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Jahrelange Misshandlungen: Tom war drei, als er dem Missbrauch entkam. Nun ist er 23, doch das Trauma wirkt bis heute nach

Als Kleinkind wurde Tom schwer misshandelt und missbraucht. Vor elf Jahren besuchte der stern ihn bei seiner Pflegefamilie und traf auf einen tief traumatisierten Jungen. Nun ist Tom 23. Wie geht es ihm heute?

Von Jan Rübel

Als er Missbrauch und Gewalt entkam war Tom drei. Nun ist er 23

Seit zweieinhalb Jahren lebt Tom in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen im Sauerland. Einen Schulabschluss hat er nie geschafft; auch das ist eine Folge des Missbrauchs. (Symbolbild)

Auf einer einsamen und engen Serpentine, irgendwo im hügeligen Sauerland, bremst ein junger Mann seinen Motorroller vor einem schwarzen Loch. Es tut sich in der Spätnachmittagssonne auf, unendlich mächtig, doch außer ihm sieht dieses Ding kein Mensch. Toms* Haut prickelt. Gleich ist es so weit, dann langt ein Schlund heran, frisst sein Wissen, alle Sicherheit und dann ihn selbst. Er rudert mit den Armen und öffnet langsam den Mund zu einem: "Tja."

Einfach formuliert, hat er den Weg vergessen. Zu einem Imbiss wollte er, ist die Strecke aber bisher nur zwei-, dreimal gefahren, das reicht nicht fürs Erinnern. Tom, 23, lernt nur übers Langzeitgedächtnis, er muss sich alles immer wieder einprägen, bis es sitzt. Kompliziert formuliert, ist er laut Behördendeutsch "seelisch behindert". Das soll heißen, jemand kniff ihn mal arg an einem inneren Ort, der so schwer zu fassen ist wie dieses schwarze Loch. Tom kämpft mit dem, was früher einmal geschah, bis jetzt. Weil er nun nicht weiterweiß, geht die Welt für einen Moment unter. Er hasst diese Paniken.

Sexueller Missbrauch

Okay. War nicht so geplant. Also Neustart. Er setzt ein Lächeln auf, das macht er oft. Es soll zufrieden wirken. Er schaut nach oben. Nach hinten. "Fahren wir erst mal geradeaus."

Die Odyssee endet vor einem weißen Reihenbau, niedrig und schmal. Der Imbiss blieb unauffindbar, unerreichbar. Tom steigt ab und stapft einen dunklen Gang hinein, hinter der zweiten Tür rechts beginnt sein Reich in Schwarz-Gelb. Hier regiert die Borussia: Bettwäsche, Spielerposter und Fahne in den Vereinsfarben des Dortmunder Fußballklubs.

Der stern besuchte Tom erstmals vor rund elf Jahren, bei seinen Pflegeeltern. Damals war er elf und sein Zimmer voller Plüsch. 15 Kuscheltiere, sechs Tierbabyposter und stets eine Nuckelflasche auf dem Nachttisch, die musste sein. Heute steht neben seinem Bett in der Wohngruppe 2, Wohnhaus "Teresa", immer eine Flasche Cola. Die verträgt der kaputte Darm.

Tom war dreieinhalb, als ihn das Jugendamt aus seiner "Herkunftsfamilie" holte und in die Obhut der Pflegefamilie gab. Bevor die Polizei ihn damals befreite, aß Tom vor Hunger die Tapete von der Wand. Sein linkes Ohr war taub von den Schlägen, sein Unterleib vom sexuellen Missbrauch verletzt. Er konnte gerade drei Schritte gehen, kannte keine 30 Wörter und spürte keine Schmerzen mehr. Das Nervensystem hatte auf Notbetrieb umgeschaltet. "In der Akte des Jugendamts stand nur, dass er vernachlässigt worden war", erinnerte sich damals Anke Müller*, Toms Pflegemutter.

