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Besteigung des Allalinhorns im Wallis: Das höchste der Gefühle

Jeder Schritt eine Herausforderung, jede Wand ein Wagnis: "Geo Saison"-Autorin Carola Feddersen hat in den Schweizer Alpen ihren ersten Viertausender bestiegen und dabei nicht nur dünner Luft getrotzt, sondern auch ihre persönlichen Grenzen verschoben.

Ein Ausrutscher, und ich habe zwölf Stahlzacken im Gesicht. So hatte ich mir mein Abenteuer nicht vorgestellt. Dabei war eben auf dem Steilhang noch alles gut. Unser Tagesziel, der 4027 Meter hohe Gipfel des Allalinhorns, schien nah. Sein Anblick mobilisierte das letzte bisschen Kraft. Doch vor meine Viertausender-Premiere hat der Berg eine echte Gemeinheit gesetzt: eine etwa zwanzig Meter hohe Steinstufe. Senkrecht geht es da hinauf, und das mit einem Rucksack, der in die Gegenrichtung zerrt. Die eiskalten Hände können kaum noch greifen. Und die Steigeisen an den Füßen fühlen sich auf Fels an wie Stöckelschuhe auf einem Surfbrett.

Nun schweben Hildes Metallkrallen einen halben Meter über mir, ihr Fuß findet keinen Halt auf dem glatten Gneis. Als wir auf unserer Hochtourenwoche mit "leichten 4000ern für Einsteiger" von der Britannia-Hütte in Richtung Gipfel aufbrachen, hatte sie mir anvertraut, dass sie vor dem Aufstieg keinen Bammel habe, wohl aber vor der letzten Passage: "Klettern ist nicht mein Ding!" Meins schon. Dachte ich zumindest. Genau die extreme Erfahrung in Eis und Fels hat mich ja im Hochsommer nach Saas-Fee gelockt. In den Schweizer Kanton Wallis mit 47 Gipfeln jenseits der Viertausender-Grenze, Europas größte Ansammlung von Bergriesen. Die Idee dazu kam mir ausgerechnet auf der Yoga-Matte. Im "Tadasana", der Berghaltung, die im Yoga Ruhe verkörpert, meldete sich diese Sehnsucht: raus aus der Statik des Alltags, die Komfortzone verlassen, eine Herausforderung suchen. Rauf auf einen der höchsten Gipfel der Alpen.

Eine Tour zum Aufwärmen

Doch einem Viertausender tatsächlich aufs Dach zu steigen, bringt mich an meine Grenzen. Selbst die allerleichtesten Hochtouren führen ja über Gletschereis auf Grate, die doppelt so hoch sind wie die Münchener Hausberge, in denen ich sonst unterwegs bin. Aber was heißt schon leicht? Für Alpinisten mag das Allalinhorn eine Tour zum Aufwärmen sein, da sie weder besonders lang noch steil oder technisch anspruchsvoll ist.

Für mich Freizeitsportlerin jedoch sind Gehzeiten von bis zu acht Stunden und 1300 Höhenmetern am Tag, 45 Grad geneigte Hänge und Kletterpassagen im Fels eine Herausforderung - dazu kommen Zugaben wie Kälte, Lawinengefahr oder Höhenkrankheit. Deshalb bereite ich mich vor, so gut es geht: mit dreimal Laufen pro Woche, Vitamintabletten und Höhentraining in der Druckkammer eines Sportinstituts. Es soll meine roten Blutkörperchen auf Trab bringen, damit ich mit der dünnen Luft auf einer hochalpinen Tour zurechtkomme.

Mein Körper spielt auf 3030 Höhenmetern über dem Gletscherdorf Saas-Fee auch erst mal gut mit. Obwohl ich mich zerschlagen fühle, als wir uns um halb drei Uhr aus dem Schlaflager der Britannia-Hütte wühlen. Dort hatte ich am Vorabend meine Mit-Abenteurer kennengelernt: die Rheinländerinnen Oda und Elke, Hilde, die Bergwanderin, die nicht klettern mag - und Martin aus der Steiermark. Gerade mal eine Woche ist es her, dass der 29-Jährige seine Prüfung zum Bergführer abgelegt hat. Ein Guide-Greenhorn für vier Gipfel-Novizinnen: Das flößt mir nicht gerade Mut ein. Ein Risiko suchen ist die eine Sache, das Risiko aushalten die andere, lerne ich.

Mit Steigeisen und Stirnlampe

Als wir losstapfen, tanzen Schneeflocken durchs Licht unserer Stirnlampen. Obwohl ich mit wind- und wasserdichter Hose, Anorak, Mütze und doppelten Handschuhen eine Arktisexpedition bestreiten könnte, friert es mich. "Die Gruppe ist so stark wie ihr schwächstes Glied", hatte Oda gestern Abend aus einem alpinen Lehrbuch vorgelesen. Wir schluckten. "Des klappt scho!", brummte Martin beschwichtigend. Aber der hat gut reden.

