist ihr Recht auf Selbstbestimmung."

Das Recht auf Selbstbestimmung. Diese Entscheidung müsse respektiert werden, sagt Sevda Altintas. Auch wenn es unbefriedigend sei, so aus der Situation herauszugehen.

Und weiter kreisen die Gedanken: Hätte. Hätte. Hätte.

Brauchen Sie Hilfe? Dann melden Sie sich beim bundesweiten Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" unter der Telefonnummer 08000 116 016. Die Mitarbeiter beraten auch Fachkräfte und Menschen, die in ihrem Umfeld mit Betroffenen zu tun haben und nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen.

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