Etwa 20 Jahre ist es nun her, dass Tom dem Horror seiner ersten Lebensjahre entkam. Wie geht es nach so langer Zeit einem Menschen, dessen Leben so begann? Tom hat sich auf die Bettkante gesetzt und die Playstation gestartet, da kommen Timo* und Tobi* zu Besuch. Im Nu reden die drei Gleichaltrigen durcheinander, bis Tom kurz zuckt und sich ans Ohr fasst: "Ich hab bei Clash Royale ein neues Level erreicht." – "Bei Fifa hast du die Spieler manipuliert, meine sind ganz langsam." – "Heut Abend gibt's Pommes."

Timo erlitt als Baby ein Schädel-Hirn-Trauma, weil der Vater ihn zu stark schüttelte, Tobi verdurstete als Säugling beinahe neben der depressiven Mutter. Jetzt läuft er wie in einer Zelle auf und ab, gestikuliert mit den Armen, als stritte er wortlos mit einem Geist. Tom erhebt sich. Lächelt und brummt, nähert sich ihm, nuschelt "lass mal jetzt" – und Tobi hält inne. Schüttelt kurz den Kopf und zieht sein Handy, vergräbt den Blick darin. Tom kann mit den beiden. Er tickt wie sie. Wenn die Betreuer mit Timo und Tobi nicht klarkommen, weil sie bocken oder Aufgeregtheit sie packt, rufen sie Tom. Auch zu den zwei Mädels in der anderen Wohngruppe, die zoffen sich oft. Crashkids wie er.

Er ist gutmütig und scheu. Neues ist ihm suspekt

Die Geschichte von Toms Herkunft gleicht vielen anderen Geschichten in Deutschland. Seine Mutter eine Frau, die selbst nie ein richtiges Zuhause kannte. Die trank und deren Mutter auch trank. Einen Vater hatte Tom nicht. Man weiß nicht, welcher der zahlreichen Liebhaber der Mutter sich an ihm vergriff – erst Jahre später wurde der sexuelle Missbrauch an Tom bewiesen. Natürlich war er nach der Herausnahme aus der Ursprungsfamilie untersucht worden, doch zu oberflächlich. Die Taubheit wurde nicht entdeckt, und erst als der Kleine nach einigen Monaten sagte: "Nichts in den Po stecken", wuchs der schreckliche Verdacht.

Tom bekam mit den Müllers eine neue Familie. Sie konnten keine Kinder bekommen und hatten sich für die "Pflege" entschieden, das ging schnell. Bald merkten sie, dass etwas nicht stimmte. Ständig sickerte Stuhl aus Toms Po, bis zu 15 Windeln mussten sie ihm am Tag umlegen. Sein einziger Satz war: "Nach Dortmund essen gehn." Später erfuhren sie, dass ihn früher eine Tante hin und wieder zu McDonald's mitgenommen hatte. Und sie bekamen weitere Hinweise auf Missbrauch, als Tom die Tapete seines Zimmers mit Genitalien bemalte. Da trugen sie den Jungen, fütterten, streichelten und küssten ihn, und er lernte laufen und sprechen.

Die Verletzungen zogen eine Hirn- und Entwicklungsstörung nach sich, genauer wusste man es nicht; mit der Schule, die geschlossene Räume verlangt, Konzentration und Erinnerung, vertrug sich das schlecht. Am Schulabschluss scheiterte Tom. Alles mit Menschen ist so eine Sache. Früher verfing er sich in einem Dickicht aus zweifelndem Argwohn und blindem Vertrauen, war stets auf der Hut und warf sich im nächsten Moment wildfremden Menschen an den Hals. Heute ist all das abgemildert, aber noch immer ist er gutmütig und scheu zugleich. Neues ist ihm suspekt. Ein neues Fußballspiel auf Timos Tablet? "Nix für mich", bescheidet er.

Die zwei anderen vertiefen sich darin, für Tom sind sie jetzt weit weg, dabei sitzen alle auf demselben Bett. Was denkt Tom über sich, über seine Wunden? "Mir geht's doch gut, alles in bester Ordnung." Und über seine Mutter von damals? "Ach, weiß gar nicht, wie die aussieht, interessiert mich auch nicht, will sie gar nicht sehen."

