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Liebe, Sex und Missverständnisse: #MeToo-Debatte: Wir sollten uns nicht auf die Twitter-Taliban und Feminazis einlassen

In der #MeToo-Debatte werden schärfere Regeln für den Umgang zwischen Männern und Frauen gefordert. Brauchen wir diese? Nein, meint stern-Autor Malte Herwig.

Nach MeToo-Debatte: "Wir brauchen keinen Tugendterror"

MeToo-Posts suggerieren, dass hinter der nächsten Ecke ein Sextäter lauert

Das alles, dachte ich, hätten wir längst hinter uns. Ich gehöre zu einer Generation von Männern, die im Studium Bücher wie Judith Butlers "Das Unbehagen der Geschlechter" gelesen haben und sich neue, gewagte Gedanken über die Rollenverteilung von Mann und Frau machen durften. Die Frauen als Kolleginnen schätzen und gern mit ihnen arbeiten. Die nie auf den Gedanken kommen würden, eine "Hausfrau" heiraten zu wollen. Im Gegensatz zu den Stehpinklern, Gelegenheitsgrapschern und Zotenreißern früherer Generationen zähle ich mich ganz klar zur Fraktion #IchNicht.

Angesichts der vielen Berichte über sexuelle Belästigung bis hin zu Vergewaltigung frage ich mich als Mann erst einmal betroffen, was eigentlich alles schiefgelaufen sein muss. Können wir Männer wirklich nichts bemerkt haben, wenn 74 Prozent aller Frauen angeben, schon einmal sexuell belästigt worden zu sein? Schließlich hätten damit drei von vier Frauen aus dem eigenen Bekanntenkreis solche Erfahrungen machen müssen.

Ja heißt Ja statt Nein heißt Nein

In einem Aufsatz für die "Zeitschrift für Rechtspolitik" beschrieben die Wissenschaftlerinnen Lara Herning und Johannah Illgner Deutschland 2016 sogar als eine "Vergewaltigungskultur" und forderten dagegen eine Kultur der sexuellen Selbstbestimmung, in der jede sexuelle Interaktion nur einvernehmlich erfolgen dürfe: Ja heißt Ja statt Nein heißt Nein.

In Schweden ist genau so ein Gesetz schon in Vorbereitung, das Sex ohne ausdrückliche Zustimmung beider Partner als strafbare Handlung einstuft. Facebook und Google haben neue Richtlinien, nach denen man einen Kollegen oder eine Kollegin nur einmal fragen darf, ob er oder sie mit einem ausgehen will. Wenn die Antwort "Nein" lautet, ist kein zweiter Versuch erlaubt. Ausweichende Antworten wie "Ich habe zu tun" oder "An dem Abend kann ich nicht" gelten als "Nein", erklärt Facebooks oberste Arbeitsrechtlerin Heidi Swartz unmissverständlich.

Klingt nach einem tollen Erfolg für die Frauenbewegung, oder? Natürlich ist es nur zu begrüßen, wenn Firmen Grapscher und Vergewaltiger feuern. Die hat es leider schon immer gegeben, und ihre Ächtung ist kein Privileg unserer Zeit oder Zivilisation. Dem Ethnologen Hans Peter Duerr zufolge haben auch Urvölker wie die Dusun auf Borneo klare Regeln gegen sexuelle Übergriffe: Berührt ein Dusun-Mann auch nur versehentlich die Hand oder den Arm einer Frau, muss er ein oder zwei Hühner zahlen. Für das Betatschen der Brüste sogar 50 Dollar. So sehr unterscheidet sich das nicht von den strikten Regelkatalogen für gegenseitiges Miteinander, die amerikanische Hochschulen heute haben.

Zur Verwerflichkeit von Vergewaltigung, Machtmissbrauch und körperlichen Übergriffen ist alles gesagt worden, von Frauen und auch von Männern. Aber inzwischen reicht die Bandbreite der Anklagen von Vergewaltigung über unerwünschte Blicke bis zur lapidaren Feststellung einer Me-Too-Userin, dass ein Mann einfach durch sie "hindurchgesehen" habe.

"Ich mach das nicht mehr", sagte ein Freund neulich beim Mittagessen, "ich halte keiner Frau mehr die Tür auf oder trag ihr den Koffer." In seiner Stimme lag eine Mischung aus Trotz und Verzweiflung, während er von rüden Abfuhren und Bemerkungen berichtete, mit denen sein galant gemeintes Verhalten von betroffenen Frauen quittiert wurde.

Na gut, dachte ich mir, ein Kofferträger weniger wird die Frauenbewegung nicht aufhalten. Neueste archäologische Forschungen sollen sogar belegen, dass sich bereits Steinzeitfrauen nicht mit dem häuslichen Höhlenleben und der Aufzucht der Brut begnügten, sondern gemeinsam mit den Männern auf die Jagd gingen. Prähistorikern zufolge hatte das angeblich "schwache Geschlecht" damals um 30 Prozent stärkere Oberarme als heute lebende Geschlechtsgenossinnen und war dem Mann damit körperlich ebenbürtig. Steinzeit-Genderforscherinnen gelten entsprechende Knochenfunde als Belege dafür, dass die Rollentrennung von männlichen Jägern und weiblichen Sammlern nur ein "Steinzeitklischee" sei, das wir aus heutiger Sicht auf unsere Urahnen projizieren, um die angebliche Überlegenheit des männlichen Geschlechts evolutionsbiologisch zu untermauern. Auch 10.000 Jahre später spricht nichts dagegen, dass Frauen Koffer selbst tragen und dabei auf gönnerhafte Hilfsangebote verzichten können.

