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Australisches Pinguin-Massaker: Der Täter trägt Pelz

Sie sind niedlich, selten und bedroht: An einem Strand in Sydney wurden grausig zugerichtete Zwergpinguin-Leichen gefunden. 30 Tierschützer und Scharfschützen liegen mittlerweile auf der Lauer, um den Täter zu stellen. Die Regierung hat sogar einen DNA-Test veranlasst.

Die ersten grausig zugerichteten Zwergpinguin-Leichen wurden an einem kleinen Strand gefunden, der weiße Sand war rot von Blut. Wenige Tage später schlug der Killer wieder zu, diesmal auf den nahen Felsen über dem Hafen von Sydney. Die Opfer waren von Bisswunden übersät, ihre Bäuche zerfetzt. Die Muster der Blutspritzer und erste Tests lieferten Ansätze eines Täterprofils: Flink ist er, verstohlen - und er trägt Pelz.

Wer tötet die Zwergpinguine am Strand von Manly, einem Badeort am Stadtrand von Sydney? Ein Fuchs? Ein Hund? Beide? Die Ermittlungen erbrachten bisher einige Hinweise. Dass ein Mensch am Werk war, ist so gut wie ausgeschlossen. Bissspuren und Blutspritzer deuten auf Füchse hin. Sie pflegen sich in ihre Beute zu verbeißen und sie herumzuschleudern, wie Sally Barnes, Chefin der Forstbehörde des Bundesstaats Neusüdwales, erklärt. Für die 30 freiwilligen Pinguin-Schützer aus Manly, die jede Nacht stundenlang über die Tiere wachen, ist die Identität des Übeltäters allerdings zweitrangig. Wichtiger ist es ihnen, eine Wiederholung des "Massakers von Manly Point", wie sie es nennen, zu verhindern.

Sie versuchen alles, um die Tiere zu schützen

"Es ist wie ein Alptraum, aus dem man nicht erwacht", klagt Angelika Treichler. Die 67-jährige ehemalige Lehrerin opfert seit fünf Jahren beinahe jede Nacht der Sorge um die flauschigen blau-weißen Winzlinge. Inzwischen beschäftigt der Tod der bislang neun Pinguine und der Schutz der Überlebenden auch die Landesregierung. Die Forstbehörde hat DNA-Proben an ein Labor gesandt, doch das Ergebnis steht noch aus.

"Es ist wirklich egal, ob es ein Fuchs oder ein Hund war - wir warten das nicht ab", sagt Barnes. "Wir unternehmen schon mal alles uns mögliche, damit die Pinguine in Sicherheit sind". So wurden zwei als Scharfschützen ausgebildete Schädlingsbekämpfer mit Nachtsichtgeräten und Kleinkalibergewehren in Marsch gesetzt. "Australier sind generell Tierfreunde und der heimischen Tierwelt sehr verbunden", erklärt Barnes. "Deshalb tun sie alles, was sinnvoll ist, um besonders gefährdete Tiere zu schützen".

Die Zwergpinguine, auch Feenpinguine genannt, sind besonders putzig. Als kleinste Pinguinart werden sie höchstens 35 Zentimeter groß und etwa ein Kilo schwer. In Südaustralien und Neuseeland kommen sie häufig vor, in Neusüdwales hingegen selten. Die 120 Tiere in Manly sind die einzige auf dem australischen Festland verbliebene Brutkolonie und werden in dem Bundesstaat als gefährdete Art eingestuft.

Tod auf dem Heimweg

Vor fünf Jahren war Treichler eine kleine Gruppe Pinguine aufgefallen, die allabendlich vom Meer zu ihren Nestern unter der hölzernen Seebrücke watschelten. Sie war hingerissen - und besorgt: Wer würde sich um ihre Sicherheit kümmern? So begannen ihre Nachtwachen neben den Pinguin-Nestern. Minder wichtige Dinge wie ein neues Hüftgelenk verschob sie auf die drei Monate im Jahr, die die Pinguine im Ozean unterwegs sind. Bald fand sie Mitstreiter. Heute wechseln sich 30 "Pinguin-Hüter" mit den Nachtwachen ab. Abgesehen von Fuchs und Hund laueren noch mehr Gefahren im Alltag, wie Wächterin Elissa Barr weiß: Foto-Blitzlicht lässt die Pinguine die Orientierung verlieren. Manchmal stecken sie mit dem Hals in Müll fest. Und Betrunkene treten und urinieren gelegentlich auf sie. Doch die Beschützer können nicht überall zugleich sein, wie das jüngste Gemetzel zeigt. Treichler vermutet, dass es die Pinguine während ihres abendlichen Marschs nach Hause erwischte, weil sie laut Autopsie frischen Fisch im Magen hatten. Also wurden die Wachen verstärkt.

An diesem Abend hüten sieben Menschen ein Nest mit vier Pinguinen. Alles ist ruhig. Treichler vermutet, dass die ungewöhnliche Stille am Strand nebenan, wo sich die jüngste Bluttat ereignete, den Tieren die Gefahr bewusst gemacht hat. "Normalerweise singen sie ihre Liebeslieder", erklärt sie. "Aber im Augenblick ist es geradezu unheimlich ruhig". Ein Mann schaut vorbei und meldet, dass er tags zuvor in der Nähe einen kopflosen toten Pinguin entdeckt hat. Die Wächter sind bestürzt. Treichler und ein Mitstreiter brechen auf, um auch bei den Nestern auf dem Privatstrand nach dem Rechten zu sehen. Selbst wenn das "ein bisschen illegal" ist, wie sie einräumt. Doch dort draußen in der Dunkelheit lauert noch immer ein Killer.

Kristen Gelineau, AP

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