Schwarze Löcher

Ihm halfen die Liebe der Müllers und eine Psychotherapie, die schon vor der Pubertät begann. Mit ihr fand er Worte dafür, was ihm widerfahren war. "Früher hatte ich Hass, das musste raus. Aber dann brachte es nichts. Hab ich weggepackt." Vor ein paar Jahren nahm er den Familiennamen der Müllers an, "dann war für mich Schluss mit früher". Zog vor zweieinhalb Jahren hier ein, in das Wohnheim für Menschen mit Behinderungen, 30 Kilometer von den Müllers entfernt. Er stockt. Vielleicht würde er seine Mutter doch mal treffen wollen. "Aber nur um zu fragen, ob ich noch mehr Geschwister hab."

Es dunkelt langsam. Die drei schenken sich Cola ein. Tom trinkt abends auch gern mal einen Energydrink, der macht ihn müde. Er braucht viel Schlaf, denn die Welt der anderen folgt für ihn einem anstrengenden Takt.

Nach zehn Stunden Bettruhe hat er wieder aufgetankt. "Raus jetzt, muss noch duschen!"

"Nimm aber nicht wieder das Handy mit, Dussel!"

Das war ihm neulich passiert, er weiß nicht, warum er unter der Dusche telefonierte. Manchmal duscht er über eine Stunde lang, er braucht das.

Morgen, sagt er, wird er nach den Sauen schauen, "zwei haben geworfen". Tom arbeitet in der Landwirtschaft in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen, an der frischen Luft, ohne Enge oder viel Reiz, "das mag ich sehr". Er braucht keine beruhigenden Psychopharmaka. Nur die schwarzen Löcher, die wird er nicht los.

Nie wurde seinem Leid diagnostisch richtig auf den Grund gegangen. Dabei hat das, was Tom am Beginn seines Lebens widerfahren ist, tiefe, bis heute messbare chemische Spuren hinterlassen, seinen Hormonhaushalt verändert und sogar seine Gene beeinflusst.

Toms Körper bleibt auf Gefahr programmiert

Dem auf der Spur ist ein Mann mit dichten Augenbrauen in einem Labor, keine Autostunde von Toms Wohnheim entfernt. Einem Tiefkühlschrank entnimmt er einen fingerhutgroßen Wattebausch und steckt ihn in ein Gerät, das aussieht wie ein Drucker. Die Zentrifuge ruckelt, bis sie eine extrahierte Flüssigkeit preisgibt – Toms Speichel.

Robert Kumsta, 40, Professor für Genetische Psychologie an der Ruhr-Universität Bochum, hat von Tom gehört. Er hat eine Idee. Der Speichel wird in eine Plastikplatte mit 96 Näpfchen geträufelt, darin sind Antikörper. Sofort färben sie sich dunkelgelb. Kumsta nickt.

Die Proteine reagieren auf das Hormon Cortisol: je heller gelb, desto mehr davon vorhanden. Toms Speichelprobe wurde frühmorgens gleich nach dem Aufwachen entnommen – und weist weit weniger Cortisol auf als im statistischen Durchschnitt bei Menschen zu dieser Uhrzeit. "Cortisol ist ein Stresshormon, es mobilisiert Energieressourcen, erhöht die Reaktionsfähigkeit und hilft, den Überblick zu bewahren", sagt Kumsta. Es wird auch morgens ausgeschüttet, um den Körper für den Tag zu wappnen. Aber warum hat Tom vom Cortisol weniger als andere?

Beim Kleinkind Tom sorgte die Gefahrenlage dafür, dass es Cortisol im Dauerstress produzierte. Jenes Gen, NR3C1, das die Regulation der Cortisolausschüttung steuert, wurde in seiner Aktivität gehemmt. Und Tom ist physiologisch bis heute programmiert, das Leben als bedrohlich zu empfinden: Weil das Stresshormon im Dauerfeuer durch den Körper floss, hat es im Hirn den Hippocampus verkleinert, die Schaltstelle unserer Gefühle und Erinnerungen. Und die Amygdala hat sich vergrößert – sie hat die Aufgabe, Bedrohungen aufzuspüren, und verbindet nun vieles mit Angst. Die Folge: Betroffene sind furchtsamer und erregbarer, und sie schätzen Gefahren schlechter ab. Alles wird suspekt.

