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Das Logo der Aktion "Deutschlands Herzschlag" Deutschlands Herzschlag

Aktion Deutschlands Herzschlag: "Man kann sehr wohl etwas ändern!"

Eigentlich wollte Wera Röttgering nur ein Projekt starten, um ihre kranke Freundin aufmuntern. Doch dann geschah etwas, mit dem sie nie gerechnet hätte.

Von Alexandra Mankarios

Wera Röttgering in ihrem Büro in ihrem Verein Herzwünsche.

Wera Röttgering in ihrem Büro in ihrem Verein Herzwünsche.

Sie ist so etwas wie eine gute Fee – allerdings nur für Kinder mit schweren Krankheiten: Seit 1988 erfüllt Wera Röttgering die Wünsche kranker Kinder, um sie in einer harten Zeit aufzumuntern. Je nach Wunschlage organisiert sie zum Beispiel Trips in den nächsten Freizeitpark oder Ballonflüge, besorgt Fußballtickets, arrangiert Treffen mit Promis oder verschafft alleinerziehenden Müttern mit ihren Kindern ein paar Tage Auszeit am Meer. Ärzte in ganz Deutschland arbeiten mit Röttgerings Verein Herzenswünsche e.V. zusammen, 70 ehrenamtliche Helfer sind in seinem Auftrag auf den Kinderstationen der Krankenhäuser unterwegs. Für viele Eltern und Kinder ist Röttgering eine zuverlässige Begleiterin, die Kraft spendet im Kampf gegen Hirntumore, Leukämie oder Mukoviszidose, davon zeugen unzählige Dankesbriefe. Gelegentlich flattert sogar die Hochzeitseinladung eines ehemaligen Patienten in den Briefkasten des Herzenswünsche-Teams. Rund 1,7 Millionen Euro Spenden sammelt der Verein im Jahr.

Mittlerweile ist der Verein ein vielfach ausgezeichnetes Paradebeispiel für erfolgreiches Bürgerengagement. Röttering und ihr Team haben einiges gemacht, von dem sich andere soziale Projekte für den eigenen Erfolg etwas abschauen können, zum Beispiel auf Unternehmergeist gesetzt. Als Tochter des Unternehmers Walter Hengst bekam sie den sozusagen mit in die Wiege gelegt. Doch als ihr die Idee zu Herzenswünsche kam, spielten unternehmerische Vorstellungen überhaupt keine Rolle. Im Gegenteil. Schließlich hatte Röttgering damals nur eins im Sinn: ihrer besten Freundin zu helfen, die an Krebs erkrankt war.

Mit Elan über die ersten Hürden

"Sie kämpfte so sehr und war so verzweifelt. Ich wusste nicht mehr, wie ich sie trösten kann. Deshalb habe ich sie gefragt: ‚Wie kann ich dir helfen?’", erinnert sich Röttgering. Die Antwort der Freundin war eine Knobelaufgabe: "Ich brauche etwas, das mit Geld nichts zu tun hat und das nur für mich ist. Etwas, worauf ich mich freuen kann und wofür ich wieder gesund werden möchte." Zwei Tage nach dem Gespräch liest Röttgering in der Zeitung einen Bericht über die amerikanische Make-a-Wish-Foundation, die seit 1980 die Wünsche kranker Kinder erfüllt. Sie schlägt ihrer Freundin vor, ein ähnliches Projekt in Deutschland zu starten. Die ist sofort Feuer und Flamme. "Plötzlich hatten wir das richtige Thema. Gemeinsam brüteten wir über der Idee, dachten darüber nach, wie man das organisieren kann, wen man ansprechen muss", erzählt Röttgering. Der Plan der Freundinnen: Röttgering stellt das Projekt auf die Beine, die Freundin arbeitet so mit, wie es ihre Krankheit zulässt.