Das yogische Atmen hilft mir nun, Ruhe in den Kopf und Stabilität in den Körper zu bekommen. Als wir den breiten Gletscherstrom erreichen, ist mein Herzschlag auf Normalfrequenz. Wir bewegen uns - durch Sicherungsseile, Karabiner und Klettergurte verbunden - wie eine fünfgliedrige Raupe übers Eis. Martin lässt uns die Steigeisen anlegen. Quer geht es nun über den Gletscher, der zügig ansteigt. Die stählernen Zacken verbeißen sich im Eis. Wir sprechen nicht. Wenn doch, geht es nur um praktische Fragen: wie lange noch bis zum Gipfel, wie kalt ist es, wann machen wir eine Trinkpause. Ansonsten konzentrieren wir uns auf die eigenen Schritte. Als ich doch einmal aufblicke, sehe ich im Zwielicht fahle Linien auf der Schneedecke, wie gemalt. Es sind Risse im Eis. Mit sicherem Gespür tritt Martin als Seilerster die Spur, umkurvt die Spalten, sondiert die Stabilität von Schneebrücken, sucht nach der besten Linie für den Aufstieg.

Das erste Licht modelliert grau-schwarze Felsblöcke aus dem Massiv heraus. Eine Steilwand in Sichtweite spuckt eine Salve Steine aus, die in die Tiefe poltern. Es klingt wie eine Drohung. Das schmutzig-weiße Etwas, über das wir stapfen, scheint mir ein feindseliger Ort mit geheimen Öffnungen, Falten, heimtückischen Rissen. Einmal rutsche ich an einem Spaltenrand ab, Eiskristalle zerplatzen unter meinem Gewicht. Beim Blick in den Abgrund könnte ich heulen.

Lachanfall vor dem Felsaufschwung

Dann lugt der Sonnenball über die Grate im Osten. Um uns beginnt es zu glitzern, alles wie aus weißem Guss, darüber blasses Silbergold. Und schon hellt sich auch meine Stimmung wieder auf. Jeder Blick ist wie ein neues Sehen-Lernen. Der Himmel: eine stahlblaue Wölbung. Die Felsen ringsherum: vom Mahlstrom des Gletschers gerundet. Über Saas- Fee, auf das wir hinabschauen, weidet eine Nebelherde an Berghängen und auf grünen Almen. Am Talschluss gegenüber prangen massig die Eisschilde von Täschhorn, Lenzspitze und Dom.

Die schwierigsten Passagen der Tour liegen jetzt vor uns: drei Steilaufschwünge. Unser Weg verläuft neben einer scharfen Gratschneide. Links klafft die Felsschlucht, rechts fallen die vereisten Schneehänge der Allalinhorn-Nordflanke schroff ab. Ein Sturz … aber darüber will ich nicht nachdenken. Martin verkürzt die Seilabstände zwischen uns. Er mahnt uns, jeden Schritt und Hieb mit dem Pickel präzise zu setzen. In kleinen Serpentinen spuren wir voran und hauen die Frontalzacken der Steigeisen mit aller Kraft in den Firn. Ich bin nur noch Atem, Muskel, Konzentration, frei von allen Emotionen, die mich sonst beschäftigen. Lustig, denke ich plötzlich, wie Yoga!

In der größten Anstrengung bekomme ich einen Lachanfall. Die anderen drehen sich um. Es lacht aus mir heraus: die Freude, die Angst, das Gefühl, auf mich selbst zurückgeworfen zu sein. Ich will es zu Ende bringen und steige in die Wand ein, die schroff zwischen uns und dem Ziel ragt.

Ein Meer aus gefrorenen Wellen

Doch jetzt stecke ich unter Hilde fest. Der Abgrund scheint mich nach unten zu saugen. Ich schaue hinauf und warte auf Hildes Aufstieg. Martin wollte uns doch von der Kuppe oben mit dem Seil sichern. Was macht unser Guide denn bloß: die Aussicht genießen? Eben habe ich noch gelacht, dass mir der Bauch schmerzte, nun könnte ich schreien vor Wut. Auf Martin, auf meinen Übermut, auf dieses ganze Vorhaben.

Dann geht alles sehr schnell. Unser Guide grinst über den Felsrand zu uns herunter. Ein einziger Seilzug von ihm hievt Hilde auf die nächste Felsnase. Sie findet wieder Halt für Fuß und Hand, klettert weiter. Ich hinterher. Jeder Zentimeter, den wir vorankommen, jagt Energie in meinen Körper zurück, und bald sind wir am Gipfelkreuz. Die Bergkämme ringsum wirken wie ein Meer aus gefrorenen Wellen, die Silhouetten von Matterhorn, Montblanc und Monte-Rosa-Massiv zacken sich ins Firmament, das Eis auf ihren Spitzen glitzert in der Sonne. So habe ich diese Gipfel noch nie gesehen. Und solch intensive Emotionen in einem rasanten Wechsel wie auf dieser Tour im Grenzbereich haben mich auch noch nie durchgeschüttelt. Meine Gänsehaut liegt nicht nur an den kalten Böen, die über den Bergkamm fegen.

Carola Feddersen
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