Schließlich hat sich Toms Körper dagegen gewehrt. Da er eigentlich immer zu viel Cortisol ausschütten müsste, hat er die Produktion insgesamt heruntergefahren – deshalb morgens der geringere Cortisolgehalt. Und daher kommt Tom nur schwer aus dem Bett.

Epigenetik

Kumstas Forschungsfeld heißt Epigenetik. "Epi" kommt vom altgriechischen "oberhalb" und beschreibt, wie Erlebnisse zwar nicht die DNA-Sequenz eines Menschen verändern, aber etwas "oberhalb" der Gene. Methylierungen, chemische Veränderungen, beeinflussen die Aktivität von Genen. Bei manchen wird die Aktivität stark vermindert, wie bei NR3C1, das den Bauplan jener Eiweiße enthält, die für die Kontrolle der Cortisolausschüttung zuständig sind.

Das Forschungsfeld ist jung. Noch stehen Neurologen, Molekularbiologen, Psychiater und Psychologen am Anfang. "Die Epigenetik leitet einen Paradigmenwechsel ein. Sie bringt zusammen, was bisher getrennt voneinander gedacht worden ist", sagt Kumsta.

Selbst Generationen hängen miteinander zusammen. Erste Studien kamen in den Nullerjahren auf: Eltern geben ihre Erlebnisse über molekularbiologische Prozesse an ihre Kinder weiter. An der Uni Zürich etwa setzten Forscher Mäuse Stress aus – und entdeckten veränderte RNA-Schnipsel. Diese pflanzten die Wissenschaftler "unbelasteten" Mäusen ein. Sie zeigten daraufhin die gleichen Stresssymptome wie die geplagten.

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Oder der Hungerwinter 1944/45 in den Niederlanden: Die deutsche Wehrmacht hielt das Land besetzt und blockierte Nahrungslieferungen. Tausende verhungerten. Frauen, die in diesem letzten Kriegswinter schwanger waren, brachten untergewichtige Kinder zur Welt. Der Effekt ist epigenetischer Natur. Die Kinder blieben kleiner und benötigten so weniger Energie. Sie waren darauf gepolt, die Nährstoffe optimal umzusetzen. Später, als die Not längst vorüber war, litten sie als Erwachsene vermehrt an Übergewicht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen; das epigenetische Korrektiv hatte keinen Sinn mehr und führte zu Störungen, und diese gesundheitlichen Risiken wurden wohl gar an die Kindeskinder vererbt – Adipositas bei Enkeln 2019 wegen Nazis 1944.

Im Labor streift Kumsta die Einweghandschuhe ab und wäscht sich die Hände. "Ich glaube nicht, dass es irgendwann ein Medikament gibt, das Gene einfach wieder einschaltet." Höchstens könnten Arzneien aus der epigenetischen Forschung einmal heilende Prozesse unterstützen. "Entscheidend wird bleiben, dass bei Traumatisierten früh interveniert wird und man ihnen ein stabiles Umfeld baut." Der Professor selbst sucht weiter in den Genen nach schützenden Faktoren, nach einer Resilienz in der DNA. Am Ende aber bleibt Kumsta, wenn er die Reagenzgläser hinter sich lässt und die Treppe hoch zu seinem weiß gestrichenen Büro erklimmt, was er ist: ein Psychologe.

"Probleme schweißen nicht zusammen."

Mit den Müllers hatte Tom großes Glück. Schnell drehte sich alles um ihn. Klaus Müller* gab seinen Job als Seefahrtlehrer auf, navigierte nun sein Pflegekind, Anke Müller arbeitete Vollzeit in einer Behörde. Bis heute zahlen beide für ihr Engagement einen hohen Preis.