Die ersten Hürden lassen nicht auf sich warten. Zum Beispiel die Reaktion der Ärzte, denen sie die Idee ihres Vereins vorstellt. "Der Klinikchef in Münster fand die Idee ziemlich skurril", berichtet Röttgering. "Damals war Vorweihnachtszeit. Er erzählte, dass täglich Menschen auf der Kinderstation auftauchten, um Clown zu spielen, vorzulesen, Spielzeug zu verteilen. Im Januar käme dann kann Mensch mehr. Er bräuchte Unterstützung, aber die müsse zuverlässig sein." Röttgering lässt sich nicht entmutigen: "Wir haben gesagt: Ok, dann sind das jetzt unsere Spielregeln." Zusammen mit Psychologen und Ärzten geht sie fortan auf Familien zu, erfüllt erste Kinderwünsche. "Wir sind auf ganz leisen Sohlen gestartet", blickt sie heute zurück. "Es gibt ja kein Handbuch, wie man so etwas macht. Deshalb tauschen wir uns intensiv mit Ärzten und Psychologen aus, um zu verstehen, was den Kindern helfen kann", beschreibt sie ihre Strategie.

Vom Hobby zur Profession

Zunächst erhalten Röttgering und ihr wachsendes Helferteam vor allem Unterstützung in Form von Sachleistungen. Um einem schwer kranken Kind Freude zu bereiten, backen Bäcker umsonst Kuchen, verzichten Anbieter von Ballonfahrten und anderen Dienstleistungen gern auf Bezahlung.

Dann, Anfang 1992, drückt jemand Röttgering plötzlich Geld in die Hand. "Da wusste ich: Jetzt brauchen wir einen Verein, eine Satzung, ein Konto." Kritisch überprüft Röttgering, ob sie der neuen Projektphase gewachsen ist: "Nichts ist peinlicher als etwas aufzubauen, weil man eine gute Idee hat, und dann kann man es gar nicht umsetzen!" Sie fragt sich: Können wir das wirklich leisten oder weinen wir abends nur noch? Hilft es den Kindern wirklich? Unterstützen uns die Ärzte? Alle drei Punkte kann sie abhaken – im März 1992 findet Herzenswünsche e.V. den Weg ins Vereinsregister. Im selben Monat verliert ihre Freundin den Kampf gegen den Krebs. Anstelle von Kränzen spenden die Trauergäste an Herzenswünsche e.V. – das erste Geld ist da. Die Verantwortung auch.

Denn die oberste Regel für jede seriöse Hilfsorganisation lautet: So wenig Spendengelder wie möglich dürfen in Verwaltung und Werbung landen. Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI), das soziale Organisationen mit dem Deutschen Spenden-Siegel auszeichnet, hält Verwaltungs- und Werbeausgaben für gerade noch vertretbar, wenn sie 35 Prozent der Spendeneinnahmen verbrauchen. Herzenswünsche liegt im niedrigsten Bereich von unter zehn Prozent.

Das gelingt, weil die umtriebige Gründerin für die höchsten Ausgaben andere Geldquellen aufgetan hat. Die zweieinhalb Gehälter der hauptamtlichen Mitarbeiter finanzieren sich komplett aus Bußgeldern. Der Verein ist beim Oberlandesgericht im "Verzeichnis der Geldauflagenempfänger" registriert. An die sozialen Einrichtungen, die auf dieser Liste stehen, gehen Bußgelder, die das Gericht einnimmt. Büroräume und PCs stellt das Unternehmen ihrer Familie kostenfrei für den Verein bereit.

Wettlauf gegen den Tod

Neben finanziellen Fragen müssen Projektgründer wie Röttgering auch menschlich einige Herausforderungen meistern. Immer wieder muss das Herzenswünsche-Team in aller Eile handeln, um zum Beispiel einem Kind mit schnell wachsendem Hirntumor seinen Wunsch noch erfüllen zu können. Immer wieder ist Röttgering hautnah dabei, wenn Kindern kritische Operationen bevorstehen oder Behandlungen nicht den gewünschten Erfolg bringen. Aber das positive Feedback von Ärzten und Kindern hilft ihr in schwierigen Situationen weiter: "Ich bin unglücklich, wenn ich das Gefühl habe, dass ich nichts machen kann. Aber für die Kinder fällt uns immer etwas ein, das sie dazu bringt, wieder zu strahlen", erzählt Röttgering.

Kraft schöpft sie auch aus ihrem eigenen Leben. Das Unternehmen der Familie laufe gut, erzählt sie, die zwei Söhne seien wohlgeraten, außerdem ist Röttgering fünffache Oma, und führt mit ihrem Mann eine immer noch erfüllte Ehe. "Das ist Glück pur. Davon möchte ich etwas abgeben – anstatt zu sagen, wie es den anderen geht, kann ich ja doch nicht ändern. Man kann sehr wohl etwas ändern!"

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