HOME

Szene-Stadtteil Noord: Amsterdams neues Trendviertel: Ganz der Zukunft zugewandt

Das historische Zentrum mit seinen niedlichen Häuser und Grachten kennt jeder. Am Ufer des ehemaligen Meeresarmes Ij erfindet sich die Stadt gerade neu – mit einer Mischung aus beeindruckender Architektur und lauschigen Plätzen.

Skyline gegenüber vom Hauptbahnhof und das Wahrzeichen des Wandels: das Eye Filmmuseum und A'dam-Turm am Ij.

Skyline gegenüber vom Hauptbahnhof und das Wahrzeichen des Wandels: das Eye Filmmuseum und A'dam-Turm am Ij.

Dicht an dicht stehen Fußgänger, Räder und Motorroller an Deck der Fähre, die Mensch und Gerät über das Ij trägt. Der Wasserweg, der früher ein Meeresarm war, trennt das Stadtzentrum Amsterdams vom Stadtteil Noord. Zum Bug hin nimmt das Gedränge gerade zu, da dreht der Kapitän kurz vorm Anlegen sein Fährboot um 180 Grad. Ob er ein gottesfürchtiger Mann ist oder nur ein Freund der Situationskomik, lässt sich nicht sagen – jedenfalls sind die Letzten plötzlich die Ersten. Von hinten gibt's ein Drücken und Schieben, als gelte es, Neuland zu betreten.

"Vor ein paar Jahren noch gehörte Noord irgendwie gar nicht zur Stadt, niemand wollte da hin", erinnert sich Sascha Glasl. Der 39-jährige Architekt sitzt im Foyer des A'dam-Turms, ganz in der Nähe des Fähranlegers. Früher war hier die Zentrale des Ölkonzerns Shell, heute beherbergt das Gebäude Büros von Sony Music und anderen Musikfirmen, dazu ein Designhotel, einen Nachtclub und ein Drehrestaurant. Weithin sichtbares Zeichen für den Wandel ist auch das Eye Filmmuseum direkt nebenan. Ein futuristischer Bau, der am Ufer liegt wie ein ausgeschlagener Backenzahn. Seit einiger Zeit zieht das einstige Arbeiter- und Industrieviertel Künstler, Hipster und Jungvolk an.

Noch lieber als über Noord möchte Glasl über sein Herzensprojekt reden: die Hausbootsiedlung De Ceuvel. Nur ein paar Fahrradminuten vom Turm entfernt haben er und seine Kollegen eine Art Öko-Utopia gegründet. Auf dem Areal einer ehemaligen Werft wurden 17 umgebaute Hausboote zu einer Siedlung aus Ateliers und Mietbüros zusammengesetzt, verbunden mit einem Bambussteg und dicht bepflanzt mit Gräsern, die den Boden entgiften. Die Bewohner erzeugen nicht nur ihre eigene Energie und Wärme, es wird auch recycelt, was das Zeug hält. Glasl, ein Deutscher, hat in Aachen studiert, arbeitet seit zehn Jahren hier, "weil es einem viel leichter gemacht wird zu experimentieren, Pionierarbeit zu leisten".

Treffpunkt der Zukunftsforscher

Gedacht als Muster für nachhaltiges Bauen, hat sich De Ceuvel inzwischen zum Treffpunkt entwickelt, nicht nur für Zukunftsforscher, sondern auch für neugierige Amsterdamer, Holländer und Touristen. De Ceuvel wirkt wie ein verwunschenes Idyll, weit weg vom üblichen Trubel. So kann es vorkommen, dass am einen Ende des Geländes gerade ein Minister vorbeischaut, während auf der anderen Seite gemütlich gefrühstückt wird – oder nackt gebadet.

Die ausländischen Besucher folgen den Einheimischen: Sie wollen auch (mal) raus aus dem Rummel. So schön und putzig die historische Kulisse Amsterdams auch sein mag, sie ist inzwischen so überlaufen und verstopft, dass man selbst mit dem Zweirad im Menschenstau stecken bleibt. Die Stadt wächst, die klassischen, dicht bebauten Viertel platzen aus allen Nähten. Was tun?

"Wir haben Wasser, lasst uns Land draus machen. Das ist der typisch holländische Ansatz", sagt Marc Peperkamp. Der 52-Jährige – kurze graue Haare, Hornbrille – hat Stadtplanung studiert und arbeitet als Bürochef bei Arcam, dem "Architectuur Centrum Amsterdam". Eine gute erste Anlaufstelle für alle, die wissen wollen, welche aufregenden Gebäude gerade in Amsterdam entstehen.

Für Touristen interessant

Die spannendsten Projekte findet man entlang der Ufer des Ij, auf frisch aufgeschütteten Inseln. Wie der Ortsteil Ijburg im Osten des Stadtzentrums. 45.000 Menschen sollen hier bald leben und arbeiten. Es gibt ultraschnelles Internet, Energiequelle ist das Sonnenlicht, ein digital vernetztes Straßen- und Ampelsystem wird die Verkehrsflüsse optimieren. Trotz imposanter Architektur wirken Teile der künstlichen Insel noch ein wenig unbehaust. 

Einzig entlang der Hauptstraße herrscht bereits reges Treiben mit Supermärkten, Schulen und Boutiquen. Peperkamp und sein Team von Arcam wollen nicht nur Werbung machen für zeitgenössische Baukunst, sondern sie kritisch begleiten. Taugen die neuen Häuser nur als Augenfutter für Touristen? Oder bereichern sie auch das Leben der Einheimischen? Die Antwort braucht Zeit.

Wer sich von der City aus nach Ijburg auf den Weg macht, radelt viele Kilometer über Brücken und Wasserläufe, bis die Muskeln müde werden vom Gegenwind. Vorbei an den schwimmenden Häusern der Architektin Marlies Rohmer, die kaum merklich auf dem Wasser auf und ab schaukeln. Vorbei am Wohnblock "Weißes Kap" und anderen prämierten Bauten.

Warum auch dieses Viertel – neben der modernen Architektur – zusehends für Touristen interessant wird, hat einen banalen Grund: Es gibt am äußersten Zipfel einen großen Sandstrand. "Das haben wir als Stadtplaner auf jeden Fall gelernt", sagt Marc Peperkamp. "Bau den Leuten einen Strand, dann kommen sie von selbst." Das neue Ausflugsparadies trägt nun den Namen "Blijburg". Übersetzt bedeutet "blij": froh, glücklich.

Crane Hotel Faralda: Schlafen in 40 Meter Höhe: Dieser Kran ist Amsterdams coolstes Hotel
Crane Hotel Faralda, Amsterdam

Er steht auf vier Beinen und ist ein bewegliches Objekt: Kran 13. Nur eine zehnminütige Fährfahrt vom Hauptbahnhof entfernt überragt der 50 Meter hohe Stahlkoloss das Areal der ehemaligen Nederlandsche Scheepsbouw Maatschappij (NDSM).


Wissenscommunity