"Raunz mich nicht so an!" Gerade noch haben Müllers im Auto nur einen Parkplatz gesucht, über den hübsch sanierten Markt geplauscht, und nun brennt die Luft. Man war sich uneins übers Abbiegen. "Immer weißt du es besser", rutscht es Anke Müller heraus, ihr Mann umkrallt das Steuer und schaut stumm nach vorn wie auf eine stürmische See. Anke Müllers Blick folgt nach. Sie ist meist besonnen, der Ton mit ihrem Mann dann auch. Aber der Puls ist grad zu hoch, Tom kam heute in der Früh nicht hoch, es ist spät, dabei ist heute ein wichtiger Tag.

Später werden sie sagen, dass sie mit ihrer Beziehung kaum zur Ruhe kommen. Seit zweieinhalb Jahren ist Tom nun ausgezogen, "aber die finanziellen, organisatorischen und psychischen Belastungen sind geblieben". Die Freunde, die sich wegen des "schwierigen Kindes" irgendwann nicht mehr gemeldet hatten, blieben weg. Mit der Stille wich die Spannung nicht. "Für mich ist es optimal gelaufen", wird Klaus Müller, 61, zusammenfassen, "ich habe einen Panzer gebildet und alles weggeschoben, um Tom zu schützen." Und Anke Müller, 60: "Ich habe mich weggebeamt. Und manchmal wurde ich von seinem Panzer angefahren." Beide: "Wir führen bis heute einen Überforderungshaushalt."

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Anke Müller erlitt vor ein paar Jahren einen Burn-out. Dass Tom sich täglich fragte, ob die Pflegeeltern ihm auch Böses tun, und er deshalb bockte und provozierte, versuchte sie nicht persönlich zu nehmen. Doch irgendwann gelang es ihr nicht mehr. "Bei meinem Mann dagegen dreht sich alles nur um Tom, der kann nicht ohne Stress."

Dachte sie über eine Trennung nach? "Ich hätte ein schlechtes Gewissen gehabt, die Probleme wären ja geblieben." So viel habe man gemeinsam durchgemacht. Die Liebe war nie weg. Nur versteckte sie sich unter dem Berg des Alltags. "Eines kann ich sagen: Probleme schweißen nicht zusammen."

Endlich ist ein Parkplatz gefunden. Die drei Müllers eilen die Pflasterstraße hoch zu einer gotischen Kirche, gleich beginnt die Fronleichnamsprozession, mit Tom als Träger des Jungkolpingbanners. Der orangefarbene Buchstabe K auf schwarzem Stoffgrund, das Zeichen eines katholischen Sozialverbands, wirkt schwer und erdverbunden in diesem zum Himmel fliehenden Bau. Freunde hatte Tom nie. Es blieben wenige Freizeitmöglichkeiten mit Gleichaltrigen – etwa in der Kirche.

Posttraumatische Belastungsstörung

Klaus Müller stellt sich hinter die letzte Sitzbank, da zieht eine Kinderhand an seinem Arm. Ben* sieht aus wie acht, dabei ist er 13. Die ersten fünf Jahre seines Lebens verbrachte er ohne Liebe, kämpft nun in einer Pflegefamilie mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), die kennt man von Soldaten im Krieg. Während die Orgel dröhnt, flippt Ben auf der Bank herum, hält nicht still. Klaus Müller hilft den Pflegeeltern, begleitet Ben dreimal in der Woche zur Schule, und wenn der Junge es dort nicht mehr aushält, gehen die beiden in den Wald, da beruhigt er sich ganz schnell. Tom steht vorn, neben dem Altar. Nun setzt sich der Zug in Bewegung. Feierlich, den Blick geradeaus, schreitet Tom das Langschiff der Kirche entlang. Als er die beiden passiert, will Ben nach Tom greifen, er winkt. Doch Tom geht vorbei, sieht nicht hin.

Nicht nur um Ben kümmert sich Klaus Müller, müde Falten umrahmen sein Gesicht. Bis zu dreimal in der Woche fährt er auch zu Toms Wohnheim, schaut nach dem Rechten. "Als Tom dort einzog, hieß es: Wir kümmern uns", sagt er. Doch schnell merkte er, dass Tom dort "versorgt" sei, mehr nicht. "Es gibt kaum Ansprache, kaum Förderung – er kann ja vieles, ist kein anstrengender 'Fall'." Auch hatte das Sozialamt, das mit Toms 21. Geburtstag zuständig wurde, ihn auf "einfach behindert" zurückgestuft und sich geweigert, zahlreiche Bewilligungen des Jugendamts wie Betreuungen zu übernehmen. Müllers springen ein, bei Betreuung und Sachleistungen, mit mehreren Tausend Euro im Jahr.