MeToo-Posts suggerieren, dass hinter der nächsten Ecke ein Sextäter lauert

Aber die männliche Verunsicherung geht ja viel tiefer. Wenn Frauen heute auf die Jagd gehen, dann nicht mit Keulen, sondern mit Hashtags wie #MeToo, die millionenfach geteilt werden – mit Konsequenzen: Minister müssen ihren Rücktritt einreichen, weil sie 15 Jahre zuvor einer Frau die Hand aufs Knie legten. Der New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio bekam einen Shitstorm ab, weil er auf einer Veranstaltung männliche Teilnehmer per Hand, Frauen aber mit einem Wangenbussi begrüßt hatte. Bilder werden in den Museen abgehängt, weil die dargestellte weibliche Nacktheit als perverse Wunschbefriedigung geiler, alter Männer gilt. Ein harmloses Gedicht über Blumen, Frauen und Alleen soll an einem öffentlichen Gebäude übermalt werden, weil es Frauen angeblich zu Objekten männlicher Schaulust degradiert. Liebe Frauen, wenn euch solches Zeug schon zu hart ist, könnt ihr gleich die Mimose zum Symbol der neuen Frauenbewegung machen, #Mimimi.

Wir leben in verrückten Zeiten: Im Laufe der vergangenen 50 Jahre ist unsere Gesellschaft immer freizügiger geworden, und das Internet bietet Pornografie in allen Spielarten. Aber gleichzeitig macht sich ein neuer Puritanismus breit. Diesmal im Namen des Feminismus, der den scheinbar zugeschütteten Graben zwischen den Geschlechtern wieder aushebt. Die sexuelle Gegenrevolution ist auf dem Vormarsch, und sie ist voller Widersprüche. Anstelle von strengen Religionswächtern kümmert sich die Hashtag-Sittenpolizei um eine ausreichende Distanz der Geschlechter. Während Frauen im Iran dafür demonstrieren, ohne Kopftuch auf die Straße gehen zu dürfen, wurde in London vergangenes Jahr die erste Modenschau mit "Zurückhaltender Mode" gezeigt. Hierzulande sehen Frauen sich auf einmal wieder genötigt, verhüllende Kleidung zu tragen, um keine begehrlichen männlichen Blicke auf sich zu ziehen. Schließlich, so suggerieren Abertausende von MeToo-Posts, könnte schon hinter der nächsten Ecke ein Sextäter lauern.

Aber müssen wir deswegen alle Männer gleich unter Generalverdacht stellen und alle Frauen in Schutzhaft vor ihnen nehmen? Und ist es nicht gerade ein Zeichen patriarchalischer Herablassung, wenn Männer glauben, dass Frauen beschützt werden müssen? Ich kenne genug selbstbewusste Frauen, die eine plumpe Anmache so parieren, dass der "Täter" garantiert keinen zweiten Anlauf starten wird.

Die amerikanische Journalistin Nell Minow hat kürzlich beschrieben, wie sie den amerikanischen Schauspieler David Schwimmer ("Friends") vor ein paar Jahren für ein Interview traf. Als es im Hotelrestaurant zu laut wurde, habe Schwimmer sie gefragt, ob sie das Gespräch lieber in einem Hotelzimmer fortführen wolle. Eine klassische Harvey-Weinstein-Komm-inmeine-Suite-und-ich-zeige-mich-im-Bademantel-Situation? Nein, denn Schwimmer fragte die Journalistin im gleichen Atemzug, ob sie dann lieber eine Begleitung mit aufs Zimmer bringen wolle.

Nun muss man sagen, dass Schwimmer nach allem, was wir wissen, ein guter Typ ist. Er hat eine Reihe von erzieherischen Kurzfilmen gedreht, die Männern den schmalen Grat zwischen freundlicher Zuwendung und sexueller Belästigung beibringen sollen. Und ja, auch mir als Mann dreht sich der Magen um bei Szenen, in denen der Chef nach Dienstschluss seine Mitarbeiterin an den Ohrringen betatscht und besäuselt. Aber wenn Frauen sich nur noch in Begleitung mit Männern treffen können, ist das ein Rückfall in längst überwunden geglaubte Sitten. Man denkt an Kopftuchschwestern, die nicht ohne den Bruder aus dem Haus dürfen, aber auch an Deutschland vor 100 Jahren, als sich keine Frau aus gutem Haus ohne "Anstandsdame" mit Männern treffen durfte.

"Gute Haltung stets Frauen gegenüber."

Inzwischen sieht es so aus, als ob die ganze Sache richtig nach hinten losgehen könnte. Der "Miami Herald" berichtete kürzlich, dass sich viele männliche Politiker nicht mehr allein mit weiblichen Lobbyisten oder Journalistinnen treffen würden – aus Angst, dass ihnen hinterher irgendein Fehlverhalten vorgehalten werden könnte.

Liebe Männer: Das geht so nicht. Liebe Frauen: Wir sitzen in einem Boot. Ich bin für null Toleranz gegenüber Machtmissbrauch und sexuellen Übergriffen. Aber wir sollten uns nicht auf die Twitter-Taliban und Feminazis einlassen, die jetzt einen noch schärferen Regelkatalog für den Umgang der Geschlechter einfordern und damit am Ende den Graben zwischen uns wieder vertiefen. Wir wollen keinen Tugendterror, sondern Freiheit auf Augenhöhe, auch wenn wir euch mal die Tür aufhalten.

Denn nicht alles war schlimmer, so wie es früher war. Meine Großmutter schrieb meinem Vater um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts 13 Regeln für den Umgang miteinander auf. Die meisten davon wirken heute ziemlich veraltet, aber Regel Nummer fünf halte ich nach wie vor für einen guten Handlungsmaßstab, weil er auch Ausdruck von Respekt ist: "Gute Haltung stets Frauen gegenüber."

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