Auch um die Instandhaltung des Motorrollers kümmert sich Klaus Müller, "obwohl ich formell aus jeder Zuständigkeit raus bin". Jede neue Wegstrecke fährt er mit Tom fünf, sechs Mal, zum Einprägen. Es scheint manchmal, als habe Klaus Müller sich selbst verfahren, komme aus dem Panzer nur schwer raus. Die Glocken läuten schwer. Händchenhaltend verlassen Anke und Klaus den Kirchenbau.

Tiere reden nicht wie Menschen. Das tut ihm gut

Am nächsten Morgen beugt sich Tom über ein lebloses Ding in Pink. Er steht im Stall "seines" Bauernhofes der Werkstatt für Menschen mit Behinderungen. "Die Sau hat es über Nacht totgebissen", sagt er ruhig, "das Ferkel war wohl krank." Nun muss Tom "schön Ordnung machen", den Kadaver nimmt der Bauer, während Tom ausmistet und die übrigen 15 Ferkel zur Sau schiebt, ein Kampf um die 14 Zitzen beginnt.

Da wiehert Juri laut aus dem Nachbarstall. Tom und Juri, die verstehen sich. Der junge Wallach gilt als störrisch, lässt oft niemanden an sich heran, steht aber grad mit dem Schweif nach vorn in der Box. "Der muss sich drehen." Tom geht zu ihm. "Cool, cool", murmelt er wie nebenbei. Juri schnaubt, lässt Tom an seine Seite, und wie bei einem langsamen Walzer trippeln sie eine Wende um 180 Grad.

Tiere reden nicht wie Menschen, da gibt es keine Probleme. In Toms Nähe sind sie zahm. Vielleicht riechen sie die Hormone in ihm, dass etwas anders ist als bei den anderen.

Es zieht ihn in den Schafstall, zu 15 Lämmern, die zu schwach sind für die Heide. Lamm Rüdiger krampft, er leidet an Listeriose. "Er ist von der Mutter nicht lang genug gestillt worden", sagt eine Pflegerin, sie hält Rüdiger in ihrem Schoß, um sie herum fünf Arbeiter. Der Bock hatte nasses Gras gefressen und mit ihm die tödlichen Bakterien. "Wenn es nicht mehr wird, wird er heut Abend erlöst."

Feierabend

Entsetzen bei den umstehenden Arbeitskräften, bei zwei Mädchen rinnen Tränen. Tom dagegen lenkt die anderen Lämmer ab, raunt ihnen zu: "Rüdiger braucht Ruhe, der wird bald abgelöst." Ein junger Mann mit Epilepsie kommt hinzu und seufzt laut auf, die Mädchen ballen die Fäuste, springen schluchzend auf. Das gefällt Tom nicht. "Ruhe jetzt. Da muss jeder mal durch." Er schüttelt den Kopf, setzt sich, lehnt an der Stallmauer, schließt die Augen. Zum ersten Mal seit dem Tag mit dem schwarzen Loch lächelt er nicht.

Auf diesem Hof schließen Menschen und Tiere einen Pakt. Sie schauen nacheinander. Doch heute ist Freitag, Tom hat Feierabend. Er steigt auf seinen Roller, hebt die Hand zum Gruß und gibt Gas. Es geht zu seinen Müllers an diesem Wochenende. Den Weg kennt er. Er legt sich in den Wind und ist bald nur noch ein ferner Punkt. Keine Menschen mehr. Nur müdes Gras in Gelbgrün.

*Namen von der Redaktion geändert

Vor einer blauen Wand mit "Golden Globe Awards"-Logos hält Oprah Winfrey ihre Trophäe in die Kameras
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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(